Presseschau von 15.2.2008
Jagd auf den letzten Dinosaurier

Die Wirtschaftspresse kommentiert die Vorwürfe der Steuerhinterziehung gegen Post-Chef Klaus Zumwinkel. Carlos Ghosn will laut Le Monde drittgrößter Autobauer der Welt werden. BusinessWeek untersucht den schlechten Ruf von Barack Obama bei Unternehmern. Prawda hält die US-Rezessionsängste für einen Witz. Fundstück: die süße Lust.

Noch bevor die Beweise auf dem öffentlichen Tisch liegen, steht für die » Financial Times Deutschland fest, dass der Fall Klaus Zumwinkel noch schlimmer sei als der „Rotlichtsumpf bei Volkswagen“ oder das „Schmiergeldsystem bei Siemens“. Zumwinkel sei nach der Demontage Heinrich von Pierers der „letzte seiner Art“ gewesen, habe alle Orden, Auszeichnungen und Ehrerbietungen bekommen, die eine Gesellschaft einem Wirtschaftsführer geben könne, sei ein „lupenreiner Profiteur des bundesrepublikanischen Systems, ein Günstling“. Deswegen könne der Betrug nicht beschämender sein. „Viel härter hätte das Misstrauensvotum Zumwinkels gegen das System nicht sein können als durch eine Steuerhinterziehung. Er hat das System hintergangen, das ihn groß gemacht hat. Ein fatales Signal!“

Die » Zeit mahnt anders als die FTD zur Vorsicht: Der Verdacht könne sich auch zerschlagen. Außerdem liefen Reflexe ins Leere, den Fall Zumwinkel in eine Reihe mit den Affären bei Siemens, Volkswagen oder Mannesmann zu stellen. „In allen diesen Fällen standen falsche, auch strafbare Managerentscheidungen in direktem Zusammenhang mit den Unternehmen. Diesmal wohl nicht.“ Sollte Zumwinkel jedoch überführt werden, könnte der Fall die Republik erschüttern. Denn das das eigentliche Vergehen bestehe darin, dass sich einer, der nicht nur vom System profitiere, sondern ihm an leitender Stelle angehöre, hinterrücks dagegen gewandt habe. „Es wäre eine Misstrauenserklärung, die an den Grundlagen unseres Zusammenlebens rührt.“

„Und wieder droht ein Topmanager des deutschen Wirtschaftslebens von seinem Sockel zu stürzen“, meint das niederländische Wirtschaftsportal » Z24 – und nennt Josef Ackermann und Klaus Esser. „Die neue Affäre verstärkt bei vielen Deutschen das Gefühl, dass Topmanager zu allem bereit sind, um hinterlistig Millionen zusammenzuraffen.“ Zumwinkels weiße Weste sei bereits im vergangenen Jahr beschmutzt worden, als er seine Post-Anteile abstieß, nachdem der Mindestlohn beschlossen worden war. Die Affäre um Zumwinkel, den „Dinosaurier des deutschen Wirtschaftslebens“, könne große Folgen für die deutsche Wirtschaft haben. Wenn die Vorwüfe stimmten, sei er außerdem unhaltbar.

Für die Berliner » Tageszeitung ist nicht der Vorwurf gegen Zumwinkel überraschend. „Überraschend ist, dass man ihn so selten hört. Denn Steuerhinterziehung ist Teil deutscher Normalität.“ Normalerweise laufe dieses „Verbrechen der Reichen und Mächtigen“ im Verborgenen ab und werde kaum geahndet. „Weil die Bundesländer hoffen, mit laxer Verfolgung von Steuersündern Investoren anzulocken oder zu halten, wird die Steuerfahndung finanziell und politisch ausgebremst. Ein irrer Wettlauf, bei dem am Ende alle verlieren.“ Daher sei die Festnahme von Zumwinkel kein Beleg dafür, dass die Steuerfahndung funktioniere. „Im Gegenteil: Nicht eine systematische Kontrolle hat die Ermittler nach derzeitigem Kenntnisstand auf seine Spur gebracht, sondern ein anonymer Hinweis.“

„Zumwinkel, ausgerechnet“, schreibt der » Tagesspiegel. „Der Anti-Ackermann. Der gute Kapitalist vom Rhein, Kämpfer für den Mindestlohn im Postgewerbe.“ Das Blatt erinnert aber auch noch einmal daran, wie Zumwinkel nach Durchsetzung des Mindestlohns einen fetten Gewinn durch Aktienverkäufe einstrich. „Diese Verfehlung kam damals gar nicht gut an. Und vielleicht lässt sich so erklären, dass die Nachricht von der Razzia bei Zumwinkel am Donnerstag rund um den Reichstag und speziell im Lager von CDU und CSU eine Gemütsstimmung auslöst, die nur mit ,Schadenfreude' wiedergegeben werden kann.“

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