Presseschau von 31.1.2008: „Teufel mit Beelzebub ausgetrieben“

Presseschau von 31.1.2008
„Teufel mit Beelzebub ausgetrieben“

Die internationale Wirtschaftspresse kritisiert die erneute Leitzinssenkung der US-Notenbank und analysiert die Chancen von Fed-Chef Ben Bernanke auf eine zweite Amtszeit. La Tribune glaubt, dass Frankreich nur mit kühnen Reformen zu retten ist. Für Forbes läuft Chinas Wirtschaft nicht zu heiß, sondern zu kalt. Fundstück: Reise ins Hirn des Hoemo Oeconomicus.

Nachdem die US-Notenbank zum zweiten Mal binnen acht Tagen die Zinsen gesenkt hat – diesmal um weitere 0,5 Prozentpunkte auf 3 Prozent –, schreibt die » Neue Zürcher Zeitung, dass die „aggressive Medizin“ der Notenbank die Angst vor „gravierenden Nebenwirkungen“ wecke. „Solche Hektik verheisst auf Dauer nichts Gutes, selbst wenn sie kurzfristig erfolgreich sein sollte.“ Viele hielten die Absicht, mittels Zinssenkung die Kreditvergabe anzukurbeln, für so sinnvoll wie den Versuch, „ein Seil zu stoßen“ – weil die Zurückhaltung nicht auf schlechten Margen, sondern auf Vertrauensmangel beruhe. „Ferner wirkt eine geldpolitische Lockerung in der Regel erst Monate später auf die Realwirtschaft, dann also, wenn gemäss den meisten Auguren die Wachstumsschwäche oder Rezession in den USA wieder vorbei sein sollte. Und schliesslich heben Zinssignale zwar die Stimmung an den Aktienmärkten, aber nicht unbedingt lange und nachhaltig.“

» Spiegel Online räumt ein, dass das billige Geld ein „Segen für Konjunktur und Börse“ sei: „Bekommen Banken günstiger Geld, können theoretisch auch die Unternehmen Kredite zu besseren Konditionen erhalten.“ Andererseits weckten Leitzinssenkungen auch „dunkle Ängste“. „Denn wenn die US-Notenbank zu drastischen Maßnahmen greift, drängt sich der Verdacht auf, dass sie mehr weiß als der Rest der Welt: Liegen ihr womöglich Daten vor, dass die Konjunktur sich stärker abkühlt als befürchtet?“ Stärker als die diffuse Angst wiege der konkrete Vorwurf vieler Analysten, die Fed versuche, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben: „Ex-Fed-Chef Alan Greenspan habe mit seiner lang anhaltenden Niedrigzinspolitik gewissermaßen die Grundlage für die Immobilienkrise geschaffen. Der jetzige Fed-Chef Ben Bernanke versuche, dieses Problem nun mit erneuten Leitzinssenkungen zu bekämpfen.“

Die » New York Times zieht eine Zwischenbilanz zur Amtszeit von Ben Bernanke an der Spitze der US-Notenbank Fed – am morgigen Freitag habe Bernanke die Hälfte seiner ersten vierjährigen Amtszeit absolviert. Bernanke und seine Kollegen seien zu langsam dabei gewesen, zu begreifen, wie groß die Probleme der US-Wirtschaft sind. Bernankes Prognosen seien besonders im August und Dezember 2007 „zu sonnig“ gewesen. Andererseits seien die Aussichten des Fed-Chefs weitaus besser gewesen als die der Wall Street Mitte 2006. Damals habe sich Bernanke geweigert, den Leitzins zu erhöhen, weil dies die Wirtschaft hätte schwächen können. „Damit hatte er verdammt recht – und die Situation sähe heute noch schlimmer aus, hätte Bernanke seinerzeit auf seine Kritiker gehört.“ Fazit der NYT: Sollte ein Demokrat in den USA an die Macht kommen, lägen die Chancen bei 50 zu 50, dass Bernankes Amtszeit 2010 verlängert werde; sollte ein Republikaner gewinnen, seien die Chancen besser, da Bernanke selbst Republikaner sei.

Im Gespräch mit der » Zeit erklärt Ex-US-Notenbankchef Alan Greenspan, dass Notenbanker und Haushaltspolitiker Amerika wahrscheinlich nicht vor einer Rezession retten können. „Weltwirtschaftliche Einflüsse sind heute stärker als fast alles, was die Geld- oder die Fiskalpolitik ihnen entgegensetzen kann.“ Die Ressourcen der Zentralbanken seien im Vergleich zur Größe der globalen Finanzströme deutlich geschrumpft. „Heute kursieren an den Weltfinanzmärkten über 100 Billionen handelbare langfristige Wertpapiere. Da haben selbst große Marktbewegungen, wie Zentralbanken sie auslösen können, nur geringen Einfluss.“ Die Wahrscheinlichkeit einer Rezession in den USA liege bei mindestens 50 Prozent. „Eine Eigenschaft von Rezessionen sind Brüche mit dem Vorhergehenden, oft in Form scharfer Veränderungen am Arbeitsmarkt und in der Produktion. In den vergangenen drei Wochen gab es ein paar solche Ereignisse, aber nicht genug, um zu sagen: Die Situation hat sich wirklich verändert. Meiner Meinung nach wird dies wahrscheinlich noch geschehen, aber von den Fakten her ist es noch nicht so weit.“

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