Presseschau von 2.4.2008
Die Stunde der Wahrheit

Die internationale Wirtschaftspresse kommentiert die gestrigen Hiobsbotschaften von UBS und Deutscher Bank. Les Echos fordert Deutschland dazu auf, sich aktiver bei der Suche nach Auswegen aus der globalen Finanzkrise einzubringen. Das Jornal de Negócios ist entsetzt über die zunehmende Ungleichheit in OECD-Ländern. Fundstück: Auf zum Mars!

Die » Neue Zürcher Zeitung begrüßt den Rücktritt von Marcel Ospel als UBS-Präsident. „Vertrauen ist im Bankgeschäft ebenso wichtig wie ein solides Eigenkapital. Und Marcel Ospel war kein Garant mehr dafür, dass Kunden und Anleger an eine Wende zum Besseren glaubten“, schreibt die Zeitung. Die „astronomische Summe“ von 40 Milliarden an Abschreibungen sei das eine, ebenso schwer wiege jedoch, dass Ospel die Situation um die Subprime-Hypotheken bisher immer wieder falsch eingeschätzt oder verharmlost habe.

„Immer kam es noch schlimmer, als der oberste Verantwortliche angekündigt hatte. (...) Damit hat Ospel in kürzester Zeit das in vielen Jahren aufgebaute Renommée der Grossbank verspielt.“ Mit Blick auf die Deutsche Bank schreibt die » Neue Zürcher Zeitung in einem zweiten Kommentar, dass man angesichts immer neuer Hiobsbotschaften aus der Branche schon fast froh sein müsse, wenn eine Bank mit einem bedeutenden Investmentbanking nicht bei asiatischen oder arabischen Staatsfonds um frisches Kapital nachsuchen müsse. Trotz „strategischer Patzer“ werde die Bank nicht aus dem Gleichgewicht geworfen, was daran liege, dass stabile Ertragspfeiler unter Ackermann stärker geworden seien.



Der britische » Guardian kommentiert den gestrigen Kursanstieg bei europäischen und US-Banken. Aktienhändler gingen offenbar davon aus, dass die UBS endlich Farbe bekenne, dass die Hiobsbotschaften der Tiefstpunkt der Subprime-Krise sein müssten – und es jetzt nur noch aufwärts gehen könne. „Das ist genau das, was der Markt bereits nach der Rettung von Bear Stearns geglaubt hat“, hält das Blatt dagegen. Man dürfe nicht vergessen, dass die UBS beispielsweise bereits 13 Milliarden Dollar von Staatsfonds eingesammelt habe, dass die Sechs-Monats-Verluste bei 25 Milliarden Dollar lägen und dass die Bank verbleibende Risikopositionen auf dem US-Immobilienmarkt von rund 30 Milliarden Dollar besitze.

Der » Independent zeigt sich optimistischer als das Gros der Wirtschaftspresse. Nach Monaten des Leugnens habe die UBS, eines der größten Opfer der Krise, Konsequenzen gezogen, für eine ausreichende Rekapitalisierung gesorgt und den verantwortlichen Mann dazu gezwungen, Verantwortung zu übernehmen – Ospel seien die Mitarbeiter ausgegangen, die er den Wölfen zum Fraß vorwerfen konnte, was in der Rücksicht keine gute Überlebensstrategie gewesen sei, um mit der US-Immobilienkrise fertigzuwerden. Zwar werde es weitere Banken-Schocks, nicht jedoch eine Wiederholung der „Großen Depression“ geben; am Ende werde ein „gezüchtigtes“ und weitestgehend intaktes Bankensystem aus der Krise hervorgehen.

Der » Economist analysiert, dass die Staatsfonds, die sich an westlichen Banken wie der UBS oder Private-Equity-Firmen beteiligt haben, während der Kreditkrise bereits ein Drittel ihres Investments verloren hätten. „Geht nicht davon aus, dass sie weiterhin ihre Scheckbücher parat haben, wenn es demnächst wieder eine notleidende westliche Bank trifft“, mahnt das Magazin. Vor diesem Hintergrund schnorrten die Banken stattdessen jetzt normale Aktionäre um Geld an – wie gestern die US-Investmentbank Lehman Brothers, die sich drei Milliarden Dollar an frischem Kapital beschaffen wolle.

Für die » Süddeutsche Zeitung ist die dritte Phase der weltweiten Finanzkrise angebrochen, in der die „Einschläge“ jetzt auch jene Unternehmen im Bankensektor träfen, die bisher weitgehend verschont geblieben seien – Goldman Sachs zum Beispiel oder die Deutsche Bank. Zum einen müssten nun die Banken strenger reguliert werden, die wichtigsten Veränderungen müssten jedoch in den Banken selbst stattfinden. „Die Jongleure der Finanzmärkte sollten ihre Hebel wegwerfen oder wenigstens erheblich verkürzen. Sie müssen wieder lernen, Risiken richtig zu bewerten und auf realistischer Grundlage ihr Geschäft zu betreiben.“

Seite 1:

Die Stunde der Wahrheit

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%