Presseschau vom 3.7.2008
Die Rückkehr des Monsters

Die internationale Wirtschaftspresse sucht nach Auswegen aus der sich immer weiter nach oben drehenden Preisspirale für Öl und Nahrungsmittel. Die Montreal Gazette wünscht sich mehr ausländische Investoren in Kanada. Der Independent aus Großbritannien erklärt die Anziehungskraft, die Moskau auf westliche Banker ausübt. Fundstück: Vorsicht vor preisgekrönten Vorstandsvorsitzenden!
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"Die Menschheit glaubte schon, sie habe es besiegt, doch jetzt kehrt es zurück, das Monster", zeichnet die Süddeutsche Zeitung ein dramatisches Bild. All die klugen Bücher, die einst seine Auslöschung verkündeten, seien nur noch ein Haufen Papier, das Monster schleiche sich zurück, fresse das mühsam Ersparte, raube das Geld vom Lohnkonto. "In Europa steigen die Preise stärker denn je seit Ankunft des Euro 1999, und auch global entwertet sich das Geld so rasch wie nie in diesem Jahrzehnt - eine Bedrohung für Sparer, Arbeitnehmer und Kunden." Schuld sei die Globalisierung: In der Theorie habe sie die Inflation zähmen sollen, weil die weltweite Konkurrenz die Preise der Firmen drücke und hunderte Millionen Chinesen und Inder in die Produktion strömen und so die westlichen Löhne niedrig hielten. Eine langfristige Antwort darauf sei, die Welt unabhängiger vom knappen, klimaschädlichen Öl zu machen, eine andere, Ländern wie China ihre Dollar-Bindungen auszureden. "Die beste Antwort auf die globalisierte Inflation wäre, die Boomstaaten noch in einem anderen Punkt an den Westen anzunähern. Durch den Export des Modells, mit dem Europa und die USA die Preissteigerung lange niedrig gehalten haben: Durch Zentralbanken, die die Inflation frei von politischen Einflüssen bekämpfen."

"Das Gespenst ist wieder da", titelt auch Der Westen, das Online-Portal der WAZ-Mediengruppe. Hohe Energie- und Nahrungsmittelpreise würden zunehmend zum Konjunkturproblem, Regierungen, Notenbanken und Ökonomen befürchteten, dass die hohen Inflationsraten die schwächelnde Weltwirtschaft tief in den Abgrund reißen könnten. Dass erinnere alles an den Zusammenbruch in den westlichen Industriestaaten vor 30 Jahren. "Hohe Ölpreise, steigende Löhne, und schließlich Preiserhöhungen auf breiter Front: Anfang der 80er Jahre konnten die Notenbanken der USA und Westeuropas nur noch mit massiven Zinserhöhungen eine Ausbreitung der Inflation verhindern." Heute seien es die großen Schwellenländer wie China, die für eine Rückkehr der Inflation ins echte Leben sorgten: "Ihr Energiehunger und die rasant wachsende Lebensmittelnachfrage treiben die Preise." Die rasante und flächendeckende Ausbreitung der Preisschübe rund um den Erdball sei deshalb die derzeit größte Gefahr für die Weltwirtschaft. Doch nicht nur die Schwellenländer seien Schuld an der Inflation, ein mindestens ebenso großer Anteil gehe zu Lasten der US-Notenbank.

"Zum Ende des ersten Quartals gab es begründete Hoffnung, dass sich die Preise für Rohöl und Nahrungsmittel wieder fangen würden. Doch diese Hoffnung wurde grausam enttäuscht", stellt das Wall Street Journal angesichts der aktuellen Preisexplosion resigniert fest. Dabei hätten Regierungen weltweit doch viel unternommen, um das "Biest" zu zähmen: Sie hätten versucht, Angebot und Nachfrage ins Gleichgewicht zu bringen, die Rolle der Finanzmärkte und Spekulanten untersucht, Pensionärs- und Hegde-Fonds hinterfragt und sich bemüht, den Konsum zu drosseln. "Aber die Preise stiegen weiter, und sie steigen noch weiter, und daran wird sich auch in naher Zukunft nichts ändern." Grund, so das Blatt, sei die anhaltend hohe globale Nachfrage, insbesondere die der aufstrebenden Wirtschaftsnationen. Es bleibe offenbar nur noch zu hoffen, dass die Verbraucherpreise irgendwann ein Niveau erreichten, dass in einem drastischen Konsumrückgang resultiere; dann sei mit Überproduktion zu rechnen - und sinkenden Preisen.

Die New York Times beleuchtet in einem ausführlichen Hintergrundartikel die Ursachen für die hohen Nahrungsmittelpreise. So spiele die heterogene Anbaustruktur aufgrund geografischer und klimatischer Bedingungen eine Rolle; das führe z.B. dazu, dass weltweit am meisten Getreide angebaut werde, auch wenn ein ausgewogeneres Verhältnis im Vergleich zu anderen Nahrungsmitteln für den Markt gesünder wäre. Im Ergebnis sei der Agrarmarkt in zahlreich kleine, auf bestimmte Anbauprodukte spezialisierte Märkte gegliedert, die alle auf unterschiedliche Faktoren reagierten und basierten. "Außerdem ist der globale Agrarmarkt recht klein: Nahrungsmittel werden hauptsächlich regional und lokal gehandelt, der Anteil global angebotener Produkte liegt kaum über 20 Prozent. Das bedeutet, dass die Anzahl an Transaktionen zu gering ist als dass sie stabile Preise garantieren könnte." Andere Faktoren, die zur Teuerung beitragen, seien die Popularität von Biosprit, das Wetter und Spekulanten.

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