Presseschau vom 6.11.2007
Pleite im Spielkasino

Die internationale Wirtschaftspresse verfolgt weiterhin die Turbulenzen bei der Citigroup und Merrill Lynch. Der Guardian setzt sich für noch höhere Ölpreise ein. Für die FAZ ist der Börsengang von Petrochina der Beleg für kommunistisches Gottvertrauen. Fundstück: Tête-à-tête mit Neurotikern, Evangelisten und Stalkern.

Das » Wall Street Journal führt die Krisenberichterstattung bei der Citigroup fort. Das Kernproblem der größten US-Bank seien nicht die jüngsten Marktverluste, sondern die Tatsache, dass diese nicht durch andere Geschäftsbereiche hätten kompensiert werden können. Dies sei auf das „universale Banken-Modell“ zurückzuführen, das der frühere Bankenchef Sandy Weill installiert habe: Je mehr Finanzdienstleistungen die Bank den Kunden anbieten könne, desto höher der Umsatz. Inzwischen werde diese Theorie von Wall-Street-Analysten angezweifelt, die eine Aufspaltung des Bankenkonzerns forderten. Was gegen diesen Schritt spreche, sei der Erfolg eines der Hauptrivalen, J.P. Morgan Chase. Zwar habe die drittgrößte US-Bank ebenfalls im dritten Quartal wegen Verlusten im Kreditgeschäft eine Schlappe einstecken müssen. Demgegenüber hätten florierende Bereiche wie Asset Management und das Kreditkartengeschäft das Gesamtergebnis jedoch abgefedert.

Auch die » Financial Times Deutschland widmet sich erneut dem Führungswechsel bei der Citigroup, deren Engagement in privaten Baukrediten zweitklassiger Bonität (Subprime) allein im Oktober um elf Milliarden Dollar an Wert verloren habe. Die Citi habe „in dem Spielkasino namens Kapitalmarkt kaum eine der vielen hochkomplizierten Spielarten“ ausgelassen. Deshalb übersteige das „Desaster“ sogar das Ausmaß der Probleme, wegen derer Merrill-Lynch-Chef Stan O'Neal seinen Hut habe nehmen müssen. Insgesamt fehle der Großbank schätzungsweise 30 Milliarden Dollar Kapital, ein Viertel des gesamten Citi-Eigenkapitals. „Der neue Verwaltungsratschef Robert Rubin und der Übergangschef Sir Win Bischoff werden nicht darum herumkommen, die Risiken möglichst schnell herunterzufahren – selbst wenn dies weitere Verluste bedeuten könnte. Und sie müssen schnell einen neuen, starken Vorstandschef installieren. Sonst könnte sich das Zerschlagungsszenario schneller bewahrheiten als ihnen lieb ist“, ahnt die FTD.

Eine Woche nach dem Abschied von Stanley Neal von der Merril-Lynch-Spitze berichtet » Forbes, dass der Chef des Vermögensverwalters BlackRock, Lawrence Fink, angeblich die Nachfolge antreten soll – Fink habe zwei Wochen Bedenkzeit. „Weil O’Neal befleckt ist und Investoren an den Qualitäten anderer Führungskräfte wie Finanzchef Jeffrey Edwards zweifeln, könnte Merrill Lynch einen Kandidaten von außen holen“, begründet das Magazin. Fink sei für die Position prädestiniert, weil er BlackRock erfolgreich geführt habe: Der Aktienkurs sei seit 1999 auf ein Niveau von 195 Dollar geklettert. Allerdings sei Fink bereits als Kandidat für Spitzenposten bei Morgan Stanley und der Citibank im Gespräch gewesen – weshalb die Nachricht auch eine Finte sein könnte.

Das » Financieele Dagblad macht sich nach den Entlassungen bei Merrill Lynch, UBS und Citibank Gedanken über den Vertrauensschwund in Top-Banker. Entlassungen könnten nur der erste Schritt sein, findet das niederländische Blatt. Großbanken müssten alle ihre Risikopositionen offenlegen. Das bringe vielleicht rote Zahlen, verschaffe aber Transparenz. Grundsätzlich sollten die Banken einsehen, dass viel auf dem Spiel stehe: „Das Vertrauen der gesamten Gesellschaft“. Diese könne zwar Regeln aufstellen für den Finanzsektor, aber wichtiger sei es, dass die Banken selbst etwas aktiv würden.

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