Bei Produkten auf Agrarrohstoffe drohen Rückschläge. So schnell, wie die Preise zuletzt gestiegen sind, wird die Welt nicht verhungern.
Weil die Finanzkrise uns so beutelt, kaufen plötzlich alle Agrarrohstoffe – das ist ja kaum auszuhalten." Das sagt kein Ahnungsloser, sondern der Rohstoffanalyst einer französischen Großbank. Er will lieber anonym bleiben, was verständlich ist: Warnungen vor spekulativ überhitzten Notierungen bei Weizen, Reis und Soja sind nicht en vogue beim neuen Trendthema Agrar. Binnen Jahresfrist kletterten die Spotpreise, das sind die aktuellen Kassa-Preise, der im Index S&P GSCI Agriculture Total Return enthaltenen Agrarrohstoffe um durchschnittlich 81 Prozent, an der Spitze lag Weizen mit plus 157 Prozent.
Zuletzt ging es immer steiler nach oben, seit Jahresanfang allein um gut 30 Prozent. So nährt die Hausse die Hausse. Und das soll sie auch – aus Sicht der Banken. "Seit Beginn der Kreditkrise hat es keine bessere Anlageklasse gegeben als Rohstoffe", sagt Kevin Norrish, Chef des Rohstoff-Researchs bei Barclays Capital. Und weil die Story so einfach zu verkaufen ist, wird jetzt vor allem für Agrarrohstoffe getrommelt. Dass Nahrungsmittel teurer werden, merkt schließlich jeder an der Supermarktkasse.
In Europa stieg der Umsatz mit börsengehandelten Agrarrohstoff-Produkten im Februar gegenüber dem Vormonat um mehr als 40 Prozent auf etwa eine Milliarde Dollar. Mehr als die Hälfte der 260 Teilnehmer an einer Investorenkonferenz von Barclays in Barcelona rechnen damit, dass sich Agrarrohstoffe in diesem Jahr besser entwickeln werden als andere Anlageklassen. Problem nur: Wer das erwartet, hat schon gekauft und fällt als zukünftiger Käufer aus. Schwer vorstellbar, dass die Preise weiter in dem Tempo steigen wie zuletzt.
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Eine gesunde Skepsis gegenüber Modethemen hat Privatanlegern noch nie geschadet. Wer mit dem Kauf von Zertifikaten, Exchange Traded Fonds (ETFs) oder Exchange Traded Commodities (ETCs) liebäugelt, die sich auf einzelne oder mehrere Agrarrohstoffe beziehen, sollte besser auf eine Korrektur warten. Wer solche Papiere schon länger besitzt, macht nichts falsch, wenn er die hart erkämpften Gewinne mitnimmt, bevor ihm Großanleger und Spekulanten einen Strich durch die Rechnung machen. Die Agrarpreise werden an Terminmärkten gemacht. Und dort haben Finanzinvestoren und Hedgefonds vorübergehend das Zepter übernommen. Sie wollen den schnellen Gewinn und überziehen Trends - nach oben und nach unten.
Immerhin ist es dem jüngsten Run der Spekulanten auf die Agrarmärkte zu verdanken, dass Zertifikatebesitzer überhaupt auf ordentlichen Gewinnen sitzen. Dennoch: In der Rückschau profitierten sie nur mit angezogener Handbremse am Boom. Zwar verteuerten sich die Spotpreise der im Index S&P GSCI Agriculturals Total Return enthaltenen Agrarrohstoffe binnen drei Jahren um fast 140 Prozent. Doch der Agrarindex selbst, an dem sich zum Beispiel ein Endloszertifikat von Goldman Sachs orientiert, schaffte im gleichen Zeitraum nur ein Plus von rund 70 Prozent (siehe Tabelle "Agrarzertifikate mit angezogener Handbremse"). Da fast alle Rohstoffe in Dollar notieren, blieben aus Sicht eines Euro-Anlegers gar nur gut 40 Prozent Gewinn hängen.
