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31.12.2007 
Rohstoff-Zertifikate

Korrektur des Superzyklus

von Frank Doll, Wirtschaftswoche

Vom Boom profitierten Rohstoffzertifikate nur mit angezogener Handbremse. Jetzt droht den Rohstoffpreisen eine scharfe Korrektur.

Rohstoffe erfordern von Anlegern besondere Aufmerksamkeit. Foto: Archiv

Rohstoffe erfordern von Anlegern besondere Aufmerksamkeit. Foto: Archiv

„Hallo, kann mir jemand aus der Community erklären, wie trotz steigender Rohstoffpreise meine Rohstoffzertifikate sich in die andere Richtung bewegen?“ Hilferufe wie dieser sind kein Einzelfall in den Online-Foren. Dabei hatte Starinvestor Jim Rogers doch immer gepredigt, man solle besser den Rohstoff kaufen, nicht die Aktien von Rohstoffunternehmen. Das frustrierte Mitglied der Online-Community hatte sich sogar persönlich vom berühmten Rohstoffguru überzeugen lassen.

Er buchte eines der Rohstoffseminare, wo Rogers als gut bezahlter Redner auftritt. Wer in Rohstoffe investiere, der müsse sich nicht mit Bilanzen, Reserven, steigenden Kosten, Streiks, Steuern oder Umweltauflagen herumärgern, sagt Rogers, der selber Indizes auf die Entwicklung der Rohstoffpreise auflegt. Einfach nur Angebot und Nachfrage im Auge behalten, das reiche bei Rohstoffen.


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Schön wär’s. Leider sieht die Realität anders aus. Wer Zertifikate auf Rohstoffindizes und einzelne Rohstoffe kaufte, um am Boom zu verdienen, zahlte Lehrgeld. Während die Preise vieler Rohstoffe nach oben schossen, profitierten sie nur mit angezogener Handbremse am Boom, mitunter verloren sie gar Geld. Wer dagegen einfach auf die Aktien von großen Rohstoffunternehmen wie BHP Billiton oder Exxon Mobil setzte, hatte in der Rückschau die bessere Anlageentscheidung getroffen (siehe Tabelle „Rohstoffe – Aktien und Zertifikate“).

Doch jetzt steht Rohstoffanlegern, egal, ob sie Aktien oder Zertifikate besitzen, der erste echte Härtetest im viel beschworenen Superzyklus der Rohstoffe bevor. Die Blaupause lieferte im Sommer der Ausbruch der Kreditkrise. Auch damals gerieten die Rohstoffpreise stark unter Druck. Doch dürfte die kommende Korrektur länger und heftiger ausfallen, weil die Kreditkrise inzwischen auf die Realwirtschaft übergreift.


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Lesen Sie weiter auf Seite 2: Warnsignale von den Märkten

Die Zinssenkungen der US-Notenbank erwiesen sich als Strohfeuer. Bei den Banken stehen immer noch Milliarden im Feuer, die Kreditkrise entzieht den Anlagemärkten Liquidität. Die Angst wächst. "Die von uns beobachteten Frühindikatoren zeichnen immer deutlicher das Bild eines globalen Konjunkturabschwungs", sagt Markus Mezger, Chef der auf Rohstoffe spezialisierten Schweizer Vermögensverwaltung Tiberius Asset Management. Die jüngsten Kursverluste an Asiens Börsen verheißen für die dortigen Konjunkturaussichten nichts Positives, glaubt Mezger. Aber gerade das blinde Vertrauen der Anleger in einen anhaltenden Wirtschaftsboom in Indien und China hält die Rohstoffpreise noch weit oben.

Zwar hat sich die restriktive Geldpolitik Chinas noch nicht bremsend auf die Nachfrage nach Rohstoffen ausgewirkt. "Aber das wird nachgereicht", prophezeit Jochen Hitzfeld, Rohstoffanalyst bei Unicredit in München. Eine Konjunkturschwäche in China könnte auch von einer unkontrollierten Aufwertung des Renminbi gegenüber dem Dollar ausgehen. Bisher verlief die Aufwertung der chinesischen Währung (zehn Prozent seit Anfang 2006) in geordneten Bahnen.


