Presseschau von 25.7.2008
Jubel und Ernüchterung

Die internationale Wirtschaftspresse ist angetan von Barack Obamas Berliner Rede, warnt aber vor überzogenen Hoffnungen der Europäer. Außerdem untersuchen die Zeitungen nach den Hiobsbotschaften von Renault und Daimler die Krise der Autoindustrie. Die FAZ zweifelt am Erfolg von Amazon. Fundstück: Liebesschwüre in der Wirtschaft.
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Im Anschluss an die Berliner Rede von Barack Obama warnt die Berliner taz vor zu hohen Erwartungen an den möglichen Nachfolger von George W. Bush. Die Ablösung des „bornierten, militaristischen und bigotten Präsidenten“ werde zwar ein Anlass sein aufzuatmen, dies bedeute aber nicht, dass damit alle Konflikte zwischen Europa und den USA beseitigt seien. Als Präsident der USA wäre es Obamas Pflicht, die Interessen seines Landes zu vertreten. Und dazu gehöre beispielsweise die Forderung an die Nato-Verbündeten, ihre Rüstungsausgaben zu erhöhen. „Das Weiße Haus ist kein Konzertsaal und das Oval Office keine Bühne, auf die Kuscheltiere geworfen werden. Auch dann nicht, wenn Barack Obama dort einzieht“, schließt die Kommentatorin.

Aus Sicht des Wall Street Journal würde besonders Deutschland darüber entscheiden, wie erfolgreich Barack Obama als US-Präsident wäre. Während sich meisten großen europäischen Länder die Führung der USA „eifrig und pragmatisch“ unterstützten, bilde Deutschland eine Ausnahme. „Die Außenpolitik kann, freundlich gesagt, als inkonsistent und konfus bezeichnet werden – mit einem Hang zum Anti-Amerikanismus, der sonst kaum in der europäischen Regierungs-Elite zu finden ist“, meint die Zeitung. Ein Teil des Problems sei die Große Koalition, in der Kanzlerin Angela Merkel und Außenminister Frank-Walter Steinmeier ihre Sympathien unterschiedlich auf die USA und Russland verteilten. Fazit: Die „Deutsche Frage“ aus dem Kalten Krieg sei nicht verschwunden, sondern habe sich nur gewandelt. „Jeder Präsident, der eine neue Partnerschaft mit Europa aufbauen will, muss mit dem wackeligen Deutschland fertig werden.“

Der Wiener Standard schreibt, Obama habe zwar einen imposanten Auftritt hingelegt – es habe schöne Bilder gegeben, und der Senator habe an staatsmännischer Statur gewonnen –, jedoch sei die Berline Rede wie fast alle Wahlkampfansprachen Obamas bisher kein „Feuerwerk an programmatischen Ansagen“ gewesen. „Was genau Obama denn mit der Macht anfangen will, so er ins Weiße Haus gewählt wird, war daraus nicht abzulesen.“ Für die meisten seiner Zuhörer sei dies jedoch zweitrangig, denn Obama habe ihnen geboten, was sie hören wollten: „Für die Europäer gab es ein Eingeständnis amerikanischer Fehler und die Einladung zu einer neuen Partnerschaft. Die Amerikaner konnten sehen, dass hier einer der ihren in der Welt unterwegs ist, der die Reputation der USA hebt, der von Hunderttausenden herzlich begrüßt wird, statt von Demonstranten beschimpft. Besser hätte es für Obama beim Höhepunkt seiner globalen Wahlkampftour nicht laufen können.“

Diese Meinung teilt die Washington Post. Obama habe Glück gehabt: „Nicht nur bei seinen Aufforderungen, Atomwaffen abzuschaffen, sondern auch bei seiner Mahnung, Europa müsse sein Engagement in Irak und Afghanistan fortsetzen, jubelten die Berliner. Zudem glänzte die Stadt – sonst eher regnerisch und grau – in der Abendsonne. Als ob das Schicksal ihm ein auslandspolitisches Moment gönnen wollte.“ Allerdings habe Obama zu seinem Glück mit diplomatischem Fleiß und Geschick beigetragen.

Der New Yorker schildert die Herausforderungen des neuen US-Präsidenten, auf den eine Serie wirtschaftspolitischer Entscheidungen warteten. Diese bestimmten nicht nur die Entwicklung des aktuellen Zyklus, sondern die föderale Rolle der Regierung in der Wirtschaft der kommenden Generation. Obwohl die Situation alarmierend sei, habe keiner der Kandidaten bislang mutige Maßnahmen gefordert. „Das Beste, was man über John McCains ökonomischen Plan sagen kann, ist, dass er ein Work in Progress bleibt. Barack Obama hat sich für ein zweites Stimulus-Paket und weitere Hilfen für Häuserbesitzer ausgesprochen, aber der Rest seines Programms wurde zusammengesteckt, bevor der gegenwärtige Abschwung begann“, kritisiert das US-Magazin. Auf Washington komme so oder so eine „regulatorische Generalüberholung“ zu, bei der die Möglichkeiten des schnellen Profits voraussichtlich zugunsten langfristiger Stabilität beschränkt würden. Für den „Free Marketer“ John McCain wäre es zuviel, die „Übeltäter des Wohlstands“ (Roosevelt) ans Messer zu liefern, Obama sei indes ein „hoffnungsvollerer Fall“.

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