Presseschau von 28.3.2008
Auf dem Friedhof der guten Ideen

Die Wirtschaftspresse kommentiert das Aus für den Transrapid. Der Nouvel Observateur ist genervt vom Hin und Her der Regierung Sarkozy. Fortune porträtiert den weiblichen Jeremia der Finanzkrise. Der Economist glaubt, dass die Regulatoren kommen – warnt jedoch vor ihren Forderungen. Fundstück: Heiße Diskussion im Hubertus-Eck.

Die Berliner » Tageszeitung weint nach dem Aus für die geplante Münchner Transrapid-Strecke der „Magnetschweberei“ keine Träne nach. Konkurrenzfähig zum alten Rad-Schiene-System sei die Schwebebahn noch nie gewesen – da zu teuer im Bau und zu hoch im Energieverbrauch. „Deshalb geht sie nun mit Recht als Fußnote in die Technikgeschichte ein. Auch künftige Erfindungen dürften da kaum weiterhelfen, denn Magnetzüge sind schlicht nicht kompatibel mit dem bestehenden Schienensystem.“ Dass Baukonzerne und Hersteller des Transrapids vor einem halben Jahr die Kosten dermaßen falsch beziffert hätten, sei schon „ein starkes Stück“, meint die taz. „Es dürfte schlicht zynisches Kalkül gewesen sein: Die Politik, namentlich die CSU unter Edmund Stoiber, wollte das Prestigeprojekt unbedingt. Da kann ein Unternehmen schon mal ein unverbindliches Angebot machen. Die öffentliche Kritik wird dann einfach weggesteckt.“

Auch die » Financial Times Deutschland begrüßt das schnelle Aus des Transrapid. „Der Industriestandort Deutschland kann auch gut ohne Transrapid auskommen. Nicht umsonst eilt die deutsche Exportwirtschaft derzeit von Rekord zu Rekord.“ Während die Magnetschwebebahn nur noch von politischem Ehrgeiz mühsam am Leben gehalten worden sei, konzentrierten sich die Unternehmen auf vielversprechendere Projekte – und das mit Erfolg. Die Magnetschwebetechnik habe ihre Vorteile am besten auf langen Strecken durch dünn besiedelte Gegenden ausspielen können – nicht jedoch auf einer zehnminütigen Fahrt von der Münchner Innenstadt zum Flughafen. „So ruht der Transrapid nun da, wo er hingehört: Auf dem Friedhof der guten Ideen, die von der Wirklichkeit überholt wurden.“

Der Berliner » Tagesspiegel lässt sich nicht von den „Krokodilstränen“ täuschen, die Bayerns Ministerpräsident Günther Beckstein dem Prestigeprojekt nachweine. „Insgeheim hat er sich den Transrapid schon lange vom Hals gewünscht. Das Ding, vom späten Edmund Stoiber zum technologischen Leuchtturmprojekt ausgerufen, löst bei Bayerns Bürgern nämlich landesweit dezentes Vogelzeigen aus.“ Dem „Alten“ hätten die Bayern vielleicht zu dessen besseren Zeiten das milliardenschwere Denkmal noch gegönnt – „jedem Bayern-Herrscher sein Schloss Neuschwanstein“. Die Nachfolger aber könnten im Kommunalwahlergebnis von München und Umgebung nachlesen, dass sie auf solche Nachsicht nicht mehr hoffen dürfen. Fazit: „Das Denkmal fällt aus. Und die CSU kann sich still die Hände reiben, während sie fürs Publikum pflichtgemäße Trauermelodien singt.“

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung meint, dass der Transrapid, wenn überhaupt, nur noch eine Zukunft in der Hand chinesischer Ingenieure hat. Diese könnten in Schanghai Tag für Tag Erfahrungen im laufenden Betrieb sammeln – und früher oder später eine Variante des Zuges selbst entwickeln, die möglichst wenige deutsche Patente verletzt. Zum einen sähen die Chinesen den Transrapid als Chance, Zugang zu einer modernen Transporttechnik zu bekommen, in der sie zum Technologieführer werden könnten; zum anderen werde es in dem kommunistischen Land bessere Möglichkeiten geben, Infrastruktur-Prestigeprojekte ohne längere Debatten über betriebswirtschaftlich sinnvolle Kalkulationen oder Auswirkungen auf die Umwelt zu verwirklichen.

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