Presseschau von 16.5.2008
Der europäische Superheld

Die internationale Wirtschaftspresse hinterfragt das starke Wachstum der deutschen Wirtschaft. The Atlantic führt den Erfolg von Barack Obama auf dessen geniale Geldmaschine zurück, während Newsweek die blonde Geheimwaffe von John McCain vorstellt. China Daily hat Angst vor dem „Krebs der Wirtschaft“. Fundstück: Die Maschine von La Mancha.

Auf der Suche nach Gründen, warum die deutsche Wirtschaft im ersten Quartal gegenüber dem Vorquartal überraschend stark um satte 1,5 Prozent gewachsen ist, schreibt die » Frankfurter Allgemeine Zeitung: „Deutschland hilft, dass es zielstrebiger als andere in Osteuropa und in den Schwellenländern neue Absatzmärkte erschlossen hat. (...) Dank schlankerer Unternehmensstrukturen und einiger Reformen, vor allem am Arbeitsmarkt, ist die deutsche Volkswirtschaft etwas flexibler und widerstandsfähiger gegen Schocks geworden.“ Wellen des Glücks habe der Aufschwung in der Bevölkerung allerdings bislang nicht verbreitet. „Man hat viel eher das schale Gefühl, weit mehr als die meisten Bürger profitierten die Finanzminister und Kämmerer“, dämpfen die Frankfurter die Euphorie.

Aus Sicht der » Frankfurter Rundschau ist die „Superzahl“ ein „hübscher Ausreißer“: „Die Finanzkrise, der gefährlich feste Euro, der Ölpreis, der von Rekord zu Rekord eilt, und Amerika in der Rezession – wenn all das an Deutschlands Unternehmen und Verbrauchern spurlos vorbei ginge, dann müssten die Lehrbücher neu geschrieben werden.“ Gleichwohl sei erstaunlich, dass dieses Land auch ohne schmerzvolle Reformen wachse, wenn man es nur lasse. „Es sieht so aus, als würde Deutschland nun zum Wachstumspol Eurolands. Aber nur weil es im Gegensatz zu Spanien, Irland und Co. zehn Jahre unter seinen Möglichkeiten geblieben ist, wurde es von der Krise halbwegs verschont. Ohne Rausch, auch kein Kater.“

Die » International Herald Tribune sieht in den guten Konjunktur-Zahlen aus Deutschland und Frankreich eine Bestätigung für den Kurs der Europäischen Zentralbank, die – anders als die US-Notenbank – mit dem Verweis auf die Gefahr der Inflation auf Leitzins-Senkungen verzichtet habe. Die unterschiedliche Entwicklung der einzelnen EU-Länder zeige jedoch, dass der Job der EZB im Jahresverlauf komplizierter werde. Indem die EZB den Leitzins seit Ausbruch der Finanzkrise im August bei vier Prozent konstant hielt, habe sie eine Geldpolitik für Deutschland gemacht. „Für die meisten anderen Länder wären einfachere Kredite eine Erleichterung, aber das ist unmöglich in einer Währungsunion.“ Anders als Deutschland habe das Wachstum in Spanien und Irland seit Jahresbeginn beinahe stagniert, während Italien in eine Rezession steuere.

Für die » Financial Times Deutschland sind die jüngsten Daten ein erfreuliches Zeichen – „Bis dato hat die deutsche Wirtschaft allen Turbulenzen widerstanden.“ Sie seien aber keine Gewähr dafür, dass höhere Preise und Wechselkurse nicht im weiteren Verlauf des Jahres den befürchteten Konjunkturrückschlag auslösten. Beim Export in die USA, nach Japan oder China spürten deutsche Unternehmen bereits, wie sehr sich ihre Wettbewerbsfähigkeit durch die enorme Euro-Aufwertung verschlechtert habe – und wie stark die Nachfrage nach Made in Germany nachlasse. „Dazu kommen Milliarden zusätzliche Kosten durch gestiegene Ölpreise. Und ein mächtiger Kaufkraftverlust für die Verbraucher“.

Deutschland sei bereits die stärkste Wirtschaft in Europa – und habe gestern den Auftritt eines „Superhelden“ genossen, schreibt » Forbes. Zum Feiern sei es jedoch zu früh. Nach Einschätzung des Commerzbank-Ökonomen Matthias Rubisch gehe es der deutschen Wirtschaft zwar so gut, dass die Firmen lieber in Maschinen investierten, statt die Kosten zu senken. Dennoch sei mit niedrigeren Wachstumsraten wegen eines bevorstehenden Abschwungs auf dem Arbeitsmarkt zu rechnen.

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