Gewöhnungseffekte
Warum Anleger gelassen auf Japan reagieren

Die aktuellen Nachrichten zur Lage in Japan können die Märkte nicht mehr beeindrucken. Die mittelfristigen Erwartungen bleiben hoch. Woher kommt die Gelassenheit in einer Zeit, die eigentlich stark verunsichern müsste?
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DüsseldorfAuch wenn die Gefahr einer atomaren Katastrophe in Japan noch nicht gebannt ist, schaffen es die Meldungen über die Rettungsversuche schon nicht mehr an die Spitze der Nachrichtensendungen. Dies hängt auch damit zusammen, dass mit dem militärischen Eingreifen in Libyen „frischere“ Bilder zu berichten sind und die zum Teil widersprüchlichen Meldungen, welcher AKW-Block gerade mehr oder weniger gefährlich ist, irgendwann selbst den interessiertesten Zuschauer ermüden.

Doch es hängt auch damit zusammen, dass sich die Rhetorik der offiziellen Mitteilungen geändert hat. Nach den chaotischen ersten Tagen spricht man nun von Plänen und Fortschritten. Und die Aussicht, man werde bald Klarheit haben, gibt den Menschen eine Perspektive zu hoffen. Und zu warten. Denn es ist auch Ziel der Kommunikation, keine Panik entstehen zu lassen, die Menschen an ihrem Ort zu halten. Ob zu Recht oder Unrecht, werden wir wohl erst viel später wissen. Auch auf die Märkte hat dieser Nachrichtenstrom eine Wirkung. Das Ausbleiben von Hiobsbotschaften, und dies können wir alle nur begrüßen, führt zu einer Stabilisierung an den Märkten.

Betrachtet man die wichtigsten Aktienindizes weltweit, so ist nur bei den japanischen Indizes bislang eine Trendumkehr festzustellen. Und selbst dort konnten sich Nikkei und Topix zum Wochenschluss noch soweit erholen, dass kurzfristig eine Seitwärtstendenz wahrscheinlich erscheint. Alle anderen Märkte zeigen sich mehr oder weniger unbeeindruckt. Während DAX und EuroSTOXX aufgrund der deutschen AKW-Diskussion und der traditionell schlechteren europäischen Nerven etwas stärker korrigierten, haben einige Emerging Markets-Indizes fast nichts verloren.

Wie hat sich das sentix-Sentiment im Wochenverlauf verändert?

Der Markt durchlief bereits am letzten Dienstag einen (kleinen) sell-off, dadurch ist in unseren Daten keine kurzfristige Angst feststellbar. Die mittelfristigen Erwartungen verbleiben völlig unbeeindruckt auf hohem Niveau. Die Sentimentdaten unterstreichen damit das vorstehend gesagte: die Anleger wähnen die Märkte in einer Korrektur, am positiven Basistrend hat sich nichts geändert.

Woher kommt diese Gelassenheit der Anleger in Zeiten, die eigentlich stark verunsichern müssten? Eine Antwort kann die Behavioral Finance liefern: Verfügbarkeitsheuristik. Vereinfacht bedeutet diese, dass bei den Anlegern der Vergleich zu den Wirkungen und Marktreaktionen auf das Erdbeben in Kobe (1995) übermäßig präsent ist. Daher rührt die weithin anzutreffende Aussage, dass die Katastrophe ein großes Konjunkturprogramm wäre und die Folgen, dank der Disziplin und dem Fleiß der Japaner, schnell überwunden sein dürften.

Es gibt sich einer solchen Effekt großer Katastrophen auf die Konjunktur, doch es dürfte aus Anlegersicht sinnvoller sein, sich mit den Unterschieden von 2011 gegenüber 1995 zu beschäftigen, um künftige Kapitalmarkttrends zu identifizieren. Zu den bedeutendsten Unterschieden gehören Fragen der Finanzierbarkeit sowie die künftige Bewertung von japanischem Immobilienvermögen.

Kurzfristig mag das Entspannungsszenario weiter tragen. Wir alle wünschen uns, dass die Folgen der Katastrophe überschaubar bleiben. Doch die Haltung „business as usual“ bedeutet auch, dass die neuen Aspekte des Ereignisses von den Anlegern noch nicht bewertet wurden. Hier lauern nochmals Ungewissheiten, die eine zweite Abwärtswelle am Ende der Zwischenerholung bedeuten dürften. Auf zwei Beinen steht es sich bekanntlich besser, als auf einem. Wir warten auf eine bessere Informationslage und eine differenziertere Analyse des Geschehenen. Eine Rückkehr zur Normalität sollte auch eine Rückkehr zu einer neuen Normalität beinhalten.

 

 

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