Sentix Marktradar
Neue Jahreshochs im Visier

Die Stimmung an den Märkten war in den vergangenen Tag gut. Und das, obwohl die Schuldenkrise keineswegs dauerhaft gelöst ist. Trotzdem haben die Bären das Nachsehen - zumindest kurzfristig.
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FrankfurtSo etwas erlebt man selten: fünf Tage in Folge satte Kursgewinne an den Aktienmärkte. Weil die Griechenland-Krise gelöst wurde?

An dieser Stelle warnten wir vergangene Woche davor, dass mehr und mehr Menschen den Eindruck gewinnen könnten, die Lage in Europa und die Lösung der Schuldenfrage gerate außer Kontrolle. Die Zinsaufschläge spanischer und italienischer Anleihen erreichten neue Verlaufshochs. Zwar wussten alle Beteiligten, dass in Athen eine entscheidende Sitzung anstand, aber eine Zustimmung war klar, schließlich hängen die Politiker in ganz Europa an ihren Versorgungsposten. Was nicht klar war: Wie kann eine wirkliche Lösung des griechischen / europäischen Schuldenproblems aussehen?

Wir haben die Rechnung ohne die Durchsetzungskraft der europäischen Banken und die Willfährigkeit der Politik gemacht. Nicht das „Wiener Modell“ (Schuldenschnitt und Rekapitalisierung) kam zum Zuge, sondern das „Pariser Modell“. Das ist nichts anderes, als die erneute Sozialisierung privatwirtschaftlicher Probleme. Schlimmer noch: es bedeutet den endgültigen Einstieg in die Euro-Bonds, in die Transferunion. Die Banken müssen sich nun keine Sorgen mehr um die Rückzahlung griechischer Schulden machen, dies erledigt nun Europa. Der stille "Rettungsbeitrag" der Banken kauft vielleicht spürbar Zeit für Griechenland und die Euro-Staaten, da man im großen Stil die Bonität der Starken nun in die Waagschale geworfen hat.
Aber eine Lösung einer Schuldenkrise sieht anders aus.

Wie reagieren die Anleger in ihren Markterwartungen auf diese beeindruckende Woche? Sehr erstaunlich. Das kurzfristige Sentiment schnellt nach oben und zeigt, dass spekulative Käufe und Short-Eindeckungen den Markt bewegt haben. Die mittelfristigen Erwartungen dagegen verändern sich fast gar nicht!
Sofern die „guten Nachrichten“ aus Europa die Perspektiven verbessert haben, wurde dies durch die steigenden Kurse kompensiert. Eine nachhaltige Bewertungsperspektive erwächst aus den News der Woche für die Anleger nicht.

Vielmehr richtet sich der Blick unverändert stark auf die konjunkturelle Dynamik in den USA und vor allem in den Emerging Markets.

Sentimenttechnisch sieht die Welt also nicht viel anders aus, als vor einer Woche. Was ist dann mit den Parallelen zu 2007? Nun, die sind durchaus weiter intakt. Man erinnere sich an das Jahr 2007: Die FED senkte Anfang September 2007 erstmals die Leitzinsen. Zuvor waren die Märkte ob der Finanzkrise sehr ängstlich, die mittelfristigen Erwartungen waren stark gefallen. Doch die Leitzinssenkung setzte Hoffnungen frei, das zuvor oft erprobte Mittel des billigeren Geldes würde auch diesmal wieder wirken.
Short-Eindeckungen und kurzfristige Player trieben die Märkte höher, einzig die mittelfristigen Erwartungen wollten nur in geringem Maße steigen. Doch der Markt zeigte eine anhaltende Rallye, erreichte gegen Jahresende 2007 sogar fast wieder seine Jahreshochs und „zwang“ die Anleger – gegen die mittelfristige Überzeugung – zurück in den Markt.

Ein solches Szenario ist auch jetzt denkbar, denn die Bewegung fiel so heftig aus, dass technische Kaufsignale entstanden sind, die eine Eigendynamik entfachen können, welche die Investoren selbst gegen ihre mittelfristigen Überzeugungen in den Markt ziehen dürfte. Besonders starke Signale sendet der US-Aktienmarkt, der mit einer gesunden Marktbreite und starken zyklischen Aktien aufwartet. Dass die Hoffnungen dabei auf einem ISM-Index ruhen, der deshalb so stark steigt, weil sich die Läger füllen, spielt für die Anleger keine Rolle. Die Wirtschaftsdaten der letzten Zeit waren so schwach, dass jede Datenveröffentlichung, die nicht negativ überrascht, als Erfolg verbucht wird. Typisch für einen Short-Squeeze.

Auch in Europa beobachten wir konstruktive technische Signale im DAX, bei Auto- und Versicherungsaktien. Und selbst bei den schwachen Banken, die zuletzt ein extrem negatives Sentiment zu verzeichnen hatten, steht ein Rebreak und damit eine Neutralisierung des technischen Bildes zu Buche.
Kurzfristig haben die Bären deshalb das Nachsehen. Die Parallele zu 2007 entfaltet sich weiter und ein Test der Jahreshochs ist nun durchaus wahrscheinlich. Wenn wieder mehr Sorglosigkeit eingekehrt ist, wird sich zeigen, ob es tatsächlich nur eine „schöne Galgenfrist“ war.

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