Am deutschen Aktienmarkt hat sich am Mittwoch nach rasanten Kursgewinnen der Vortage Ernüchterung breit gemacht. Nachdem die Konjunkturdaten in den USA deutlich schlechter ausgefallen waren als erwartet, schloss der der Dax tief im Minus. Der Leitindex fiel um knapp sieben Prozent unter die 5 000-Punkte-Marke. Dabei waren die Unternehmenszahlen gar nicht so übel.
HB FRANKFURT. Der Dax fiel zum Handelsschluss um 6,49 Prozent auf 4 861,63 Punkte. Nach der Ankündigung der staatlichen Rettungspakete für die angeschlagene Finanzbranche hatte der Leitindex am Montag und Dienstag zusammen rund 14 Prozent gewonnen und damit einen Teil der 22-prozentigen Vorwochenverluste wieder aufgeholt. Für den MDax ging es um 6,52 Prozent auf 5 657,63 Punkte nach unten und der TecDax fiel um 5,63 Prozent auf 553,00 Zähler.
Zwar sei die Stimmung nicht panisch gewesen, berichteten Händler, doch die Nervosität sei sehr hoch. "Offenbar sind Schwankungen von über fünf Prozent jetzt normal", stöhnte ein Börsianer.
Belastet wurde der Dax von schwachen Konjunkturdaten. In den USA sind die Einzelhandelsumsätze im September stärker als erwartet gesunken. Auf Monatssicht seien die Umsätze um 1,2 Prozent zurückgegangen, teilte das US-Handelsministerium am Mittwoch in Washington mit. Dies ist der stärkste monatliche Rückgang seit August 2005. Volkswirte hatten mit einem moderateren Rückgang um 0,7 Prozent gerechnet.
Dagegen waren die Unternehmenszahlen gar nicht mal so schlecht. Zwar brachen die Gewinne der beiden US-Banken JP Morgan
und Wells Fargo
ein; unterm Strich stand aber immer noch eine schwarze Zahl. Auch Coca
-Cola überzeugte die Anleger mit guten Quartalszahlen.
"Das Problem ist ja nicht aus der Welt, es ist nur nicht mehr so akut wie letzten Freitag, als wir mit einem Bein über dem Abgrund schwebten", fasste ein Börsianer die Stimmung zusammen. Nach der Finanzkrise stehe nun die Lage der Wirtschaft im Fokus, erklärte ein anderer. Sowohl in Europa als auch in den USA wird eine Rezession inzwischen nicht mehr ausgeschlossen. Die Präsidentin der Fed von San Francisco, Janet Yellen, erklärte, die Aussichten für die US-Wirtschaft hätten sich merklich verschlechtert, das Land scheine in einer Rezession zu sein. Zwar habe sie die koordinierte Zinssenkung in der Vorwoche unterstützt, sagte Yellen, die erst im nächsten Jahr im Offenmarktausschuss (FOMC) wieder Stimmrecht hat. Doch seien Zinssenkungen kein Allheilmittel.
Deutschland steht nach Einschätzung der führenden Wirtschaftsgutachter des Landes schon am Rande einer Rezession. Vor diesem Hintergrund rückten nun auch Konjunkturdaten wieder stärker in den Vordergrund. Im Fokus steht Börsianern zufolge weiter die Lage am Geldmarkt, wo sich die Banken gegenseitig seit Wochen kein Geld mehr leihen. Die Rettungspakete der meisten Länder zielen darauf ab, dieses Vertrauen wiederherzustellen. "Da muss man Geduld haben, das ist ein langwieriger Prozess", sagte ein Händler.
Anders als in der vergangenen Woche gerieten diesmal vor allem die Aktien der Unternehmen unter Druck, die besonders stark unter einer Konjunkturschwäche zu leiden haben. In Frankfurt rauschten deswegen Siemens
um 14 Prozent in die Tiefe. Daneben verbuchten weitere acht der insgesamt 30 Dax-Werte Verluste im zweistelligen Prozentbereich.
ThyssenKrupp
, Salzgitter
und ArcelorMittal fielen zwischen elf und 14 Prozent, zusätzlich belastet von einem pessimistischen Ausblick eines asiatischen Konkurrenten. Der südkoreanische Stahlhersteller Posco, die weltweite Nummer vier der Branche, hatte angesichts der Finanzkrise vor einer Abschwächung des Wachstums im vierten Quartal gewarnt.
Finanzwerte wurden ebenfalls in die Tiefe gerissen. Hypo Real Estate gaben um 9,1 Prozent nach, Deutsche Bank
sackten sogar um 12,5 Prozent ab. Schwächer als der Gesamtmarkt zeigten sich auch die meisten Autowerte. Daimler
und BMW
fielen um zehn Prozent und MAN
um über zwölf Prozent. Die VW
-Aktien widersetzten sich jedoch - einmal mehr - der Entwicklung am Gesamtmarkt und gehörten mit einem Plus von elf Prozent zu den wenigen Gewinnern in Europa. "VW ist mittlerweile eine eigene Anlageklasse", sagte ein Händler. Die Aktie habe sich völlig von fundamentalen Faktoren abgekoppelt.
Infineon
verbuchten zunächst ebenfalls Kursgewinne, mussten diese aber im Laufe des Tages abgeben und schlossen als zweitgrößter Dax-Verlierer 12,6 Prozent tiefer. Am Morgen hatten die Titel noch von einem überraschend starken Anstieg des Quartalgewinns des US-Chipherstellers Intel
profitiert. Doch selbst dessen Aktien konnten sich angesichts der fallenden Kurse am Gesamtmarkt und der Furcht vor schlechteren Zeiten nur mit Mühe im Plus halten und notierten im Laufe des US-Handels 0,9 Prozent höher.

