Sentix Marktradar
Zinsängste lasten auf Anleihen

Der Festgeldanleger freut sich, der Darlehenskunde weniger. Steigende Zinsen sind spätestens seit der Zinserhöhung der EZB von letztem Donnerstag für alle präsent. Anleihen gerade unter Druck, aber vielleicht nicht mehr lange.
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FrankfurtDas, was heute für alle so klar erscheint, war von den meisten Marktbeobachtern vor drei Monaten noch unvorstellbar. Dass die EZB die Zinsen erhöhen könnte wurde in Anbetracht der Zinsverwerfungen in Euroland und der Schuldenprobleme einzelner EU-Staaten für ausgeschlossen gehalten. Doch die Zinsdiskrepanz ist geblieben, der Blick darauf ein anderer. Inflationsängste dominieren das Handeln der Notenbanker, gepaart mit einem politischen Gerangel um die Nachfolge Trichets. Denn schließlich möchte sich ein potentieller Nachfolger als Währungshüter profilieren.

Vielleicht ist dies auch der Hauptgrund für die neuerliche Einigkeit von Notenbankvertretern Nord- und Südeuropas. Die EZB-Watcher erwarten nun gleich eine Reihe von Zinsschritten und plötzlich werden diese auch „für sinnvoll“ gehalten. Ein Blick auf die Erwartungswerte zum Jahreswechsel entlarvt den Konsens, der mehrheitlich von keiner oder maximal einer Zinserhöhung ausgegangen war. Damit haben sich auch die Vorzeichen für die professionellen Bondanleger verändert. Denn der Kapitalmarkt hat seit einigen Monaten bereits begonnen, die Zinswende einzupreisen. Mittlerweile hat sich seit dem Hoch des Bund-Futures bei rund 134 Punkten im Spätsommer letzten Jahres ein Rückgang um 1400 Punkten eingestellt. Diese Kursabschläge treiben die Fondsmanager in die Defensive, was sich seit geraumer Zeit auch in den Bond-Portfolios widerspiegelt.

Die generelle Zinsangst dokumentiert sich auch im Stimmungskostüm zu US-Treasuries und Bundesanleihen. Die Stimmungswerte sind als äußerst bearish zu bezeichnen, worin für manchen Beobachter eine Chance liegt. Quoten von unter -30% (starker Pessimismus) waren in der Vergangenheit häufig ein guter Contra-Indikator.

Wenn Ängste dominieren und zugleich die mittelfristige Werthaltigkeit der Anlage sich verbessert, könnten zumindest langlaufende Anleihen das schlimmste hinter sich haben. In den aktuellen sentix Daten deutet sich dieser Prozess für US-Treasuries bereits an. Sicher wäre ein Anstieg der Wertwahrnehmung auch in Euroland nötig, um auch hier von besseren Zeiten für Langläufer zu träumen. Dieses Element fehlt bislang und steht einem strategischen Gezeitenwechsel (noch) im Wege. Eines steht jedoch aus der verhaltensorientierten Analyse fest: Auch wenn weitere Zinsschritte der EZB ins Haus stehen, so keimen im Hintergrund bereits die ersten Pro-Argumente für langfristige Renten auf. Bekanntlich blicken die Börsen etwas weiter in die Zukunft.

 

Manfred Hübner
Manfred Hübner
Sentix / Geschäftsführer

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