Presseschau
Wirtschaftswissenschaft ist Religion

Die Wirtschaftspresse wirft Lehrbuchweisheiten über den Haufen und stellt die Krise in größere Zusammenhänge. Die Financial Times sucht Lösungen im 18. Jahrhundert, die Japan Times hält den Merkozy-Pakt für Selbstmord.
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DüsseldorfIn mehr als 40 Jahren hätten sich die USA nicht so langsam von einer Rezession erholt – und die Immobilienkrise allein erkläre das nicht, hält das US-Wirtschaftsmagazin Barrons fest. Mit den Wachstumsraten der zweit- und drittschwersten Rezessionen nach dem Zweiten Weltkrieg sowie 1981/82 und 1974/75 hätte die Erholung der jüngsten Rezession nur halb so lang dauern dürfen, rechnet das Blatt vor. Auch spezielle Entschuldigungen wie etwa der wachsende Staatsanteil und die Immobilienkrise herausgerechnet, ändere sich nichts daran. Selbst wenn man beide Faktoren über alle Zeiten hinweg herausrechne. „War die Regierung Teil der Lösung und könnte noch mehr tun? Oder war sie selbst Teil des Problems?“, fragt das Blatt und tendiert zu letzterem. Mit Blick auf die Statistiken, sei ökonomische Freiheit ein wichtiger Faktor, verweist das Blatt auf aktuelle Forschungsergebnisse. Möglicherweise ein Grund, warum das Wachstum unter Bush deutlich kleiner ausgefallen sei, als unter Clinton. „Ebenfalls bemerkenswert: Der Absturz des Economic Freedom-Index von 2008 auf 2009, dem jüngsten Jahr, für das Daten erhältlich seien, sei der größte Indexabfall überhaupt gewesen, stellt das Magazin vielsagend fest.

Das Recht auf Aufstieg sei Kernkonzept der wirtschaftlichen Freiheit, diese Aussage des Kongressmannes Paul Ryan greift der ehemalige Gouverneur von Florida, Jeb Bush, in einem Gastkommentar im Wallstreet Journal auf. „Wir sollten dafür kämpfen“, ist er überzeugt. „Wir müssen Leute Risiken auf sich nehmen lassen. Sie scheitern lassen. Wir müssen Leute die Folgen schlechter Entscheidungen erleiden lassen. „Und wir müssen Leute die Früchte guter Entscheidungen ernten lassen, selbst von Glück“, fordert der prominente Gastkommentator. „So sieht ökonomische Freiheit aus.“ Stattdessen verlangten wir von unseren gewählten Verantwortlichen, uns davor zu bewahren, um uns vor menschlichen Tragödien zu schützen. „Haben wir das Vertrauen in ein System des freien Marktes unternehmerischen Kapitalismus verloren?“, fragt sich der Gastkommentator. Das Recht auf Aufstieg brauche keine libertäre Utopie, sondern eher weniger, einfachere und ergebnisorientiertere Regeln. Wir müssten uns entscheiden zwischen der geraden Linie, graduellen, kontrollierten Wachstums, das die Statistiken versprechen – aber nie liefern könnten. Oder der gezackten Linie, die keine Garantien böte, aber den meisten Wohlstand die die größten Chancen für die meisten Leute böte.

Die gebräuchliche Lehrbuchsicht, dass Staatsausgaben während des Zweiten Weltkriegs „uns aus der Depression geholt“ hätten, zerpflückt ein Gastkommentator der Wirtschaftsnachrichtenagentur Bloomberg, ein Ökonom von der Cornell University. Diese Sicht gehe davon aus, dass das Ende der Großen Depression sowohl zufällig als auch notwendigerweise kriegerisch gewesen sei. „Aber wie genau uns der Zweite Weltkrieg aus der Depression geholt hat, wird generell ignoriert.“ Indem der Krieg eine einzigartige Nachfrage nach ganz neuen Industrien ausgelöst habe und die Regierung den Markt dafür erst habe schaffen müssen. Es sei kein Triumph der Technik aufgrund der Kriegsnachfrage gewesen, sondern das Resultat kluger Entscheidungen entschlossener Politiker und Industrieller, hält der Gastkommentator fest. All diese Investitionen zu finanzieren, habe dem Land aus der Depression geholfen und einen neuen und wichtigen Wirtschaftssektor etabliert. Auch heute könne privates Kapital wieder profitabel investiert werden, ist das Blatt überzeugt. „Was der geheime Weg zu jedem wirtschaftlichen Erfolg ist.“

