Presseschau von 29.5.2008
Das Schreiben der Anderen

Die internationale Wirtschaftspresse kommentiert die Telekom-Spitzelaffäre, die jetzt auch den heutigen Vorstandschef René Obermann ins Zwielicht rückt. Die FAZ applaudiert der Allianz von DHL und UPS auf dem US-Markt. Laut BusinessWeek ist Yahoo zu einem Schulterschluss mit Microsoft bereit. Fundstück: Chinas Premier beliebter als Lady Di.

„Die Deutsche Telekom wird nun davon eingeholt, dass dort zu lange zu viele schlechte Menschen das Sagen hatten“, kommentiert die Süddeutsche Zeitung die Spionage-Vorfälle. In der Ära des glücklosen Kai-Uwe Ricke sei das Unternehmen insgesamt schlecht geführt worden. „Einige im Führungszirkel spielten ihr eigenes Spiel, auch der Aufsichtsratschef Klaus Zumwinkel war eher Akteur in diesem Treiben denn nüchterner Kontrolleur. Weil Ricke diese Dinge nicht in den Griff bekam, war es richtig, dass er gehen musste.“ Jetzt habe sein Nachfolger René Obermann einen Skandal am Hals, der ihn sein Amt kosten könne – da er den Bespitzelungsfall möglicherweise monatelang verschwiegen habe, müsse er aufpassen, am Ende nicht als Mittäter dazustehen. Firmengeheimnisse im Haus zu behalten, gelinge nicht durch Bespitzeln der Mitarbeiter und auch nicht durch schärfere Gesetze – sondern vor allem durch eine „offene, faire, vertrauensvolle Firmenkultur“, erklären die Münchner.

In einem zweiten Artikel in der » Süddeutschen Zeitung porträtiert Hans Leyendecker die kleine Berliner Firma Rechercherdienst Network. Deutschland, die im Auftrag der Telekom Journalisten und Aufsichtsräte bespitzelt haben soll. Zunächst seien die Kontakte von Konzernbetriebsratschef Wilhelm Wegner zum Wirtschaftsmagazin Capital untersucht sowie möglicherweise ein Maulwurf in die Redaktion eingeschleust worden. Später habe die Firma in der Operation „Clipper“ alle Berichte in deutschen Medien daraufhin untersucht, ob Autoren vertrauliches Material verwendet hatten, und eine Rangliste der für die Telekom zwölf bis vierzehn gefährlichsten Journalisten erstellt. Platz eins: Reinhard Kowalewsky (Capital), gefolgt vom Telekom-Redakteur der Wirtschaftswoche, Jürgen Berke.

Für das US-Nachrichtenmagazin » Time ist die Telekom-Affäre ein Stoff, aus dem normalerweise Spionage-Romane aus der Zeit des Kalten Kriegs gestrickt sind. „Als jüngster Vorfall in einer Serie von Firmen-Betrügereien zeigt die Affäre den neuen, schäbigen Stil der Geschäfte in der Deutschland Inc.“ – vorangegangen seien die Skandale bei Lidl, Schlecker, Siemens und Daimler; der Fall erinnere außerdem an die Spionage-Affäre bei Hewlett Packard, die Verwaltungssratschefin Patricia Dunn das Amt gekostet habe. Die Enthüllungen führten zwangsläufig dazu, dass das öffentliche Bild von Firmenbossen weiter beschädigt und die soziale Kluft zwischen den Top-Verdienern und den wenig kaufkräftigen Arbeitern vergrößert werde. „Diese Entwicklung führt zu einem politischen Linksruck, der Auswirkungen auf die Wahlen im kommenden Jahr haben könnte“, vermutet das Magazin.

Die » Financial Times Deutschland – angeblich selbst von der Bonner Spitzelei betroffen – warnt davor, von den „Stasimethoden“ der Telekom auf ein flächendeckendes System der Bespitzelung von unliebsamen Bürgern zu schließen: „Die Freiheit im Lande war und ist dadurch nicht ernsthaft in Gefahr.“ Gleichwohl sei die Situation besonders für die Wirtschaftsjournalisten delikat: Wenn beispielsweise in einem Machtkampf an der Unternehmensspitze über den Umweg der Öffentlichkeit Stimmung gemacht werde, dann werde der investigative Journalist zu einem Faktor, der das Geschehen entscheidend mitpräge. „Der Fall Telekom zeigt in extremer Weise, welche Mittel dabei einigen Managern recht sind. Damit müssen Journalisten leben. Sie brauchen sich dadurch aber nicht einschüchtern zu lassen. Denn eines müssen auch die mächtigsten Hobbyschnüffler in der Chefetage immer fürchten: Am Ende kommt alles raus.“

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