Presseschau vom 4.7.2008
Strahlende Aussichten für den Energiemarkt

Die internationale Wirtschaftspresse geht der neuen Akzeptanz für Atomkraftwerke auf den Grund und warnt vor erheblichen Kosten. Les Echos und Le Monde aus Frankreich zeichnen düstere Bilder der französischen Wirtschaft. Henry Kissinger wirbt in The Australian für Russland. Fundstück: Amy Winehouse ist ein Marketinggenie.
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"Die Atomkraft erlebt weltweit eine Renaissance und zwar offensichtlich nicht nur in den Köpfen der Regierungen, die allerorten auf Atomenergie setzen, sondern auch in denen der Bevölkerung", kommentiert die Westdeutsche Allgemeine Zeitung die aktuelle Debatte. Der Schrecken von einer unkalkulierbaren Monstertechnologie sei dem Schrecken aus schmelzenden Gletschern und explodierenden Energiepreisen gewichen - was nicht verwundere: "Wer Kohlendioxid in Deutschland bis 2020 um 40 Prozent reduzieren und zugleich die CO2-freien Atomkraftwerke abschalten will, der muss die Frage beantworten, woher denn der Strom kommen soll." Zudem könne der Preis für Strom nicht sinken, wenn die Energiekonzerne in Ermangelung der Kraftwerke weniger davon produzieren.

In der Europäischen Union scheint die Akzeptanz von Atomenergie zuzunehmen. Nur noch eine knappe Mehrheit der EU-Bürger sei gegen die Nutzung der Kernenergie, während der Anteil der Befürworter steige, berichtet die Epoch Times Deutschland über eine Umfrage der Europäische Kommission: "44 Prozent der knapp 27.000 befragten EU-Bürger befürworteten die Nutzung der Kernkraft zur Stromproduktion. Dies sei ein Anstieg um sieben Prozentpunkte seit der letzten Eurobarometer-Erhebung zur Atomenergie im Jahr 2005." Der Anteil der Atomkraftgegner an der EU-Gesamtbevölkerung sei dagegen von 55 Prozent auf 45 Prozent zurückgegangen. Diese Durchschnittswerte seien nur eingeschränkt vergleichbar, warnt zwar das Blatt: So seien für die aktuelle Umfrage die Bürger von 27 Staaten befragt worden, bei der vorausgehenden Erhebung waren dagegen Bulgarien und Rumänien noch nicht in der EU. Doch auch bei der Betrachtung der Ergebnisse für die übrigen 25 Staaten zeichne sich ein Trend zugunsten der Atomenergie ab: In 18 Ländern nahm die Zahl der Kernkraft-Befürworter zu, nur in sieben blieb sie seit 2005 stabil oder ging zurück.

In Frankreich sind Atomreaktoren nicht nur nach wie vor akzeptiert, es werden auch neue gebaut. Wie das französische Wirtschaftsblatt Challenges berichtet, habe Nicolas Sarkozy seine Ankündigung, einen zweiten Atomreaktor des deutsch-französischen Typs EPR zu bauen, mit mächtigen Argumenten begründet. "Die Ära des teuren Öls ist vorbei: Die Atomenergie ist heute mehr als zuvor die Industrie der Zukunft und eine unverzichtbare Energiequelle", zitiert das Blatt den französischen Präsidenten. Nicht nur sei Atomenergie 30 bis 50 Prozent preiswerter als Energie aus Erdgas oder Erdöl. Frankreich erhalte auch mit dem neuen Reaktor die Möglichkeit, sich zum Exporteur von Atomenergie zu entwickeln. "Das ist eine historische Chance", so Sarkozy.

Mit einer Nuklear-Renaissance will sich die Financial Post aus Kanada nicht abfinden. "Sicher, die Befürworter sagen, dass es einen guten Grund für Kernenergie gebe - den Klimawandel -, und sie schlussfolgern daraus, dass die Welt keine andere Wahl habe, als Atomkraftwerke zu nutzen. Doch dieser gute Grund ist kein Argument, er ist die Pistole am Kopf", ereifert sich die Zeitung. Es gebe ein paar Gegenargumente, wie Sicherheit oder nuklearer Abfall. Doch das wichtigste Gegenargument seien die Kosten: "Nach Informationen des Wall Street Journals kostet die Errichtung eines Reaktors schätzungsweise 6.000 US-Dollar pro Kilowatt, vor einem Jahr waren es noch 4.000 US-Dollar. Bei der Menge an Reaktoren, die Nordamerika bräuchte, können schnell Milliarden zusammenkommen." Hinzu komme, dass, im Gegensatz zu Öl und Erdgas, niemand aus dem Privatsektor Atomkraftwerke finanzieren wolle.

Die Economic Times aus Indien beklagt, dass die Verbitterung der Inder über den möglichen Nuklear-Deal mit den USA eine kritische Auseinandersetzung mit Atomenergie verhindere. Denn das Argument, dass Indien Reaktoren wolle, um im Energiesektor nicht mehr auf teueres Öl angewiesen zu sein, sei nicht gerechtfertigt. "Der weltweit produzierte Strom kommt nur noch zu 4 Prozent aus Öl. Es wird heute hauptsächlich für Transporte genutzt", stellt das Blatt klar. "Ein Plus an Atomenergie wird daher nicht den Bedarf an Öl senken, schon gar nicht in Indien." Auch müsse bedacht werden, dass nicht nur die Ölreserven bald erschöpft seien, sondern auch die für Uran. "Und das Atomenergie billiger sein soll als Energie aus anderen Rohstoffen ist ein Trugschluss." So werde der Import von Reaktoren die Preisdifferenz zwischen Strom aus Atom- und Strom aus Kohlekraftwerken vergrößern.

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