Presseschau von 4.6.2008
„Mehdorns Tage als Bahnchef gezählt“

Die Wirtschaftspresse kommentiert die gestern vom Handelsblatt erhobenen Vorwürfe gegen die Deutsche Bahn, die gleichen Schnüffler beauftragt zu haben wie die Telekom. Cinco Días schlägt Alarm wegen der rückläufigen Autoverkäufe in Spanien. Newsweek spekuliert über eine neue Allianz von Time Warner und NBC Universal. Fundstück: gute Zähne, guter Job.
  • 0

Die » Tageszeitung aus Berlin ist nicht erstaunt über die gestern vom Handelsblatt erhobenen Vorwürfe gegen die Deutsche Bahn, die gleichen Schnüffler beauftragt zu haben wie die Telekom. "Denn Bahn-Chef Hartmut Mehdorn hat mit seinem Auftreten als Konzernlenker dafür gesorgt, dass ihm Kritiker mittlerweile alles zutrauen. Kaum fassbar ist die Chuzpe, mit der Mehdorn die Teilprivatisierung der Bahn durchpeitschte." Vor diesem Hintergrund wäre es eher verwunderlich, sollte Mehdorn auf die "kleinen schmutzigen Tricks ehemaliger Stasi-Offiziere" angewiesen gewesen sein. "Tatsächlich hat der Bahn-Chef längst ein Machtsystem in dem Konzern installiert, das von Angst und Abhängigkeiten lebt." Mehdorns Belohnungssystem habe sogar in Gewerkschaften und der Politik Erfolg. Fazit der taz: "Ob nun mit oder ohne Spitzelei: Seine Tage als Bahnchef sollten gezählt sein."

Das » Hamburger Abendblatt wertet die Reaktionen auf die Bahn-Enthüllungen als Beleg dafür, wie angeschlagen das Image deutscher Unternehmen derzeit sei. "Sogar Verkehrspolitiker und Aufsichtsräte der Bahn verweisen die Verdächtigungen nicht in das Reich der Märchen. Im Gegenteil. Sie trauen dem Konzern illegale Spitzelaktionen zu, verweisen öffentlich auf angebliche Geheimdossiers über Bundespolitiker und bringen Bahnchef Mehdorn persönlich damit in Verbindung." Immerhin habe der Logistikkonzern gestern unverzüglich reagiert und seine Verbindungen zu der "obskuren Detektei" offengelegt. "Bleibt zu hoffen, dass diesmal die ganze Wahrheit publik gemacht wurde und nicht wie im Fall der Telekom nur scheibchenweise ans Tageslicht kommt. Denn jede weitere Halbwahrheit wirft einen neuen Schatten auf die deutsche Wirtschaft. Unter Generalverdacht steht sie in weiten Teilen der Öffentlichkeit ohnehin schon - obwohl sie dies nicht verdient hat."

Aus Sicht der » Zeit ist es gut möglich, dass der Telekom-Skandal die Spiegel-Affäre von 1962 an Brisanz noch übertreffe. "Auch damals ging es um die Überwachung von kritischen Journalisten. Doch der Skandal war noch einzugrenzen: auf der einen Seite der Staat, auf der anderen unbequeme Redakteure. Bei der Telekom verschwimmen nun die Grenzen zwischen staatlicher Überwachungsmanie und privatem Unternehmerkalkül." Heute könne es jeden treffen - um abgehört, bespitzelt und gefilmt zu werden, bedürfe es keines Verrats vermeintlicher Staatsgeheimnisse mehr. "Es reicht schon aus, wenn die Renditen nicht mehr stimmen, der Aktienkurs bedroht ist oder die Mitarbeiter sich nicht richtig sputen. Überall und jederzeit kann überwacht werden. Jeder, der einen Telefonanschluss hat, kann potenziell davon betroffen sein. Was wohl Robert T-Online dazu sagen würde?"

Die » Süddeutsche Zeitung geißelt den Populismus der Kanzlerin-Partei CDU, die angesichts der Rechtsbrüche bei Spitzenunternehmen das System der Marktwirtschaft in Gefahr sehe. "Niemals wird die Union die Linkspartei und Teile der SPD in der Kunst übertreffen, die Manager und Unternehmer für alle sozialen Verwerfungen im Land verantwortlich zu machen - Verwerfungen, die in Wahrheit durch die weitgehende Unfähigkeit der Politik entstehen, das in der Globalisierung unter Druck geratene Wirtschaftswunder-Deutschland zukunftstauglich zu machen" meinen die Münchner. Die Marktwirtschaft sei entgegen manchem Eindruck keinesfalls in Gefahr. "Steuerbetrug, Schmiergeld, Bespitzelung sind Einzelfälle - jeder für sich ein Skandal, in der Summe aber zu relativieren angesichts der wirtschaftlichen Gesamtleistung." Fazit der SZ: Die Marktwirtschaft sei besser als ihr Ruf - dies zu vermitteln, sollte die vornehmste Aufgabe der Politik sei, nicht das System durch eine Überzeichnung der Probleme weiter schlechtzureden.

Seite 1:

„Mehdorns Tage als Bahnchef gezählt“

Seite 2:

Seite 3:

Kommentare zu " Presseschau von 4.6.2008: „Mehdorns Tage als Bahnchef gezählt“"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%