Presseschau vom 7.7.2008
Wenig Lärm um nichts

Die internationale Wirtschaftspresse blickt mit gemischten Gefühlen nach Toyako zum G8-Wirtschaftsgipfel und kommentiert die Besetzung der Runde sowie die Bedeutung der Gespräche für die Weltwirtschaft. Das Time Magazine nennt Gründe, die für eine Rettung von General Motors sprechen. Der britische Observer hält Unternehmensberatungen für äußerst fragwürdig. Fundstück: Olympischer Medaillensegen dank florierender Wirtschaft.
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"Wem es bislang nicht klar war, dem hat die Kreditkrise vor Augen geführt: die wirtschaftlichen Geschicke der G8-Staaten sind eng miteinander verbunden. Es wird deshalb einfach für sie sein, in Japan eine gemeinsame Position zu beziehen, auch wenn diese wie üblich sehr vage ausfallen wird", schreibt der Observer aus Großbritannien. Deshalb sei es die Herausforderung, angesichts der wirtschaftlichen Schieflage zu Hause nicht die Verantwortung für die armen Länder vergessen. Doch es habe sich bereits abgezeichnet, dass nur Japan und Großbritannien ihre derzeitigen Hilfsbudgets aufrecht erhalten wollten. "Auch scheinen die Ziele, die Gleneagles 2005 gesetzt hat, verwässert zu werden: Eine Anfrage, die Hilfe für Afrika auf jährlich 25 Milliarden US-Dollar bis 2010 aufzustocken, war plötzlich vom Entwurfspapier verschwunden, ebenso wie die Jahreszahl 2010." Die G 8-Staaten müssten ihrer Verantwortung gerecht werden und ihre Versprechen einhalten, fordert das Sonntagsblatt.

Die International Herald Tribune rückt eine andere Verantwortung der G 8-Staaten in den Fokus. "Die weltweite Hungerkrise ist selbstverschuldet, und die G8-Staaten haben einen großen Anteil daran." Nicht nur hielten sie nicht die Hilfsgelder-Versprechen ein, sie verschärften auch mit ihrer falschen Politik die Krise. So subventionierten die USA und Europa den Anbau von nachwachsenden Rohstoffen für Biokraftstoffe: "Nach Angaben der Weltbank geht fast der gesamte Anstieg bei der weltweiten Getreideproduktion von 2004 bis 2007 auf das Konto der US-Produktion für Ethanol. Die Folge: Preise für Getreide und Futtermittel für Tiere sind in Rekordhöhen geschnellt, viele Landwirte bauen fast ausschließlich nur noch Getreide an und vernachlässigen den Anbau anderer Pflanzen." Nach Meinung der Weltbank sei die Hungerkrise ein Test für den wirklichen Willen, den schwachen und anfälligen Ländern zu helfen: "Die G8-Chefs müssen den Wandel schaffen."

"Wenig Lärm um nichts" verspricht sich das französische Journal du Dimanche vom G8-Wirtschaftsgipfel. "Es wird wieder keine Einigungen zu den dringenden Problemen geben, dafür aber die obligatorischen Versprechungen. Dabei stellt die Achtergruppe doch nur eins unter Beweis: in welcher Misere sich Institutionen zur weltweiten Regulierung und Führung befinden. Die Nationen sich einfach unfähig, gemeinsam Probleme anzugehen, die die gesamte Welt betreffen." So mühe sich die UNO ab, sich mit Zimbabwe zu einigen, die Welthandelsorganisation komme mit ihren Verhandlungen kaum voran und der Internationale Währungsfonds sehe kaum Gegenmittel zur Kreditkrise. "Diese althergebrachten Einrichtungen in Frage zu stellen, liegt nahe, erklärt sich ihre Ineffizienz doch aus einem Mangel an visionären Anführern. Ihr kurzfristige Ambition scheint doch nur die zu sein, zusammen auf dem Gruppenfoto zu erscheinen", ätzt das Blatt.

Die Asahi Shimbun aus Japan findet, dass man die Anzahl der teilnehmenden Länder generell aufstocken sollte. Schließlich habe sich die Wirtschaftswelt seit dem ersten Gipfel in 1975 verändert. "Es gibt gute Gründe, die Bedeutung von Diskussionen über die Weltwirtschaft zu hinterfragen, wenn China nicht mit dabei ist." Auch Brasilien und Indien sollten als sich schnell entwickelnde Wirtschaftsnationen berücksichtigt werden. Nur ein Tag sei während des Gipfels für die traditionellen G8-Gespräche vorgesehen - ansonsten sähe das Programm Treffen mit zum Beispiel afrikanischen Staatschefs oder China vor. Das zeige bereits, dass es wenig Sinn mache, sich mit nur acht Staaten am Tisch über Themen zu verständigen. Ein erweiterter G8-Gipfel würde den Wert und die Qualität der Gespräche maximieren. Sollte sich dieser Gipfel als "diplomatische Show" herausstellen, wären die Grenzen der G8-Runde ein für alle mal offenbar.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung meint dagegen, dass das Gastgeberland Japan zu Recht eine Erweiterung der G8 um Entwicklungs- und Schwellenländer verhindern will. Zum einen sei der Gipfel schon jetzt mit zu vielen Teilnehmern und zu vielen Themen überladen: "Sie parlieren über Maßnahmen gegen die steigenden Öl- und Nahrungsmittelpreise, die Finanzkrise und die Risiken für die Weltwirtschaft. Glaubt einer der Staats- und Regierungschefs ernsthaft, eine solche Themenfülle wäre selbst in drei Tagen sinnvoll zu erörtern?" Zum anderen habe die Tendenz zur allumfassenden Größe gefährliche Nebenwirkungen. "Die Treffen der Achtergruppe waren nie als Beschlussgremium gedacht, doch erliegen die Teilnehmer zunehmend dem Hang, konkrete Ergebnisse verkünden zu wollen." Konkrete Ergebnisse aber erforderten nachprüfbare Ziele: "Solche Festlegungen auf sehr lange Zeiträume zeugen von einem planerischen Denken, das jeden Willen vermissen lässt, aus dem Untergang der sozialistischen Planwirtschaften zu lernen." In der Achtergruppe mache sich eine planerische Selbstüberschätzung breit.

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