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Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wie die Zertifikate funktionieren (Rollen, Contango, Rollverluste, Backwardation)
Das zeigt: Bei der Agraranlage reicht es nicht, allein die Marktpreise und den Dollar-Kurs im Auge zu behalten. Der Grund: Die Produkte beziehen sich auf Rohstoff-Futures. Das sind standardisierte Verträge, die genau regeln, zu welchem Zeitpunkt, zu welchem Preis, in welcher Menge und Qualität der entsprechende Rohstoff geliefert oder abgenommen werden muss. Doch an dem vereinbarten Liefertermin will natürlich kaum jemand Säcke voll Weizen ins Haus geliefert bekommen. Deshalb verkaufen die Indexanbieter den Future in der Regel kurz vor dem Ende der Laufzeit wieder. Der Verkaufserlös wird direkt in einen neuen Future mit späterer Fälligkeit investiert. Ohne diesen regelmäßigen Wechsel, im Fachjargon Rollen genannt, könnten die Banken keine Rohstoffpapiere ohne Laufzeitgrenze anbieten.
Liegen nun beim Rollen die Preise der länger laufenden Kontrakte über denen der früher fälligen, erhält man über einer Zeitachse eine steigende Terminmarktkurve, auch Contango genannt. In dieser Konstellation handelt man sich sogenannte Rollverluste ein. Aktuelles Beispiel: Ein Pound (454 Gramm) Zucker der Sorte Sugar No. 11 zur Lieferung im Mai 2008 notiert an der New Yorker Terminbörse NYBoT aktuell bei 13,47 US-Cent. Die Terminkurve für Zucker steigt bis zum Mai 2009 weiter bis auf 14,64 Cent an.
Zertifikateanbieter, die ihre Papiere weiter laufen lassen, müssen demnächst vom billigeren Kontrakt in den teureren wechseln. Gemessen an den derzeitigen Preisunterschieden wäre das ein Aufpreis von 8,6 Prozent. Um diesen Wert müsst der Spotpreis mindestens steigen, damit Anleger keine Verluste machen. Bei den kurzen Laufzeiten bis zu einem Jahr ist bei Agrarrohstoffen Contango der Normalfall. Weil in diesem Spektrum des Future-Handels am meisten los ist, rollen die Indexanbieter bisher vor allem dort.
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Im umgekehrten, eher seltenen Fall (Backwardation genannt, die Terminmarktkurve fällt) winken Rollgewinne. Auch dazu ein aktuelles Beispiel: Ein Scheffel (27,2155 Kilogramm) Weizen zur Lieferung im Mai 2008 kostet an der CBoT in Chicago derzeit 11,90 Dollar, der Kontrakt für Juli 2008 dagegen liegt bei 11,27 Dollar, also rund drei Prozent weniger. Mit Weizen bleiben Anleger in der Gewinnzone, solange der Spotpreis für Weizen nicht um mehr als drei Prozent fällt. Selbst bei gleichbleibenden Spotpreisen entstehen so je nach Verlauf der Terminmarktkurve Gewinne oder Verluste.
Unter dem Strich garantiert Backwardation ebenso wenig Gewinne, wie Contango immer Verluste bedeuten. Dass die Terminkurven gerade bei Weizen und Sojabohnen im unterjährigen Laufzeitspektrum fallen, deutet auf kurzfristig orientierte Spekulanten hin. Beide Rohstoffe gehörten zuletzt zu den Highflyern vom Acker. Steigen die Zocker aus, sind drei Prozent Puffer bei Weizen binnen Minuten futsch.
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Lesen Sie weiter auf Seite 3: Fundamentale Trends
Von diesen Terminmarkt-Effekten zu unterscheiden sind die fundamentalen Trends. Dafür, dass die Preise der Agrarrohstoffe auf lange Sicht weiter steigen, gibt es eine Menge schlüssiger fundamentaler Argumente. Die Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) rechnet bis 2030 mit einem weiteren Anstieg der Weltbevölkerung auf 8,3 Milliarden Menschen. Um die zusätzliche Versorgung von rund zwei Milliarden Menschen zu sichern, muss das Angebot an Agrarrohstoffen in diesem Zeitraum um etwa ein Drittel steigen.
