Presseschau von 30.5.2008
Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen

Die Wirtschaftspresse ist empört über das Krisenmanagement der Deutschen Telekom. Die Washington Post untersucht die Totenstille bei Bear Stearns. Die Zeit plädiert für den Aufbau einer deutschen Bank mit internationalem Stellenwert. Die Prawda zweifelt an den Plänen von Wladimir Putin, die russische Autoindustrie zu stärken. Fundstück: Welpie soll Oranje beflügeln.

Die » Financial Times Deutschland kritisiert die "billige Ausrede", die Telekom-Chef René Obermann der Öffentlichkeit in der Bespitzelungsaffäre präsentiert habe. "Niemand ist schuld an der Bespitzelung eigener Manager und Aufsichsräte oder gar Journalisten. Kein Vorstand und kein Aufsichtsrat. Weder heute noch gestern." Statt eine Schuld einzugestehen, sei die Telekom stolz, wie gut sie die Vorgänge aufgearbeitet habe. "Geräuschlos, ohne Staub aufzuwirbeln. Und wie vorbildlich Konzernchef René Obermann gehandelt hat: Er hat den Sicherheitschef entlassen und ein paar Mitarbeiter versetzt. Heimlich." Ironischer Schluss der Zeitung: "Vergessen wir also den Bruch des Fernmeldegeheimnisses, vergessen wir das Grundgesetz und die Privatssphäre, vergessen wir Bespitzelung und Täuschung, versuchten Diebstahl und manche Stasi-Methode. Ob bei ,Capital' oder der ,FTD'. Schließlich ist ja heute alles wieder in Ordnung, sagt René Obermann. Und der ist ja bekanntlich unschuldig. Sagt die Telekom."

Auf » Spiegel Online erinnert sich Thomas Hillenbrand, der von November 2005 bis Juni 2007 für die Financial Times Deutschland über die Deutsche Telekom berichtete, an die zahlreichen Informations-Lecks und das kollektive Misstrauen im Telekom-Konzern. "Festnetz-Boss Raizner etwa glaubte, es sei ,das verdammte Middle-Management' das andauernd quatsche. Ein Pressesprecher hatte einen bestimmten Ex-Mitarbeiter im Verdacht. Ein anderer mutmaßte, die Betriebsräte würden der Presse ständig geheime Unterlagen zuschustern. Oder ein intriganter Unternehmensberater. Dass die Telekom in Wahrheit an hundert Stellen leckte, weil sich alle im Konzern irgendwie hassten, kam anscheinend niemandem in den Sinn." Im Nachhinein erscheint es dem Autor seltsam, dass einige seiner Kontakte seinerzeit darauf bestanden hätten, nicht über ein Telekom-Handy zu telefonieren. "Ich fand das damals ein bisschen paranoid. Aber offenbar wussten die Telekom-Insider besser als ich, wozu ihr Unternehmen fähig war."

"So kann es nicht weitergehen", echauffiert sich die » Frankfurter Allgemeine Zeitung über das Krisenmanagement der deutschen Firmenbosse. "Welcher der beteiligten Herren mag zuerst aufstehen und für die offensichtlichen Rechtsverstöße, sei es im Zusammenhang mit der Schmiergeldaffäre bei Siemens oder mit den Spitzelvorwürfen bei der Telekom und bei Lidl, die Verantwortung übernehmen? Es glaubt doch ohnehin kein Mensch, dass alle Vorgänge vollkommen selbständig, gleichsam naturwüchsig im Apparat der großen Konzerne ihre inakzeptable und gesetzesbrecherische Dynamik entfaltet haben." Die Chefs bekämen mehr Geld als die Angestellten untergeordneter Hierarchieebenen, eben weil sie mehr Verantwortung hätten. Doch statt diese zu übernehmen, versteckten sie sich "wie ungezogene Kinder" und schickten ihre Anwälte oder Sprecher vor. "Das ist feige."

Die » Süddeutsche Zeitung steckt die juristischen Grenzen in der Bespitzelungsaffäre ab. Unternehmen hätten ein berechtigtes Interesse, gewisse Informationen im kleinen Kreis zu halten - Eigensicherung sei erlaubt. Wenn die Sicherheitsleute des Konzerns Unterlagen markieren ließen, um herauszufinden, wo diese am Ende landen, sei das in Ordnung. Nicht jedoch, wenn bei den Ausforschungsarbeiten systematisch Gesetze übertreten würden "und sich Kriminalistik-Spezialisten eines Unternehmens gebärden, als hätten sie die Lizenz zum Ausspähen. So schlimm wie die von der Telekom hat es nicht mal der Bundesnachrichtendienst getrieben." Fazit: "Man sollte den Pressefreiheits-Artikel 5 des Grundgesetzes Unternehmen wie der Telekom ans Schwarze Brett hängen."

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