Presseschau von 29.1.2008
Zügel für die Meister des Universums

Die internationale Wirtschaftspresse kommentiert die neuen Details zum Milliardenbetrug am französischen Finanzinstitut Société Generale und fordert eine neue Vergütungspraxis für Banker. Das NRC Handelsblad kritisiert die Expansionspläne von Gazprom. Die Moscow Times bilanziert Davos als Mischung aus Wichtigtuerei und Leere. Fundstück: Freikaffee für alle.

Nachdem gestern bekannt wurde, dass die Terminbörse Eurex die französische Bank Société Générale schon im November 2007 vor den Positionen des betrügerischen Börsenhändlers Jérôme Kerviel gewarnt hat, übt der britische » Independent scharfe Kritik am Risiko- und Krisenmanagement des Instituts. „Dies ist eher ein Fall von Inkompetenz als von Pech.“ Obwohl einige Händler, die ebenfalls Wetten auf die Zukunft von Aktien-Indizes abgeschlossen hätten, sich geweigert hätten, mit Kerviel Geschäfte zu machen, habe die Bank den „Kopf in den Sand gesteckt“. Fazit des Blattes: „SocGen wurde Opfer eines Schurken-Händlers, die Verluste jedoch sind symbolisch für eine breite Malaise im Bankensystem, in dem vermeintliche Fachleute der Illusion der einfachen Profite gefolgt sind, obwohl sie nicht genügend qualifiziert waren.“

Der » Tagesspiegel verfolgt den „Hype“ um Kerviel im Internet. Im Netz habe sich inzwischen eine Fangemeinde rund um den Milliarden-Zocker gebildet. Die stetig wachsende Anhängerschaft feiere ihn als Anti-Helden des Finanzwesens. „Einige sagen, er habe aufgezeigt, wie es hinter den biederen Fassaden der Banken ausschaue und wie leicht deren Kartenhaus zum Einsturz zu bringen sei. Dabei ist er sicher kein Robin Hood. Die von ihm verursachten Verluste sind eher unbeabsichtigt und es war wohl kaum seine Intention, als Systemkritiker aufzutreten“, hält der Tagesspiegel dagegen. In dem Wikipedia-Eintrag zu Kerviel sei zu lesen, dass dieser Judo betreibt – einen Sport, bei dem die Hebelwirkung ausgenutzt werde, um einen Angreifer aus dem Gleichgewicht zu bringen. „Ironie der Geschichte: Auch bei den Futures, den Finanzprodukten mit denen Kerviel die Société Générale und die gesamte Finanzwelt auf die Matte legte, wirkt ein Hebeleffekt. Mit einem verhältnismäßig geringen Einsatz lassen sich relativ große Gewinne erzielen – oder eben Verluste.“

Der britische » Independent hinterfragt die Annahme, dass die mathematischen und intellektuellen Talente der Franzosen – besonders dank des frühen Unterrichts in kartesianischer Logik an den Schulen – die Ursache dafür seien, dass die Franzosen führend im Derivate-Handel sind. Jean-Pierre Mustier, Investmentchef bei der Société Générale und somit Kerviels Chef, habe diesen Mythos selbst entkräftet: Französische Gehirne seien genauso klug oder unklug wie britische; Franzosen seien im Derivatehandel nur deshalb so gut, weil der Handel mit diesen Finanzprodukten dort sehr beliebt sei. Sollte Mustier wegen des Betrugfalls zurücktreten müssen, sei dies bedauerlich, schreibt das britische Blatt – er sei einer der klügsten Banker auf den Kapitalmärkten.

Die » New York Times spricht sich für eine neue Vergütungspraxis von Bankern aus. Der „riskante Machthunger“ der „Meister des Universums“ sei zügellos. Das Problem sei umso schärfer, weil die Betrüger-Banker nicht nur das Geld der Aktionäre verspielten – die Banken hätten den Schaden weit gestreut. Problematisch sei das Vergütungssystem insofern, als die Banker frühere Bonus-Zahlungen aus guten Zeiten in schlechten Jahren nicht zurückzahlen müssten. Weder Ex-Merrill-Boss Stanley O’Neal noch Ex-Citigroup-Chef Charles Prince hätten von den Millionen, die sie verdient hätten, als sich ihre Banken mit Subprime-Darlehen „vollgestopft“ hätten, etwas zurückgeben müssen. Eine Alternative bestehe darin, künftig den langfristigen Erfolg von Bankern zu belohnen; dazu würde der Großteil des Honorars auf einem Treuhandkonto hinterlegt und über einen langen Zeitraum ausgezahlt.

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