Presseschau von 29.4.2008
Ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit

Die internationale Wirtschaftspresse diskutiert Ursachen und Lösungsansätze für die Inflation der Lebensmittelpreise. Das NRC Handelsblad aus den Niederlanden glaubt, dass Chinas Börsen vor dem Zusammenbruch stehen. Das Barron’s Magazine hat Alan Greenspans Doktorarbeit ausgegraben. Fundstück: Venedigs Tauben müssen demnächst hungern.

Die » Huffington Post zeigt sich erstaunt, dass plötzlich alle Welt über die Inflation der Lebensmittelpreise redet. „Die US-Politiker sind nun eifrig dabei, Spekulanten die Schuld an der Krise zuzuweisen. Dass es aber sie selbst waren, die die Ethanol-Subventionen beschlossen haben, oder dass sie Farmer entlohnen, die ihr Land nicht bestellen, erwähnen sie nicht.“ So sei bemerkenswert, dass sich alle drei Präsidentschaftskandidaten zu der Tatsache ausschweigen, dass vor allem die Ethanol-Subventionen der USA zur Explosion der Getreidepreise geführt haben. Das Perfide daran sei, dass die Preise für Lebensmittel in den westlichen Ländern nur einen geringen Teil des Preisindexes ausmachen, eine wirkliche Lebensmittelkrise müssten sie nicht befürchten. Doch in den Entwicklungsländern machten Nahrungsmittel rund die Hälfte des Preisindexes aus: „Sie leiden besonders stark unter der importierten Inflation.“

Im Gespräch mit der kanadischen Tageszeitung » Le Soleil nimmt Jean Ziegler, scheidender UNO-Berichterstatter für das Recht auf Nahrung, kein Blatt vor den Mund: „Die Nahrungsmittelkrise erschüttert die Welt nicht erst seit heute. Seit Jahren verhungern Menschen Tag für Tag, das ist eine Tragödie, die für viele schon zur Normalität gehört.“ Dass die Preise explodiert seien, führt Ziegler auf drei Faktoren zurück: Der Hunger der Industrieländer nach Biokraftstoffen, Spekulanten und das Vorgehen des Internationalen Währungsfonds in Ländern wie Niger, Honduras oder der Mongolei, das man fast schon mit „struktureller Perversion“ charakterisieren könne. „Die aktuelle Nahrungsmittelkrise ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, schimpft der Schweizer Soziologe. Er fordert ein sofortiges Verbot für den Anbau zur Gewinnung von Biokraftstoffen und unverzügliche humanitäre Hilfen.

Der » Scotsman aus Großbritannien hält es dagegen für überzogen, von einer „dramatischen Inflation der Lebensmittelpreise“ zu sprechen. Zwar sei es richtig, dass die Getreide- und Futtermittelpreise gestiegen seien und Klimaänderungen die Landwirtschaft bedrohten. Doch sei zu bedenken, dass Supermärkte und Lieferanten als Regulativ wirkten. „Ihr Wettbewerb läuft hauptsächlich über den Preis – weil es immer Kunden geben wird, die auf preiswerte Lebensmittel achten. Sie fangen einen Teil der Preisteuerungen ab – und mildern so die Folgen der globalen Inflation auf den einzelnen Konsumenten“, meint das Blatt.

» Pleinchamp, das französische Internetportal für Agrarwirtschaft, bemerkt, dass die Nahrungsmittelkrise einen Rollenwechsel innerhalb der Welthandelsorganisation zur Folge hat: „Die großen Agrarexporteure, die sonst liberal am Weltmarkt auftreten, erlassen nun Restriktionen, während die ewigen Protektionisten plötzlich liberale Positionen vertreten.“ So hätten Argentinien, Brasilien, Vietnam, Indien und Ägypten Exportgrenzen festgelegt, um die Ernährung ihrer eigenen Bevölkerung sicher zu stellen. Doch diese Maßnahmen suggerierten nur Sicherheit – und könnten zu Verschlechterung der Versorgung von Unterprivilegierten führen.

Das » Jornal de Negócios aus Portugal glaubt, dass die Erforschung neuer Technologien zur Energieproduktion noch viel stärker vorangetrieben werden muss, wenn die Entwicklungsländer weiter wachsen und die reichen Nationen den Kollaps vermeiden wollten. Denn hohe Energiepreise würden sich in jedem Bereich der Weltwirtschaft negativ niederschlagen. Es sei erschreckend, wie wenig Regierungen dafür investierten, obwohl sie langfristig damit Milliarden sparen könnten. Die USA habe für die Entwicklung neuer Energietechnologien in 2006 so viel aufgewendet wie sie für die Verteidigung in anderthalb Tagen ausgibt.

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