Presseschau von 5.6.2008
Wettkampf der Kassandras

Wann ist die Finanzkrise endlich vorbei, fragt die internationale Wirtschaftspresse. Das Wall Street Journal enthüllt eine jahrelange Fehde zwischen Bill Gates und Steve Ballmer. Die Washington Post lauscht dem Todesröcheln der US-Autobranche. Expert Online aus Russland glaubt, dass Gazprom vom Streit um TNK-BP profitiert. Fundstück: Woody Pumpernickel erobert Indien.

Wann ist die Finanzkrise endlich vorbei, fragen die Kommentatoren, nachdem die Investmentbank JP Morgan und die OECD vor weiteren Turbulenzen auf den Finanzmärkten gewarnt haben. Nach Einschätzung der Süddeutschen Zeitung ist gegenseitiges Vertrauen in dieser Situation essentiell, um die Finanzkrise glimpflich zu überstehen. „Nur wenn die Geldhäuser einander wieder Kredite geben und die Kunden überzeugt sind, es mit soliden Instituten zu tun zu haben, können Banken wirtschaften wie bisher: Nur dann können sie mit einem Vielfachen der Kapitalreserven riskante Geschäfte tätigen und Renditen von mehr als zwanzig Prozent erzielen.“ Als konkrete Maßnahme schlagen die Münchner vor, dass die Aufsichtsbehörden die Banken dazu zwingen, die Kreditrisiken zu reduzieren, und die Kontrolleure unrentable Institute schließen. „Mittelfristig müssen die Geldhäuser wieder konservativer wirtschaften. Renditen unter zwanzig Prozent sind für die Gesamtwirtschaft gesünder.“

Die » Frankfurter Rundschau stellt den derzeit tonangebenden „Kassandrarufern“ entgegen, dass die aktuellen schlechten Nachrichten – beispielsweise zur US-Investmentbank Lehman Brothers – kaum die Qualität und Dimension hätten, um das Urteil über eine mindestens ein Jahr alte Krise von globalem Ausmaß über den Haufen zu werfen. „Da hat die Finanzwelt Dramatischeres gebeichtet und erlebt.“ Statt zu versuchen, im Wettbewerb um Aufmerksamkeit mit neuen Meinungen wider den Trend zu punkten, hätten der zur Kassandra mutierte Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann und seine Mitstreiter es besser so gesagt, wie es ist: „Vielleicht schaffen wir mit etwas Glück bald die Rückkehr zur Normalität. Möglicherweise aber werden wir viele, viele Jahre darunter zu leiden haben.“

Für die Frankfurter Allgemeine Zeitung ist die Bankenkrise tückisch. „Wie ein Schwelbrand erfasst sie immer mehr Segmente der Finanzmärkte, dämpft zudem das Wirtschaftswachstum. Das schlägt sich in weiteren Kreditausfällen nieder.“ Von den Einbußen seien nun Banken betroffen, die schon durch frühere Verluste geschwächt seien und zudem unter rückläufigen Erträgen im lukrativen Investmentbanking litten – wodurch es für sie schwieriger werde, frisches Eigenkapital aufzutreiben. Dass die Ratingagentur S&P die Bonitätsnoten für gleich drei große Investmentbanken, Morgan Stanley, Merrill Lynch und Lehman Brothers, herabgesetzt habe, sei ein Beleg für die These, dass die Krise noch längst nicht ausgestanden sei. „Sie kann jederzeit auflodern.“

Der britische » Independent vergleicht den aktuellen Weltwirtschaftszyklus mit denen aus den 1970ern, 80ern und 90ern: Dieser sei nicht so „tief“, könnte jedoch vergleichsweise lange anhalten. „Die Banken werden ein ganzes Jahrzehnt lang vernarbt und verschreckt sein. Die steigende Inflation auszumerzen, dauert mindestens drei Jahre. (...) Die nächsten Schritte bei den Leitzinsen werden sich nach oben, nicht nach unten orientieren. (...) Bei einem normalen Zyklus würde man eine Erholung bis 2010 erwarten, aber ich spüre die wachsenden Sorgen, dass (...) sich der Abschwung, obwohl er nicht so tief ausfällt, länger hinziehen könnte“, blickt die Zeitung voraus.

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