Sentix Marktradar
Über Käufe ohne Zuversicht und Zuversicht ohne Käufe

Die Erwartungen der Anleger sind kurzfristig nach oben geschossen, doch die Freude hielt nicht lang. Mittelfristig sind die meisten Investoren ohnehin weiter skeptisch. Wenig spricht im Moment für Aktien.
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FrankfurtDer Beschluss der EU-Regierungschefs hat nur einen kurzfristigen Jubelschrei an den Märkten ausgelöst. Bevor der griechische Ministerpräsident Papandreou die nicht einmal eine Woche alten Gipfelbeschlüsse torpedierte, konnten wir bei sentix Ende letzter Woche mit +30 Prozent noch ein optimistisches Stimmungsbild ermitteln. Die Erleichterung der Marktteilnehmer war aber auch da schon nur kurzfristiger Natur. Denn die strategischen Zweifel der Anleger wurden auch ohne die Neuigkeiten aus Athen durch die EU-Gipfelbeschlüsse der letzten Woche nicht kleiner.

Dies zeigt sich eindrucksvoll im sentix Datenkranz: Um die Wertwahrnehmung - gemessen in den mittelfristigen Markterwartungen der Anleger - ist es nicht gut bestellt. Ein erneutes 52-Wochen-Tief in diesem Index für fast alle wichtigen Aktienmärkte trägt eine klare Botschaft: Das Vertrauen kommt nicht zurück, ob mit oder ohne Hebel - und erst recht nicht durch eine griechische Regierung mit Selbstmordplänen. Da die mittelfristigen Erwartungen in der Regel dem Markt vorauslaufen und damit Prognosecharakter haben, bleiben die Aktienmärkte in schwierigem Fahrwasser.

Diese Indikation steht aktuell interessanterweise im Widerspruch zu den Handlungen der Marktteilnehmer, die sich trotz der fehlenden Zuversicht wieder in die Märkte haben zurücklocken lassen. Dies zeigen die Aktieninvestitionsgrade vom Monat Oktober, die frisch auf dem Tisch liegen.

Ein Plus von 14,3 Prozent bei Institutionellen und 7,3 Prozent bei den Privatanlegern im Vergleich zum Vormonat dokumentieren die Vehemenz des "short-squeeze" (= Eindeckung von Leerverkaufspositionen bzw. Untergewichtungen) der vergangenen Wochen. Da diese Eindeckungen wie dargestellt jedoch nicht von Zuversicht getragen sind, steht der jüngste Anstieg in den Indizes auch aus diesem Grund auf einem wackeligen Fundament. So verwundert es nicht, dass eine ungünstige Nachricht große Implikationen haben kann. Das Jahr 2008 lässt als Vorbild ein weiteres Mal grüßen!

Nicht weniger spannend sieht die Konstellation bei den Festverzinslichen aus. Am Rentenmarkt sehen wir das Spiegelbild des Aktienmarktes, denn die Wertwahrnehmung (6-Monatserwartungen) zu langlaufenden Bundesanleihen stieg trotz der Oktober-Kursschwäche weiter an, während kurzfristig bei den Anlegern die Angst vor steigenden Zinsen dominiert. Dies lässt sich in Sentiment-Werten von aktuell -32 Prozent ablesen, was ein neues 26-Wochen-Tief darstellt.

Ein Blick auf die Renten-Investitionsgrade zeigt, dass genau diese kurzfristige Angst das Umsetzungsverhalten in den Portfolios beeinflusst hat. Die Positionierung der professionellen Investoren wurde im Oktober nochmals defensiver gestaltet. Damit ist das nächste Spannungsverhältnis offensichtlich: Denn die geäußerte positivere Sicht auf 6-Monaten und die Risikoreduktion in den Portfolios zeigen in gegensätzliche Richtung, was einem "dissonanten Verhalten" der Anleger gleichkommt. Hier repräsentieren unterlassene Bond-Käufe trotz der gestiegenen Zuversicht eine Triebfeder für weitere positive Kursüberraschungen.

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