Presseschau von 6.5.2008
Europäische Zentralbank im Dilemma

Die internationale Wirtschaftspresse diskutiert kontrovers über die Ankündigung der EZB, die Leitzinsen zu erhöhen. Für Salon.com sind Inflationssorgen selbsterfüllende Prophezeiungen. Der New Statesman zeichnet ein düsteres Bild des britischen Immobilienmarktes. RBC Daily kommentiert die mögliche Rückkehr von Michail Chodorkowski. Fundstück: Google wird böse.
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Die Frankfurter Allgemeine Zeitung begrüßt die Ankündigung der Europäischen Zentralbank (EZB), ihren Leitzins zur Dämpfung der Inflation im Juli voraussichtlich weiter anzuheben. "Das war überfällig. Der Anstieg der Öl- und Nahrungsmittelpreise hat die Inflation im Euro-Raum in den vergangenen Monaten übel angeheizt, zuletzt auf 3,6 Prozent." Derzeit bestehe das größte Risiko darin, dass sich die "Inflationsmentalität" unter den Verbrauchern breitmacht, die dann ihrerseits zu einem mächtigen Antrieb für weiteren Preisauftrieb werde. "Der EZB-Rat hat diese Gefahr erkannt. Jetzt sollte er auch rasch, also im Juli, handeln. Denn je früher er der entstehenden Inflationsmentalität entgegentritt, umso leichter wird sie sich eindämmen lassen - und umso geringer werden letztlich die volkswirtschaftlichen Kosten sein."

Die » Financial Times Deutschland zweifelt demgegenüber daran, dass eine Leitzins-Erhöhung die richtige Antwort auf die steigende Teuerungsrate ist: "Der Preisdruck kommt vor allem von den internationalen Rohstoffmärkten, Zweitrundeneffekte spielen bisher kaum eine Rolle. Zugleich zeichnet sich eine empfindliche Abkühlung der Konjunktur auch in Europa ab, was den Preisauftrieb ebenso bremsen sollte wie die Aufwertung des Euro." Dagegen lasse sich zwar einwenden, dass die Konjunktur zuletzt meist positiv überrascht habe und dass Inflationserwartungen schon im Ansatz bekämpft werden müssten. "Zwang zum Handeln ergibt das aber noch nicht - das sah am Donnerstag auch die Mehrheit der Notenbanker so. Umso fragwürdiger ist es, dass sie sich für die Zukunft derart festlegen."

Der » Irish Examiner fürchtet, dass höhere Leitzinsen die ohnehin schon scharfen Zinskonditionen der Banken verschärfen könnten. "Keiner ist so blöd und verwechselt Banken mit der Heilsarmee, aber wir sollten eigentlich dennoch gut schlafen können, im Glauben, dass dies keine Piraten sind", leitet das Blatt über zur Allied Irish Bank (AIB), die überzogene Giro- und Darlehenskonten ab kommender Woche mit einem Zinssatz von bis zu 27,05 Prozent belegen wolle - eine Steigerung um 33 Prozent. Umso erstaunlicher wirke dieser Schritt vor dem Hintergrund des Vorsteuergewinns der Bank von 2,5 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr. "Es gibt kaum ein Beispiel, das klarer zeigt, wie die Mächtigen die Schwachen weghauen, um ihre eigenen Interessen zu schützen", schimpft die Zeitung. "Gier ist so scheußlich. Ein scheußliches Beispiel für soziale Verantwortungslosigkeit."

Die Süddeutsche Zeitung meint, die Notenbank gebe mit ihrer Zins-Warnung Einblick in ihren Grundkonflikt. "Ändert sie die Zinsen nicht, obwohl die Preise so stark steigen wie seit vielen Jahren nicht mehr, dann wird sie weniger glaubwürdig und berechenbar. Setzt sie die Zinsen herauf, könnte sie das falsche Signal setzen, falls sich die Konjunktur der Eurozone demnächst eintrüben sollte." Dieses Risiko müsse sie aber nun eingehen.

Die » Neue Zürcher Zeitung rechnet damit, dass die Schweizerische Nationalbank in ihrem Zinsentscheid in der kommenden Woche der EZB einen Schritt vorausgehen könnte. "Sie hätte Grund dafür. Die kurzfristigen Realzinsen, die man annäherungsweise mit den um die aktuellen Inflationsraten bereinigten Dreimonate-Zinsen gleichsetzen kann, sind nämlich in der Euro-Zone klar positiv, in den USA deutlich negativ - und in der Schweiz leicht negativ." Auch wenn man an einen Inflationsbuckel glaube und auch wenn man gegen den Erdölpreisschock nicht gleich den geldpolitischen Hammer einsetzen wolle, wirkten die Realzinsen in der Schweiz derzeit sehr tief.

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