Presseschau vom 9.9.2008
Im Kampf gegen die Bedeutungslosigkeit

Die internationale Wirtschaftspresse nimmt Zustand und Zukunftsaussichten der westlichen Gewerkschaften genauer unter die Lupe. Paul Krugman prognostiziert in der New York Times, dass die USA den Kampf gegen die Finanzkrise verliert. Der Daily Telegraph meint, dass Russland nicht den "Berliner-Mauer-Test" besteht. Fundstück: Carla ist nur mittelmäßig.
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Ein "neues Selbstbewusstsein" attestiert Welt Online der IG Metall angesichts der höchsten Lohnforderung seit 16 Jahren - trotz Konjunkturflaute und mieser Wirtschaftsstimmung. In diesem Jahr würden die Arbeitgeber einer IG Metall begegnen, die sich verändert habe: "Diesmal geht es ihr nicht nur ums Geld. Die IG Metall ist besonders offensiv, weil sie seit dem vergangenen Herbst noch ein anderes Ziel umtreibt: neue Mitglieder anzuziehen. Und dazu eignet sich auch eine Lohnrunde, wenn man mächtig erscheint und die Basis beteiligt." Mitgliederwerbung sei dringend nötig, stecke die IG Metall doch wie alle Gewerkschaften seit Jahren in der Krise: Arbeitsplatzverlagerung, Arbeitslosigkeit und die zunehmende Abneigung in der Gesellschaft, Verbänden beizutreten, habe die Mitgliedszahlen einbrechen lassen, zudem seien zu wenig Junge nachgerückt. Doch würden einige Schlüsselfiguren einen Kulturwandel vorantreiben, dessen Ziel es sei, die Mitglieder aktiver zu beteiligen. Wirtschaftliches Denken habe Einzug gehalten, Leistungsanreize würden geboten, ja selbst die Sprache der Unternehmer ohne Scheu gepflegt: "So wird die IG Metall zwar pragmatischer und flexibler, für die Arbeitgeber jedoch nicht zahmer."

Die Entwicklung neuer Ideen lässt bei den britischen Gewerkschaften dagegen noch auf sich warten. Vieles deute darauf hin, so die Financial Times aus London, dass sich die Vertreter beim Jahrestreffen des Trades Union Congress in dieser Woche wieder in bedrückend gewohnter Manier präsentieren - "sie scheinen in einer Zeitschleife gefangen zu sein, in den glorreichen Zeiten der 70er Jahre-Streiks." Doch um tatsächlich wieder ernsthaft politischen Einfluss gewinnen und sich selbst vor der Bedeutungslosigkeit bewahren zu können, müssten die britischen Gewerkschaften attraktiver für neue Mitglieder werden. Nicht nur aufgrund von Arbeitslosigkeit hätten sie Mitglieder verloren, sondern auch wegen ihrer Selbstgefälligkeit. "Zu viele der aktuellen Generalsekretäre bevorzugen noch immer die auf Effekte ausgerichtete, sozialistische Rhetorik. Auch die Fusionen diverser Gewerkschaften haben nicht geholfen, weil sie letztlich keine adäquate Antwort auf die aktuellen Arbeitsmarktprobleme zu bieten hatten." Die düsteren Wirtschaftsaussichten würden sicher weiter an ihren Mitgliedszahlen nagen. "Doch Arbeitsplatzunsicherheit ist auch eine Chance. Der Congress sollte sie nutzen", fordert das Blatt eindringlich.

"Rentenkürzungen, wachsende Einkommensungleichheit, steigende Kosten für die Gesundheitsfürsorge - die aktuelle gesellschaftliche Lage scheint wie gemacht für kämpferische Gewerkschaften", konstatiert die Seattle Times. Und doch stehe es um Amerikas Gewerkschaften nicht gut: Waren früher ein Drittel der Arbeitskräfte im Privatsektor organisiert, seien es heute nur noch 7,5 Prozent: "Für viele sind Gewerkschaften heute ein Anachronismus." Doch der Streik bei Boeing beweise das Gegenteil. Immerhin seien noch 15,8 Millionen Arbeiter Mitglied von Gewerkschaften, viele probierten neue Taktiken aus und seien darin sogar erfolgreich. Eine neue "Schule" bilde sich heraus, wie zum Beispiel die Idee, regional begrenzte Zielgruppen zu Arbeitskämpfen zu bewegen, oder Einwanderer wie die hispanischen Arbeiter gezielt anzusprechen. "Und letztlich haben sich Gewerkschaften doch immer mit ungleichen Machtverhältnissen konfrontiert gesehen: Während dem Management viele Instrumente zur Verfügung stehen, haben Arbeiter eben nur wenige." Amerika brauche eine dynamische Gewerkschaftsbewegung. "Das ist einfach Teil des Pluralismus des Marktplatzes."

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