Presseschau von 9.4.2008
Schluss mit den Schönreden

Die internationale Wirtschaftspresse begrüßt das Comeback des Internationalen Währungsfonds. Der Independent blickt auf das vielleicht letzte Wahlkampf-Duell von Hillary Clinton. Die FAZ meint, dass sich die populistischen Nokia-Proteste gelohnt haben. Il Velino aus Italien verzweifelt am jüngsten OECD-Wirtschaftsbericht. Fundstück: Männer ohne Herdtrieb.

Die » Frankfurter Rundschau begrüßt die Prognose des Internationalen Währungsfonds (IWF), der mit Verlusten von beinahe einer Billion Dollar in Folge der Krise am US-Hypothekenmarkt rechnet. Damit habe der IWF den „Schönrednern in Wirtschaft und Politik einen gehörigen Dämpfer verpasst. Von wegen bald vorbei. Von wegen alles im Griff.“ Die „ungeheure Zahl“ lasse noch „gewaltige Verwerfungen“ erwarten, in der Branche selbst sowie in der Realwirtschaft. Der Bericht des Fonds lese sich wie eine „Selbstvergewisserung mit unerwarteten Wendungen“. Die lange Zeit zu Recht als neoliberal verschrieene Organisation schreibe unverblümt von der Zerbrechlichkeit des Systems – und nehme die Staaten in die Pflicht, falls einzelnen Instituten der Kollaps droht. „Das ist zwar noch kein Offenbarungseid von Verfechtern freier Märkte, sollte aber all jenen Auftrieb geben, die nach Alternativen zu einem zügellosen Finanzkapitalismus anglo-amerikanischer Prägung suchen.“

» Les Echos aus Frankreich ist erstaunt über den scharfen Ton des IWF, dessen Eine-Billion-Dollar-Prognose wie ein „Fallbeil“ eingeschlagen sei. Nachdem die bislang oft „abwesenden Teilnehmer“ im wirtschaftspolitischen Diskurs früher eher einen „unnachahmlichen diplomatisch-ökonomischen Ton“ angestimmt hätten, wollten sie nun auf diesem Weg ihr „Comeback“ einleiten. Dominique Strauss-Kahn habe die Markt-Akteure an ihre Pflichten erinnert – in Washington, Peking, Berlin sowie London und Paris. Dies sei sowohl unbequem für die Wall Street, die sich mit Händen und Füßen gegen eine „alles erstickende Regulierung“ wehre, als auch für Europa, das weiterhin glaube, die eigene Wirtschaft sei resistenter als andere gegenüber der Finanzkrise. Möglicherweise sei der IWF auf dem Weg, die Rolle des „Hüters des großen weltweiten finanziellen Gleichgewichts“ wiederzufinden, meint das französische Blatt.

» Forbes wundert sich, dass der Gold-Preis gestern in New York trotz der Ankündigung des IWF, rund 400 Tonnen des Edelmetalls zu verkaufen, gestiegen sei. „Es ist noch längst nicht klar, dass der IWF mit dem Plan durchkommt“, sucht das Magazin nach Gründen. Dafür benötige der Fonds die Unterstützung des US-Kongresses, der 17 Prozent der Stimmrechte sowie ein Vetorecht habe – der Kongress habe schon einmal, 2005, einen Versuch, die Goldreserven zu dezimieren, vereitelt. Aber auch ein gelungener Verkauf würde als ein guter Impuls für den Markt gewertet, dessen Produktion die große Nachfrage nach Gold seit Jahren nicht befriedigen könne. Aus diesem Grund sei der Gold-Preis heute viermal höher als 2001.

Nach Einschätzung der » Zeit ist der Verkauf eines Teils der IWF-Goldreserven überfällig und ein Signal für Zentralbanken, die – wie die Deutsche Bundesbank – noch Goldschätze in ihren Tresoren hüteten. Da das Edelmetall keine Zinsen abwerfe, zur Verteidigung des Wechselkurses nur noch begrenzt stark nötig sei und die Gold-Preise stark schwankten, sei es eine Verschwendung, wenn Zentralbanken und Internationale Finanzinstitutionen immer noch dem Golde verfallen seien. „Und es ist keineswegs ihre Privatsache, denn die mehr als 3000 Tonnen Gold, die die Bundesbank hält, sind Teil des Volksvermögens. Die Bürger haben ein Recht darauf, dass es anständig verwaltet und vermehrt wird.“ Also müsse das Edelmetall verkauft werden, und zwar solange die Preise noch hoch sind.

Die Süddeutsche Zeitung stellt dem IWF eine Existenzberechtigung aus: „Heute, in Zeiten einer globalen Finanzkrise mit noch schwer absehbaren Folgen und Bankrotterklärungen einiger Banken, wäre es sträflicher Leichtsinn, die einzige globale Währungsorganisation aufzugeben.“ Geichwohl sei eine Reform notwendig: Schwellenländer sollten mehr Mitspracherechte erhalten und den IWF ihrem gewachsenen wirtschaftlichen Gewicht gemäß mittragen, schlagen die Münchner vor.

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