Presseschau von 30.4.2008
Vom Leitwolf zum Leidtragenden

Die internationale Wirtschaftspresse kommentiert die Quartalszahlen der Deutschen Bank, die eine persönliche Niederlage für Josef Ackermann seien. Die Herald Tribune sieht die europäische Mittelklasse in der Krise. Der Economist bejubelt die Rückkehr von Fiat und das Barron's-Magazin das Comeback des Dollar. Fundstück: Multikulti bei der Deutschen Bank.

Der » Focus kommentiert die Quartalszahlen der Deutschen Bank, die den ersten Vorsteuerverlust (254 Millionen Euro) seit fünf Jahren ausgewiesen hat – besonders im Vergleich zum Vorjahr (Gewinn: 3,2 Milliarden Euro) werde die ganze Dimension des „Debakels“ deutlich. Jetzt habe sich Bankenchef Josef Ackermann an das geflügelte Wort „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ des griechischen Philosophen Sokrates erinnert, indem er erstmals unumwunden zugegeben habe, dass die Zeiten sehr unsicher und die Marktentwicklung nicht vorhersehbar seien. „Sein Nimbus als Vorzeigebanker ist damit perdu. Und die Aktionäre werden ihm künftig auch nicht mehr alles glauben, was er im Brustton der Überzeugung von sich gibt. Aber vielleicht ist das auch gut so und korrigiert die überzogene Erwartungshaltung der Börsianer.“

Les Echos aus Frankreich wundert sich, dass Ackermann bei der Präsentation der Quartalszahlen Finanzvorstand Anthony di Iorio die Bemerkung überlassen habe, dass die Bank wegen des schwierigen Marktumfeldes keine konkreten Prognosen mehr für dieses Jahr abgeben werde. Diese „Demutsgeste“ sei zwar lobenswert, andererseits demonstriere sie den „Tunnelblick der Herren aus Frankfurt“. Nachdem die Investmentbanking-Sparte im ersten Quartal einen Vorsteuerverlust von 1,6 Miliarden Euro verbuchen musste und Ende März immer noch mehr als 33 Milliarden Euro an Übernahmekrediten in den Büchern hatte, sei die Verzweiflung verständlich.

Aus Sicht der Frankfurter Allgemeine Zeitung zeigt das Quartalsergebnis die große Anfälligkeit des Investmentbankings, dessen Erträge regelrecht eingebrochen seien. „Insofern ist es nur konsequent, wenn die Bank andere Sparten wie das Privatbankgeschäft ausbauen will. Sie versprechen zwar keine so hohen Renditen wie das Investmentbanking zu dessen Glanzzeiten, dafür eine Stabilisierung des Konzernergebnisses.“ Ohne externes Wachstum werde die Bank jedoch ihre Ziele nicht erreichen können. Die Finanzkraft sei zwar ausreichend, um jeden nationalen Konkurrenten zu kaufen, ob Postbank, Dresdner Bank oder Commerzbank – eine wirklich große Akquisition im Ausland erscheine aber kaum machbar. „Die Bank läuft insgesamt nicht schlecht, aber es ist nicht recht zu sehen, wie sie auf lange Sicht deutlich vorankommen will.“

Die » Süddeutsche Zeitung hält der Deutschen Bank zugute, dass direkte Konkurrenten wie die Schweizer UBS in der Kreditkrise ein Vielfaches dessen in den Sand gesetzt hätten, was die Deutsche Bank verloren hat, und dass die Bank außerdem bislang nicht vor asiatischen Staatsfonds oder Finanzinvestoren auf die Knie gegangen sei, um Kapital zu erhalten. „Doch was für ein Verdienst ist es, unter vielen Blinden der Einäugige zu sein? Mit dem Verweis auf die Schwäche der anderen versucht Ackermann zu kaschieren, dass dieser historische Verlust auch eine persönliche Niederlage für ihn ist“, kommentieren die Münchner. Dessen Anspruch, dauerhaft 25 Prozent Gewinn auf das eingesetzte Kapital zu erwirtschaften, sei zum Symbol für die „Maßlosigkeit einer nur an den Aktionären ausgerichteten Unternehmenskultur“ geworden. Ackermanns Verdienst bestehe indes darin, dass er die Risiken mit seiner Mannschaft bisher besser kontrolliert und sie transparenter gemacht habe als andere Banken.

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