Mit einer anderen, aktuell herrschenden Meinung, räumt Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman in seinem Blog bei der New York Times mit einer „kurzen Notiz“ auf: der jüngst oft diskutierten Behauptung, dass die strukturellen Probleme Südeuropas „chronische“ Handelsdefizite verursacht hätten. „Diese moralisierende Unwahrheit wird als Fakt von Reportern hingestellt, die offensichtlich nicht die Zahlen prüfen“, ärgert sich der Ökonom. Tatsächlich seien diese vermeintlich chronischen, großen Defizite eine relativ junge Entwicklung. „Lasst uns über strukturelle Reformen reden – aber nicht die falsche Behauptung aufstellen, dass strukturelle Probleme verursacht hätten, was eigentlich ein makroökonomisches Problem ist“, appelliert der prominente Blogger.

Das US-Wirtschaftsmagazin Fortune stellt gleich die ganze Volkswirtschaftslehre in Frage. Vergangenen Monat hätten 70 Harvard-Erstsemester aus Gregory Mankiws Ökonomie-Einführungsvorlesung verlassen und dem Ökonomen geschrieben, sein Kurs transportiere eine beschränkte Sicht der Wirtschaft, von der sie annähmen, dass sie problematische und ineffiziente Systeme ökonomischer Ungleichheit in unserer heutigen Gesellschaft stabilisierten. Den Neulingen gehe es wie ihm, schreibt der Kommentator. „Ökonomie ist zu wichtig, um sie den Ökonomen zu überlassen“, zitiert er den Post-Keynesianer Steve Keen, der als erstes vor der globalen Finanzkrise gewarnt habe. Dass die heutigen Kaiser der Wirtschaft keine Kleider trügen, das zu sagen, davor habe Keen – wie diese Harvard-Neulinge – keine Angst. Zurecht. Welche reale Wirtschaft auf der Welt halte sich schon an die von den führenden Ökonomen definierten Prinzipien? Keine. Die Ökonomie sei eine vergehende Wissenschaft, wenn überhaupt. „Wahre Wissenschaften wachsen und entwickeln sich“, argumentiert das Blatt. Wirtschaft dagegen verteidige sich – sie sei eine Ideologie. Was wir bräuchten sei eine ökonomische Theorie, die für eine moderne kapitalistische Wirtschaft relevanter sei. „Eine, die Unsicherheit und Ungleichgewicht einbezieht, auf realistischen Annahmen basiert, an der Treffsicherheit ihrer Prognosen gemessen wird und in der Schulden und Geld implizite, wichtige Faktoren sind“, fordert das Magazin. Eine, die mehr Wissenschaft sei, als Religion. „Wir sind auf dem Weg.“

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Wirtschaftswissenschaft ist Religion

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Merkozys Euro-Selbstmord-Pakt und Santas Lächeln

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  • Wirtschaft liegt in der Handlungsfreiheit der Menschen, die Wirtschaftswissenschaft kann nur beobachten was wann wie gelaufen ist.

  • guter Überblick der dominaten Theorien, leider fehlen vielen Entscheidungs-Trägern die einfachsten Basis-Kenntnisse, was sie dann durch das Prinzip Versuch und Irrtum nach Murphy grandios scheitern lässt.

  • Stimmt. Ökonomie ist ein Naturgesetz. Am besten beschrieben in der Österreichischen Schule der Nationalökonomie. Die Keynes, Maynards, Krugs usw. liegen sehr weit neben der Wahrheit. Das eigentliche Problem ist, dass die meisten Politiker (und auch Journalisten) der falschen Lehre anhängen, und selbst davon nur wenig Ahnung haben. Wen wundert's? Sind ja zu 90% Lehrer, Sozialpädagogen, Theaterwissenschaftler usw.. Sie können aber so viel reden wie sie wollen, Marktwirtschaft ist ein Naturgesetz. Wenn man zu stark eingreift, führt das ins Verderben.

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