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Die chinesische Zentralbank kaufte US-Staatsanleihen und gab dafür im Inland chinesische Staatsanleihen aus. Weil die Zinsen in den USA um bis zu drei Prozent über denen in China lagen, ließen sich so die Währungsverluste in Dollar verkraften. Doch im Zuge der US-Immobilienkrise schmolz die Zinsdifferenz gegen null und rutschte zuletzt sogar knapp ins Minus. "Die Käufe von US-Anleihen drohen für China jetzt ein Zuschussgeschäft zu werden", warnt Unicredit-Experte Hitzfeld.

Warnsignale kommen auch von den Rohstoffmärkten. Zwar legten die breiten Rohstoffindizes wie Jim Rogers RICI, der DJ-AIG und der S&P GSCI zuletzt noch kräftig zu. Getragen wurde der Anstieg aber nur noch von wenigen Rohstoffen, vor allem vom Öl, das in den Indizes besonders stark berücksichtigt wird. Zusätzliche Risiken bergen die vielen Spekulanten, die auf Pump im Rohstoffsektor unterwegs sind. Sollten sie ihre Kaufpositionen abrupt räumen müssen, kracht es. Besonders absturzgefährdet erscheinen konjunkturabhängige Rohstoffe wie Industriemetalle und Energierohstoffe. Weniger betroffen wären Agrarrohstoffe. Doch gerade Zertifikate auf Agrarrohstoffe enttäuschten am meisten.

So verteuerten sich die Spotpreise der im Index S&P GSCI Agriculturals Total Return enthaltenen Agrarrohstoffe binnen drei Jahren im Schnitt um rund 93 Prozent. Doch der Agrarindex selbst, an dem sich zum Beispiel ein Endloszertifikat von Goldman Sachs orientiert, schaffte im gleichen Zeitraum nur ein Plus von gut 35 Prozent (siehe Tabelle „Rohstoffe – Aktien und Zertifikate“). Da fast alle Rohstoffe in Dollar notieren, blieben aus Sicht eines Euro-Anlegers gar nur gut 20 Prozent Gewinn hängen. Mit den Aktien des US-Agrarriesen Bunge fuhren Anleger, die in Euro abrechnen, trotz Währungsverlust im gleichen Zeitraum etwa 100 Prozent Gewinn ein. Das zeigt: Bei der Rohstoffanlage mit Zertifikaten reicht es nicht, allein die Marktpreise und den Dollar-Kurs im Auge zu behalten.


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Lesen Sie weiter auf Seite 3: Von Rollverlusten und Zinserträgen

Was lief schief? Die Produkte beziehen sich auf Rohstoff-Futures. Das sind standardisierte Verträge, die genau regeln, zu welchem Zeitpunkt, zu welchem Preis, in welcher Menge und in welcher Qualität der entsprechende Rohstoff geliefert oder abgenommen werden muss. Doch an dem vereinbarten Liefertermin will natürlich kaum jemand Säcke voll Mais oder Ballen von Baumwolle ins Haus geliefert bekommen. Deshalb verkaufen die Indexanbieter den Future in der Regel kurz vor dem Ende der Laufzeit wieder. Der Verkaufserlös wird direkt in einen neuen Future mit späterer Fälligkeit investiert.

Ohne diesen regelmäßigen Wechsel, im Fachjargon Rollen genannt, könnten die Banken keine Rohstoffzertifikate ohne Laufzeitgrenze anbieten. Liegen nun beim Rollen die Preise der länger laufenden Kontrakte über denen der früher fälligen, erhält man über einer Zeitachse eine steigende Terminmarktkurve, auch Contango genannt. In dieser Konstellation handelt man sich sogenannte Rollverluste ein. Aktuelles Beispiel: Ein Scheffel (25,4012 Kilogramm) Mais zur Lieferung im März 2008 notiert an der Chicagoer Terminbörse CBoT aktuell bei 3,92 Dollar. Die Terminkurve für Mais steigt bis zum Juli 2009 weiter bis auf 4,35 US-Dollar an. Ohne Währungsverschiebungen müsste der Spotpreis für Mais also im gleichen Zeitraum um mindestens 16 Prozent steigen, soll kein Verlust entstehen.


