Presseschau von 12.6.2008
Friede mit den Freuschrecken

Die Wirtschaftspresse analysiert den Imagewandel und die neuen Strategien der Private-Equity-Branche unter dem Einfluss der Finanzkrise. Der Nouvel Observateur plädiert für vier statt fünf Arbeitstage pro Woche. Kommersant kommentiert die Einkaufstour des russischen Milliardärs Sulejman Kerimow bei westlichen Banken. Fundstück: Siegeszug von Spam.

Die » Frankfurter Allgemeine Zeitung analysiert den Imagewandel der Private-Equity-Branche in Deutschland. Vor wenigen Tagen habe ein als "Freuschrecke" bezeichnetes hellgrünes Wesen auf großformatigen Anzeigen für den Einstieg des britischen Finanzinvestors CVC Capital bei Evonik geworben - dies hätte noch vor kurzem für einen Aufschrei in Politik und Gewerkschaften gesorgt. Drei Jahre, nachdem der damalige SPD-Vorsitzende Franz Müntefering die Fonds als Heuschrecken geißelte, seien diese jedoch ein akzeptierter und etablierter Teil der deutschen Wirtschaft und Finanzbranche geworden: Die Heuschrecken finanzierten in Deutschland Unternehmen, die 1,1 Millionen Mitarbeiter beschäftigten und 195 Milliarden Euro umsetzten. Die Gefühlslage der Deutschen gegenüber den Beteiligungsfonds habe sich just in dem Moment geändert, in dem die Branche international unter der Finanzkrise leide und das mit Abstand wichtigste Betätigungsfeld der Branche, die Buyouts, ins Wanken geraten seien. "Das bedeutet aber nicht, dass Private Equity insgesamt einen dramatischen Relevanzverlust erleiden wird, weder international noch in Deutschland. Private Equity ist ein Teil des hiesigen Wirtschaftskreislaufs geworden."

Die » Neue Zürcher Zeitung glaubt, dass - wegen der zögerlichen Kreditvergabe der Banken - auf absehbare Zeit kaum große Buyouts zustande kommen werden. Da Übernahmen aber traditionell der wichtigste Bereich für außerbörsliches Beteiligungskapital seien, müssten sich viele Private-Equity-Firmen praktisch neu erfinden: Sie wichen zunehmend in neue Anlagebereiche aus, suchten ihre Renditechancen im Sekundärmarkt für Private-Equity-Beteiligungen, bei Mezzanine-Finanzierungen (einer Mischform aus Eigen- und Fremdkapital) sowie bei Immobilien und notleidenden Krediten. "Dass es den Finanzinvestoren aber so quasi im Handumdrehen gelingt, die Renditen auf ihrem sehr hohen Niveau zu halten, ist fraglich", zeigt sich die NZZ skeptisch - nach einer Umfrage von Coller Capital fürchteten drei von vier institutionellen Investoren, den Private-Equity-Firmen fehlten Expertise und Erfahrung im Umgang mit diesen neuen Strategien.

Die » Zeit kritisiert das Vorgehen der Finanzinvestoren Permira und KKR, die zusammen die Mehrheit am Mutterkonzern ProSiebenSat.1 halten und das Unternehmen nach Strich und Faden aussaugten. Obwohl der Gewinn für das Geschäftsjahr 2007 nur bei 90 Millionen Euro liege, hätten die beiden Finanzinvestoren auf der gerade abgehaltenen Hauptversammlung der Mediengruppe eine Dividende von 270 Millionen Euro durchgedrückt. Der tiefe Griff in die Firmenkasse sei allerdings nicht überraschend: Beide Eigentümer hätten schon in der Vergangenheit mit dazu beigetragen, dass das Bild des Finanzinvestors als gierige Heuschrecke kein unbegründetes Vorurteil sei. "Zugegeben, nicht alle Finanzinvestoren agieren derart rüde. Doch der Einstieg solcher Großaktionäre ist ein Warnsignal für private Anleger", schreiben die Hamburger. Zwar gehe der Kurs oft im Zuge einer Übernahmespekulation kurzzeitig nach oben, zugleich steige aber das Risiko, dass sich mit einer aggressiven Finanzierungsstrategie die Bilanzkennzahlen verschlechterten. "Auf der Gewinnerseite sind dann die Aktienanleger, die sich schnell von ihren Anteilen getrennt hatten, bevor die Heuschrecken ihr wahres Gesicht zeigten."

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