Rasant steigende Inflation - kein anderes Thema wird an den Kapitalmärkten derzeit so heiß diskutiert. Eine Entspannung ist nicht in Sicht: So warnte Bundesfinanzminister Peer Steinbrück diese Woche, dass "uns das Inflationsproblem länger beschäftigen wird, als die derzeitige Finanzkrise". Neu aufgelegte Zertifikate sollen nun Anleger vor Teuerung schützen - aber nicht alle Produkte überzeugen.
FRANKFURT Anleger stellt das vor ein Dilemma, weil steigende Teuerungsraten sowohl für Anleihe-, als auch für Aktienmärkte Gift sind. Aus dieser Situation versucht die Zertifikate-Branche, Profit zu schlagen. Zahlreiche Emittenten haben Produkte auf den Markt gebracht, die an die Inflationsentwicklung gekoppelt sind und Anlegern im Falle steigender Preise höhere Nominalrenditen bieten. Andere Banken arbeiten noch fieberhaft an eigenen Lösungen.
Den Nerv der Anleger treffen die Produkte offenbar: "Wir haben seit Jahren versucht, die Anleger für das Thema Inflation zu sensibilisieren. Jetzt ist das Interesse endlich da", sagt Felix Pachernegg, Zertifikate-Experte bei Merrill Lynch
. Der Konkurrent Morgan Stanley
hat mit zwei öffentlich angebotenen Inflationsprodukten nach eigenen Angaben bereits knapp eine halbe Milliarde eingesammelt.
Ein Grund für den Erfolg der Inflationspapiere dürfte darin liegen, dass viele Banken sie unter dem Namen "Inflationsanleihe" anbieten und damit auch Bond-Investoren ansprechen. Und in der Tat gibt es Parallelen zu herkömmlichen Anleihen: So zahlen fast alle Inflationsprodukte jährliche Kupons, am Ende der Laufzeit gibt es den Kapitaleinsatz zurück. Während der Laufzeit kann der Kurs der Papiere zudem wie bei Anleihen - insbesondere bei stark steigenden Zinsen - unter den Nominalwert fallen. "Idealerweise sollten Anleger Inflationspapiere deshalb auf Endfälligkeit kaufen", rät Pachernegg.
Anders als klassische Bonds enthalten die Inflationsprodukte neben einer Anleihekomponente aber auch Optionselemente. Damit fallen sie eigentlich in die Kategorie der strukturierten Produkte oder Zertifikate, weswegen einige Banken ihre Papiere auch so nennen.Aber nicht nur bei der Namensgebung weichen die Produkte voneinander ab. Lediglich den Bezug auf den Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) der Euro-Zone haben alle gemeinsam. Darüber hinaus gibt es zum Teil große Unterschiede in der Konstruktion. So hat die Hypo
-Vereinsbank bereits vor drei Jahren ein Produkt auf den Markt gebracht, das den HVPI letztlich wie ein Index-Zertifikat abbildet. Einzige Besonderheit: Steigt der Index während der Laufzeit um mehr als zehn Prozent, wird jeder weitere Anstieg nicht eins zu eins abgebildet, sondern mit dem Faktor 1,25 multipliziert.
Für Anleger lohnt sich das Produkt erst, wenn die Inflation deutlich anzieht. Ansonsten sind beispielsweise europäische Staatsanleihen, die derzeit rund 4,6 Prozent Rendite im Jahr abwerfen, oder auch Tagesgeldanlagen, die mit bis zu fünf Prozent verzinst werden, attraktiver. Das gilt auch für ein Zertifikat von ABN
Amro, das jährlich einen Kupon von 1,5 Prozent zuzüglich der Inflationsrate zahlt. Noch schlechter kommen Anleger bei einem Zertifikat der ING weg. Die Niederländer zahlen zwar 1,9 Prozent Zins im Jahr. Der Inflationsanstieg kommt hier aber nicht komplett obendrauf, sondern wird mit dem Fixkupon multipliziert. Das schmälert die effektive Rendite erheblich.
Attraktivere Konditionen bieten die "200 % Inflationsanleihen" von Morgan Stanley
. Hier erhalten Anleger in zwei von drei Jahren die doppelte Inflationsrate als Kupon. Beim Debütprodukt, das im Juni auf den Markt kam, gibt es obendrein im ersten Jahr einen Zins von 4,5 Prozent. Bei der zweiten und dritten Inflationsanleihe von Morgan Stanley
steigt der fixe Kupon auf 4,75 bzw. fünf Prozent. Allerdings wird dieser erst im letzten Jahr der Laufzeit gezahlt. "Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Kunden eher auf kurzfristig hohe Inflationsraten setzen. Deshalb haben wir das Prinzip umgedreht", begründet Roland Lang von Morgan Stanley
.
Inflationszertifikate im Vergleich
Umgekehrt argumentiert Uwe Becker, der das Zertifikategeschäft bei Barclays Capital leitet: "Mit einer Trendwende bei der Inflation ist so schnell nicht zu rechnen. Im Moment drehen sich die Diskussionen über den Inflationsanstieg nur um die Preisexplosion bei Rohstoffen und Nahrungsmitteln. Dazu kommt aber noch das weltweite Wachstum der Geldmengen. Das wird das Problem noch verschärfen", ist Becker überzeugt. Barclays
zahlt Anlegern deshalb nach einer fixen Ausschüttung von 4,5 Prozent im ersten Jahr anschließend zwei Jahre lang das 1,5-Fache des HVPI-Anstiegs.
Eine leicht modifizierte Variante hiervon bietet Merrill Lynch
zurzeit an. Beim "Optizins Inflations Garant"-Zertifikat gibt es im zweiten und dritten Jahr fixe fünf Prozent zuzüglich des Teils der Inflationsrate, der drei Prozent übersteigt. Im ersten Jahr erhalten Anleger einen fixen Kupon von sechs Prozent. Lediglich wenn der Deutsche Aktienindex unter 500 Punkte fallen sollte, fällt die Zahlung aus.
Einen noch stärkeren Aktienbezug hat JP Morgan
in seine Inflationsanleihe eingebaut. Nach zwei Jahren zahlt die Bank Anlegern einen Kupon in Höhe der positiven Wertentwicklung des Euro-Stoxx-50. Zum Inflationsprodukt wird das Papier erst, wenn der Aktienindex während der Laufzeit um mehr als 30 Prozent steigt oder seine Entwicklung hinter der des Verbraucherpreisindex zurückbleibt.
Europäisches Maß für Teuerung
HVPI
Der harmonisierte Verbraucherpreisindex (HVPI) der EU-Statistikbehörde Eurostat misst einmal monatlich die Entwicklung der Konsumentenpreise in den 15 Mitgliedstaaten der Europäischen Währungsunion. Am stärksten beachtet ist die Variante, die Tabakwaren außen vor lässt. Auch sämtlichen Zertifikaten liegt der HVPI ex Tabak zugrunde.
Rekordhoch
Seit Monaten zieht der HVPI aufgrund steigender Energie- und Nahrungsmittelpreise kräftig an. Im Juni erreichte er einen neuen Rekordwert von 4,0 Prozent, nach 3,7 Prozent im Mai.