Allein in China und Indien leben fast 40 Prozent der Weltbevölkerung. Der steigende Wohlstand dort führt nicht nur zu einer Zunahme der absoluten Verbrauchsmengen. Auch die Essgewohnheiten wandeln sich. Jochen Hitzfeld, Rohstoffanalyst bei Unicredit in München: "In China hat sich der Konsum von Schweinefleisch seit 1980 mehr als vervierfacht." Mit wachsenden Einkommen zieht tendenziell der Konsum von fetthaltigen Produkten sowie Ölen, Fisch und Fleisch an.
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Mit dem wachsenden Fleischkonsum in den Schwellenländern steigt der Bedarf an Weidegrund, was tendenziell zulasten von Ackerland geht. Dieses aber wird benötigt für den Anbau von Tierfutter. Statistisch werden acht Kilogramm Futtergetreide benötigt, um ein zusätzliches Kilo Fleisch zu produzieren. Bei Fisch liegt die Quote bei 1,5 zu 1. "Doch wegen der Überfischung der Meere werden die Proteine zunehmend auf dem Land erzeugt", sagt Analyst Hitzfeld. Das kurbele die Getreidenachfrage zusätzlich an. Hinzu kommt der verstärkte Einsatz von Nutzpflanzen für Energiezwecke. Die Produktion von Biokraftstoffen konkurriert mit der Nahrungsmittelproduktion um das knappe Gut Boden.
Das Angebot kann mit der stetig zunehmenden Nachfrage kaum mithalten. Neue Felder bringen wegen schlechterer Bodenqualität weniger Ertrag pro Fläche, gleichzeitig gehen nach Schätzung der Vereinten Nationen pro Jahr etwa 0,5 Prozent der bestehenden Anbaufläche durch Urbanisierung und Bodenschäden verloren. Schon heute wäre ohne künstliche Bewässerung auf etwa einem Sechstel der weltweiten Anbaufläche keine Landwirtschaft mehr möglich. Gut zwei Drittel des weltweiten Wasserangebots saugt die Landwirtschaft auf. Wasser ist eine knappe Ressource. Zwar ist durch den verstärkten Einsatz von Pestiziden, Düngern, Landmaschinen und die Massentierhaltung die Produktivität in Ackerbau und Viehzucht in den vergangenen Jahrzehnten stark gestiegen. Doch die Zuwachsraten der Ernteerträge nehmen inzwischen ab.
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Das Klimaphänomen El Niño wälzt seit 150 Jahren alle zwei bis sieben Jahre das Klima im südpazifischen Raum um. Klimaforscher sagen eine Zunahme von Dürreperioden, Überschwemmungen und Naturkatastrophen voraus, begleitet von Ernteausfällen und Transportunterbrechungen. Allein wegen dieser Gefahren werden die Preise vieler Agrargüter auf absehbare Zeit nicht ins Bodenlose fallen.
Auf Dauer wird wohl kein Weg an der Gentechnik vorbeiführen, um die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren. Doch ehe die Rolle der Gentechnik in der Agrarproduktion weltweit anerkannt wird, muss der Leidensdruck noch größer werden – durch einen weiteren Anstieg der Agrarpreise. Zuvor aber sollte der Agrarsektor spekulativen Dampf ablassen.
Langfristanleger wählen dann Papiere auf Rohstoffindizes, die den sogenannten Total Return (TR) berechnen. Bei ihnen fließen neben den Spotpreisen und den Rollerträgen auch Zinserträge ein. Da beim Future-Kauf über die Terminbörse nur ein geringer Prozentsatz der Anlagesumme hinterlegt werden muss, kann der Rest zinsbringend angelegt werden. Dieses Zubrot kassiert sonst der Anbieter. Diese Zinskomponente war die wichtigste Renditequelle für Rohstoffanleger seit Berechnung der Rohstoffindizes von Goldman Sachs in den Siebzigerjahren.
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