Sentix Marktradar
Warten auf den Befreiungsschlag

Die Sorge vor Ansteckungseffekten einer Umschuldung in Griechenland treiben die Politik zu immer neuen Rettungsmaßnahmen. Doch die Krise verschärfen diese nur. Die Anleger sehen klarer. Sie werden eine Lösung erzwingen.
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FrankfurtDie Politik wird nicht müde, vermeintliche Ansteckungseffekte aus der Schuldenkrise innerhalb der Euro-Zone zu verhindern. Sie spannt dazu Rettungsschirm um Rettungsschirm – und erreicht am Ende das genaue Gegenteil dessen, was sie beabsichtigt. Denn die Logik der Retter ist nur dann von Erfolg gekrönt, wenn die zu schützenden Anlagen werthaltig sind. Im Falle Griechenlands hat der Markt dem aber bereits mehr als deutlich widersprochen. Und wenn wenig Werthaltiges mit Garantien ausgestattet wird, muss der Garantiegeber eben mit echten Ausfällen rechnen.

Der Markt addiert also jede gegebene Garantiesumme zu den ohnehin hohen Staatsschulden der meisten Euro-Länder hinzu. Das führt dazu, dass nun die Retter zusätzlich geschwächt werden. Im Falle Portugals und Irlands geht selbst die Politik davon aus, dass diese zu einer Rettung anderer eigentlich nicht in der Lage sind. So erklärt sich die Differenz zwischen Brutto-Garantiesumme des EFSF und der „effektiven Ausleihkapazität“. Aber auch andere Retter könnten schon bald als Garantiegeber ungeeignet erscheinen. Denn bei 440 Mrd. Euro an Garantien entfallen auf Italien rund 20 Prozent und damit rund 90 Mrd. Euro, was die ohnehin schon hohe Schuldenlast des Landes zusätzlich in die Höhe treibt.

Wenn also die derzeitige Rettungspolitik der Grund des Übels ist, wird andererseits ein Schuldenschnitt in Griechenland doppelt attraktiv. Für das Land selbst, welches so Luft zum Atem bekäme, und für die Retter, die sich endlich den tatsächlichen Kosten und deren Bewältigung stellen müssten.

Uns Menschen fällt es schwer, Verluste zu realisieren. Das weiß jeder Börsianer. Deshalb ist es nachvollziehbar, dass sich die Politik um die unschöne Diagnose herumdrücken möchte. Psychologisch tritt hierbei der „sunk cost effect“ in Erscheinung. Dieser beschreibt die menschliche Tendenz, zur Vermeidung von Verlusten weitere Mittel zu investieren. Doch was unserer Gefühlswelt zuträglich ist, ist in diesem Fall nicht nur ökonomisch fragwürdig, sondern treibt die Verantwortlichen immer tiefer in die Krise hinein – und die Risiken in die Höhe.

Die Anleger sehen im Übrigen nicht nur im Falle Griechenlands die Dinge klarer als so mancher Politiker. So verharren die mittelfristigen Aktienmarkterwartungen auch weiterhin in der Nähe von Zweijahrestiefs. Das Urteil über die Rettungspolitik könnte damit kaum deutlicher ausfallen. Hinzu kommt, dass auch konjunkturell die Vorzeichen weiter auf Abkühlung stehen und insbesondere die bisherigen Wachstumsmotoren der Emerging Markets spürbar stottern. Alles in allem bleiben die Aussichten wie gehabt – und damit in Molltönen gekleidet. Wir brauchen einen wirklichen Befreiungsschlag, den die Märkte letztlich auch erzwingen.

 

Manfred Hübner
Manfred Hübner
Sentix / Geschäftsführer

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