Presseschau von 9.6.2008
Die Welt am Tropf des Öls

Die internationale Wirtschaftspresse kommentiert die neuen Höchststände bei den Ölpreisen: Während die taz zum Energiesparen aufruft, wettert China Daily gegen die "beduselten Umweltschützer". Der Spiegel beschuldigt die Lufthansa der Spionage. Corriere della Sera erklärt das Stubenhocker-Syndrom der Italiener. Fundstück: Alice im Kaninchenland.

Für die Berliner » Tageszeitung sind sowohl die Forderung nach einer Entkoppelung der Gas- von den Ölpreisen als auch die Rufe nach einer Senkung der Mineralöl- oder anderer Energiesteuern populistische Schachzüge, die das zentrale Problem nicht lösten - dass fossile Energieträger knapp werden. "Helfen würde da nur eines: weniger davon verbrauchen. Um das zu erreichen, gibt es in den Marktwirtschaften, in denen wir nun mal leben, ein einfaches Mittel: höhere Preise", versichern die Berliner. Die drastischen Preissteigerungen während der Ölkrisen der 1970er-Jahre hätten wahre Innovationsschübe ausgelöst. "Gerade die bundesdeutsche Volkswirtschaft profitiert davon bis heute. Das Nachsehen haben lernunwillige Ökonomien wie die US-amerikanische."

Statt in den Abgesang auf Öl und Co. einzustimmen, verteidigt »  China Daily die fossilen Energieträger als "flexibelste, verlässlichste und effizienteste Energieformen": "Wir haben zugelassen, dass sich beduselte Umweltschützer der abscheulichsten Sorte eine Krawatte angezogen haben und zum Mainstream gewechselt sind, die Cover von Nachrichtenmagazinen dominiert sowie Oscars, Emmys und Nobel-Preise gewonnen haben", schießt der Autor gegen die grüne Bewegung. Der "größte Boogieman" (übersetzt in etwa: Butzemann) sei die Hysterie wegen des Klimawandels, die dazu geführt habe, dass sich viele Politiker dem Slogan, die Kohlendioxid-Emissionen bis 2050 um 80 Prozent zu reduzieren, angeschlossen hätten. Sollten sie Erfolg haben, argumentiert das Blatt, würde dies die derzeit noch wachsenden Schwellenländer auf das Level der ärmsten Länder der Welt führen. "Vielleicht ist das der Egalitarismus, den sie anstreben: die ganze Welt so arm zu machen."

Der » Tagesspiegel glaubt, dass die Ursache, warum Spekulanten derzeit den Ölpreis drastisch nach oben handelten, in der Peak-Oil-Angst liegt. Erstmals habe mit Total ein Öl- und Benzinkonzern die Befürchtung bestätigt, dass die Zeiten des schwarzen Goldes schneller vorbei sind als bislang erwartet: Voraussichtlich um 2020 herum, so Total, werde der Höhepunkt der Förderung inklusive Tiefsee und Permafrostböden erreicht sein. Als Konsequenz fordert die Zeitung, dass die EU im Rahmen der Energie- und der Wettbewerbspolitik eine marktkonforme Preisbildung bei der Öl-Alternative Gas forcieren. "Die wirksamste Gegenmaßnahme liegt allerdings nicht bei der Wettbewerbs- oder Ökopolitik, sondern in der Hand der Verbraucher selbst: Energie sparen."

Die Süddeutsche Zeitung sucht ebenfalls nach Auswegen aus der Öl-Misere. Sollte der Bund auf Milliarden aus der Ökosteuer verzichten, würde dies - ähnlich wie "Sozialtarife" für Arme - die Entwicklung bestenfalls um ein paar Monate verzögern. Die Verträge, die eine Kopplung des Gaspreises an den Ölpreis vorsehen, ließen sich nicht ändern - dafür sei selbst der Multi Eon im Verhältnis zum Koloss Gazprom zu schwach. Die Lösung bestehe darin, dass sich die Industriestaaten unabhängig machten vom "Treibstoff ihrer Industrialisierung": "Sie werden bessere Häuser mit weniger Rohstoffen heizen müssen, sie werden bessere Autos mit weniger Tankstopps fahren müssen. Wenn dies das Ergebnis der Preisrekorde ist, wenn die Welt diesen Weg ohne eine kolossale Rezession bewältigen kann - dann hätte die Entwicklung sogar ihr Gutes gehabt."

Das US-Wirtschaftsmagazin » Fast Company besucht den Ölmagnaten T. Boone Pickens, der den weltgrößten Windpark aufbauen möchte: über 2000 Turbinen, die 4000 Megawatt leisten sollen - genug, um eine Million Haushalte mit Strom zu versorgen; Kosten: zehn Milliarden Dollar; erhoffte Rendite: 15 bis 25 Prozent. "Fremdes Öl kostet uns 500 Milliarden Dollar pro Jahr. In zehn Jahren werden fünf Billionen Dollar das Land verlassen. Das ist doch verrückt. Das ist der größte Transfer von Reichtum von einer in die andere Region seit Menschengedenken", erklärt der 80-Jährige sein Engagement. Die Erdöl-Industrie habe ihre Produktionsspitzen überschritten - das weltgrößte Ölfeld etwa, Ghawar in Saudi-Arabien, habe zu Spitzenzeiten 5,7 Millionen Barrel pro Tag gefördert, heute nur noch vier Millionen Barrel. Pro Jahr verlören die Felder weltweit rund fünf bis acht Prozent ihres Fördervolumens.

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