Presseschau von 16.4.2008
Glaubt nicht den Bio-Aposteln

Die internationale Wirtschaftspresse führt eine kontroverse Energie- und Umweltdebatte. Fortune lüftet das Erfolgsgeheimnis von Amazon-Chef Jeff Bezos. Die New York Times wundert sich über die monothematischen Ausführungen von Barack Obama. Les Echos meint, dass Silvio Berlusconi zu Reformen verdammt ist. Fundstück: Buffett, der Bigamist.

Der britische » Independent schießt scharf gegen die „Biosprit-Apostel“, die mit glänzenden Augen nach Brasilien schauten, wo zahlreiche Autos mit Ethanol unterwegs seien und alle Tankstellen neben Biosprit auch Gas anböten. Zwar seien die Abgas-Emissionen durch den Autoverkehr in den Großstädten geringfügig verringert worden; Kehrseite seien jedoch gigantische „geometrische Narben“ durch Soja-Plantagen im Amazonas-Regenwald. Die Klimabilanz von Brasilien sei negativ; das Land sei inzwischen der viertgrößte Produzent von Treibhausgasen. Statt den Menschen die unbequeme Wahrheit zu überbringen, dass sie ihren eigenen Energieverbrauch ändern müssten, predigten die „Biosprit-Apostel“, dass es möglich sei, den benötigten Sprit anzubauen, statt nach Öl zu bohren. „Das klingt zu gut, um wahr zu sein? Ist es auch.“

Aus Sicht der » Frankfurter Allgemeinen Zeitung ist Biosprit ein Beispiel dafür, wie die Politik den Markt beeinflussen könne. „Wenn Weizen und Soja energetisch nutzbar werden, koppeln sich ihre Preise an die Öl-Notierungen. Daher müssen die Förderung von Biosprit und die Beimischungsquoten überprüft werden. Die Industriestaaten wenden dafür inzwischen etwa 15 Milliarden Dollar auf.“ Zwar wiegelten einige in der Frage, ob sich die Menschen in den entwickelten Ländern „zwischen Teller und Tank“ entscheiden müssten, ab und sagten, ein Drittel der Felder sei schon immer für Hafer und damit für Zugtiere verwendet worden. „Der Vergleich ist hanebüchen. Autos haben heute ganz andere Pferdestärken, einen anderen Verbrauch und ein anderes Verhältnis in der Nutzung. Die Vernunft gebietet, erst weitere Methoden zur Verringerung des Benzinverbrauchs zu erkunden und auf Treibstoffe aus biologischen Reststoffen oder hydriertem Pflanzenöl zu warten, die weniger wertvollen Acker brauchen.“

Der » Belfast Telegraph kritisiert die Umweltdebatte, die oft allzu alarmistisch klinge: „Manche scheinen zu glauben, dass man den Planeten nur durch die Rückkehr in die Steinzeit retten kann.“ Dennoch sei die Debatte wichtig – Energieverschwendung sei schließlich kontraproduktiv. Doch statt die Benzinpreise noch stärker zu besteuern, wie von der irischen Regierung geplant, müsse die Regierung der Industrie Strafen und Anreize auferlegen. „Warum sind Hybridautos in den USA weit verbreitet, hier jedoch praktisch unbekannt? Weil die dortige Industrie sie den Kunden zu einem bezahlbaren Preis zugänglich gemacht hat.“ Am Ende wendet sich der Autor direkt an den Leser: „Wenn Sie Energie einsparen, weil Sie den Planeten retten wollen – Hut ab! Wenn Sie dies tun, um Geld zu sparen, ist das Ergebnis dasselbe. Sparen Sie Energie und Geld: Jeder profitiert davon.“

Das Wirtschaftsportal » financial.de zweifelt an der weitverbreiteten Angst vor einer anstehenden Ölknappheit. „Erstens ist die geschätzte Reservenhöhe eine Funktion des Ölpreises, da bei höheren Preisen auch die zuvor unwirtschaftlichen Reserven angezapft werden können. Zweitens hat man noch nicht alle Reserven entdeckt und sogar weitere Großfunde sind nach wie vor wahrscheinlich.“ Ein Beleg dafür sei die Neuentdeckung des 33 Milliarden Barrel Rohöl umfassenden Ölfelds Carioca vor der Atlantikküste Brasiliens – das womöglich weltweit drittgrößte Ölfeld. Dies sei eine „bittere Medizin“ für die Anhänger der „Oil-Peak“ Theorie, nach der die Ölproduktion entweder bald an die physischen Grenzen Stoße oder sogar bereits das Maximum überschritten habe.

» Wired.com berichtet, dass die Deutsche Bank für das jüngste Projekt von Shai Agassi schwärmt, der eine Alternative zu den teuren und umweltschädlichen Spritfressern aufzeige. Hintergrund: Der frühere SAP-Manager will mit einem für die Autobranche revolutionären Ansatz zur Verbreitung von Elektroautos beitragen und ähnlich wie ein Mobiltelefon-Provider Elektro-Autos in Kombipaketen verkaufen oder per Leasing anbieten, inklusive einer monatlichen Subskriptionsgebühr, die dem Kunden ermöglicht, ein Netzwerk an Auflade- und Servicestationen zu nutzen, an denen die Akkus der Autos ausgetauscht werden können – denkbar sei eine Gebühr von 550 Dollar pro Monat, die rund 29.000 Kilometer pro Jahr abdecken würde. Die Deutsche Bank habe drei Analysten ins Silicon Valley geschickt, um den Business-Plan von Agassi zu überprüfen. Fazit der Prüfer: Agassis Projekt leite einen Paradigmenwechsel ein und werde für „Erschütterungen“ in der Autoindustrie sorgen. Angeblich sind Renault und Nissan an Pilotprojekten in Israel und Dänemark beteiligt; weitere fünf bis zehn Kooperationen würden noch in diesem Jahr bekannt gegeben.

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