Presseschau vom 8.11.2007
Ölpreis schafft neue Weltordnung

Die internationale Wirtschaftspresse fragt nach den wirtschaftlichen und geopolitischen Folgen des hohen Ölpreises. Le Monde warnt zudem vor den explodierenden Agrarpreisen. Fortune feiert derweil Bollywood. Und China Daily fordert ein Schnellwarnsystem für chinesische Produkte. Fundstück: Dave Rhodes betrügt seit 20 Jahren die Welt.
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Nachdem die Internationale Energie-Agentur (IEA) gestern die Prognose abgegeben hat, dass die Energienachfrage bis 2030 um 55 Prozent zunehmen werde, analysiert das Magazin » Time die geopolitischen Konsequenzen. In Zukunft werde ein immer höherer Anteil des weltweiten Öl- und Gas-Angebots von immer weniger Ländern stammen. Da die Energie-Vorkommen in der Nordsee und am Golf von Mexiko allmählich versiegten, konzentriere sich das Energie-Angebot größtenteils am Persischen Golf. „Das führt dazu, dass die Industrie-Nationen 2030 weitaus abhängiger vom instabilen Mittleren Osten sein werden als heute. Saudi-Arabien, Kuwait und Iran werden dann Firmen wie ExxonMobil und Chevron, die zunehmend als Subunternehmen von staatlich gelenkten Firmen agieren, ihre Bedingungen diktieren“, prognostiziert das Magazin.

„Mit der Aussicht auf dreistellige Ölpreise ergibt sich eine neue ökonomische und politische Weltkarte“, analysiert die » International Herald Tribune. „Staaten mit hohen Ölvorräten blicken auf historische Gewinne und neue Chancen, während die Hauptimporteure – darunter China und Indien, wo ein Drittel der Weltbevölkung lebt – mit wachsenden wirtschaftlichen und sozialen Kosten konfrontiert werden.“ Das zentrale Problem der globalen Politik bestehe darin, diese neue Weltordnung zu managen. Länder, die Öl dringend benötigten, klammerten sich aneinander, um die knappen Vorräte „abzusperren“, und seien sogar bereit, mit jeder Regierung, egal wie „abstoßend“, zu kooperieren. Überraschend sei jedoch, dass es einige Länder gebe, die sogar direkt oder indirekt vom hohen Ölpreis profitierten. Obwohl Deutschland praktisch seinen gesamten Ölbedarf importiere, floriere die Wirtschaft wegen des umfangreichen Handels mit Russland und dem Mittleren Osten: Die Exporte nach Russland seien von 2001 bis 2006 um 128 Prozent gestiegen, Exporte in die USA um 15 Prozent. In ganz Europa wirke sich der starke Euro wie ein Schutzwall gegen die Schwankungen auf dem vom Dollar dominierten Ölmarkt.

Mit Sorge wartet das » Financieele Dagblad auf das Sinterklaasfest am 5. Dezember: Dann könnten die Benzinpreise noch höher ausfallen als beim Hoch im Herbst 2005 in Folge des Katrina-Orkans. Aber die Zeitung stellt tröstend fest: „Eigentlich ist das noch ganz in Ordnung“. Schließlich sei der Ölpreis seit Jahresbeginn um 65 Prozent gestiegen, der Benzinpreis aber lediglich um 15 Prozent. Warum haben Shell & Co. den Benzinpreis nicht im gleichen Maße steigen lassen, fragt die Zeitung. Nach Einschätzung eines Ölanalysten liege die Ursache beim schwachen Dollar. Der jetzige Benzinpreis laufe hinterher und spiegele derzeit die Situation von Ende August.

Die » Financial Times Deutschland glaubt nicht daran, dass ein Ölpreis von 100 Dollar zum konjunkturellen Absturz führen werde. Gleichzeitig mit dem steigenden Ölpreis nehme derzeit auch der Außenwert des Euros im Vergleich zum Dollar zu, in dem das Öl weltweit abgerechnet werde. Hinzu komme, dass heutzutage knapp halb so viel Öl wie noch in den 70er-Jahren gebraucht werde, um die gleiche Wirtschaftsleistung zu erzielen. „Sollte sich das Weltwachstum aber wieder abschwächen, wie es die Mehrheit der Ökonomen für das nächste Jahr voraussagt, könnte auch der Ölpreis sehr leicht wieder in Richtung 50 Dollar fallen – wie ganz kühne Volkswirte es schon für möglich halten“, schließt die FTD.

Der » EU-Observer aus Belgien richtet den Blick auf die Türkei, die sich zu einem „sicheren Korridor“ für die europäische Ölversorgung entwickeln könnte. Der türkische Mittelmeerhafen Ceyhan versorge Europa schon heute mit dem sehr gefragten alternativen Öl; künftig könnte die Baku-Tbilisi-Erzurum-Gas-Pipeline und ihre Verlängerung nach Griechenland und Italien den Kontinent mit alternativem kaspischen Gas versorgen. Doch während die Türkei grundsätzlich das Potenzial besitze, zum Energie-Verteiler für Europa zu werden, müsse die EU noch einige Aufgaben erledigen. Oben auf der Liste stehe eine diplomatische Initiative, um eine Gas-Pipeline von der Türkei über Bulgarien nach Österreich zu realisieren. Diese Route sei eine Alternative zur kaspischen Quelle und ein guter Anfang, um die zu hohe Abhängigkeit von Russland zu entschärfen.

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