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Gerade bei Agrarrohstoffen ist Contango aber der Normalfall. Umso wichtiger ist es für Langfristanleger, Zertifikate auf Rohstoffindizes zu wählen, die den sogenannten Total Return (TR) berechnen. Bei ihnen fließen neben den Spotpreisen und den Rollerträgen auch Zinserträge ein. Da beim Future-Kauf über die Terminbörse nur ein geringer Prozentsatz der Anlagesumme hinterlegt werden muss, kann der Rest zinsbringend angelegt werden. Dieses Zubrot kassiert sonst der Anbieter.

Abgesehen von Edelmetallen war diese Zinskomponente die wichtigste Renditequelle für Rohstoffanleger seit Berechnung der Rohstoffindizes von Goldman Sachs (siehe Tabelle „Rohstoff-Renditen“). Ohne Zinserträge hätten Euro-Anleger etwa mit dem Index S&P GSCI Agriculturals seit 1970 pro Jahr 3,4 Prozent verloren, die Total-Return-Variante rettete immerhin noch eine Magerrendite von 2,6 Prozent pro Jahr.



Lesen Sie weiter auf Seite 4: Wo noch Chancen liegen

Ganz so mager werden die Renditen im Agrarsektor in Zukunft kaum ausfallen. Gegessen wird immer. Und das immer mehr, weil die Welt immer mehr Menschen ernähren muss. Da es zudem kaum reine Agrarproduzenten mit eigenem Landbesitz an der Börse gibt, viele Aktien von Agrarzulieferern bereits teuer sind, bleiben Indizes auf Agrarrohstoffe zwangsläufig interessant. Immerhin wächst die Zahl börsennotierter Indexfonds (ETFs) auf Rohstoffindizes. Diese Produkte sind preiswerter als Zertifikate. Außerdem laufen Anleger mit ETFs nicht Gefahr, bei einer Pleite des Emittenten ihren Einsatz zu verlieren. ETFs gehören zum Sondervermögen, während Zertifikate Inhaberschuldverschreibungen sind.

Nicht alles lief schief! Hohe Gewinne abräumen lassen sich bei Zertifikaten mit Bezug zu den heißgelaufenen Industriemetallen. Der durchschnittliche Total Return der im Index GSCI Industrial Metals enthaltenen Metalle erreicht im Dreijahreszeitraum gut 150 Prozent, auch in Euro ließ sich ordentlich verdienen. Anders als bei Agrarrohstoffen pushten hier Rollgewinne die Performance. Sie fallen an bei fallenden Terminmarktkurven – Backwardation genannt.


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Aktuelles Beispiel: Eine Tonne Blei zur sofortigen Lieferung kostet an der London Metall Exchange (LME) derzeit 3 380 Dollar, die Lieferung in 15 Monaten 3 130 Dollar, also gut sieben Prozent weniger. Mit Blei bleiben Anleger in der Gewinnzone, solange der Spotpreis nicht um mehr als sieben Prozent fällt. Das aber ist gerade im vollkommen heißgelaufenen Bleimarkt kaum zu erwarten. Unter dem Strich garantiert Backwardation ebenso wenig Gewinne, wie Contango immer Verluste bedeuten. In einer Metallschmelze verlieren alle.

Nach dem rasanten Preisauftrieb der vergangenen Wochen spekulativ überhitzt wirkt auch der Ölmarkt. Zumal die Hälfte des weltweiten Ölhandels inzwischen von Finanzspekulanten über Futures gemacht wird. Mezger: "Ein weiterer Kursanstieg auf dreistellige Notierungen scheint für die Mehrheit der Marktteilnehmer nur noch eine Frage der Zeit zu sein." Doch von ihnen werde die Preiselastizität der tatsächlichen Ölnachfrage unterschätzt.

Mezger glaubt, dass das Wachstum der Nachfrage bei einem Barrelpreis über 80 Dollar deutlich schwächer sein wird, als die Internationale Energieagentur (IEA) aktuell mit knapp zwei Prozent für 2008 prognostiziert. Der spekulative Run auf die Ölmärkte könnte die Konjunktur weiter schwächen und somit als Bumerang an die Rohstoffmärkte zurückkommen. Unruhige Zeiten für Rohstoffanleger.

Quelle: Wirtschaftswoche, Nr. 48, 26.11.2007




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