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22.07.2008 
Anlegezertifikate unter der Lupe

Strategiezertifikate: Mit Spesen viel gewesen

von Christian Kirchner

Wie haben sich Strategiezertifikate in den bewegten Märkten der letzten Jahre geschlagen? Ein Praxistest mit einem Dutzend Alleskönnern der Jahrgänge 2000 bis 2006.

Ausgewählte Strategiezertifikate im Performancevergleich zum Dax. Zur Großansicht bitte anklicken. Quelle: Handelsblatt ZertifikateNews.Lupe

Ausgewählte Strategiezertifikate im Performancevergleich zum Dax. Zur Großansicht bitte anklicken. Quelle: Handelsblatt ZertifikateNews.

Viele Anleger halten es bei ihren Investitionen mit Oscar Wilde. Der erklärte einmal, er habe einen ganz einfachen Geschmack, denn er sei immer nur mit dem besten zufrieden. Der Geschmack der Anleger ist ähnlich einfach: Sie wollen immer im besten Markt investiert sein: In sicheren Zinsanlagen, wenn es an der Börse kracht. Und in Aktien, wenn es bergauf geht.

Seit knapp zehn Jahren schon versuchen die Emittenten von Zertifikaten, dem wenig bescheidenen Wunsch der Anleger mit Strategiezertifikaten Rechnung zu tragen. Ein starker Anstieg der Märkte bis zum Sommer 2007 und eine anschließende, von heftigen Schwankungen begleitete Korrektur um 20 Prozent der wichtigsten Aktienmärkte sind spannende Rahmenbedingungen für einen Test, wie sich die Produkte am Markt schlugen. Wenigen Rohrkrepierern stehen beachtliche Erfolge gegenüber, weil die Zertifikate den Kurseinbruchantizipieren konnten. Neun Strategiezertifikate im Praxistest.

Best Strategy Timing (WKN:788277)

Der Anspruch: Das Derivat der Dresdner Bank soll in fallenden Märkten verzinst im Geldmarkt investiert sein und in steigenden Märkten im Deutschen Aktienindex Dax. Emission im April 2002 zu 100 Euro.

Die Funktionsweise: Maßgeblich für die Entscheidung, ob das Zertifikat in den Dax investiert ist oder in den Geldmarkt ist, ein technischer Indikator des Dax namens MACD. Er berechnet sich aus der Differenz zweier gleitender Durchschnitte und gilt - in Verbindung mit einer Signallinie, die Ein- und Ausstiegssignale liefert - als Trendfolge-Indikator. Aus einem Strauß verschiedener Indikatoren versprach der MACD zum Zeitpunkt der Entwicklung des Zertifikats die größten Chancen, über Markttiming den Dax zu schlagen. Das Ergebnis: Anlegern blieb mit dem "Best Strategy Timing" die kräftige Talfahrt der Jahre 2002 und 2003 nicht erspart. Doch Geduld zahlte sich aus: Anfang Juli notierte das Zertifikat bei 141 Euro und bescherte damit Anlegern eine annualisierte Rendite von 5,8 Prozent pro Jahr. Das ist deutlich mehr als der Dax im gleichen Zeitraum erzielte - er brachte es lediglich auf 2,7 Prozent pro Jahr.

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Best Season (WKN: 559282)

Der Anspruch: In starken Börsenmonaten soll das Zertifikat von ABN Amro in den Dax investiert sein, in den schwachen ausdemMarkt heraus sein. Emission imNovember 2000 zu 71,28 Euro.

Die Funktionsweise: Das Zertifikat folgt eins zu eins dem Deutschen Aktienindex Dax und berücksichtigt damit auch als Performance-Index alle Dividendenausschüttungen der Dax-Mitglieder. Zwischen den historisch schwachen Börsenmonaten August und Oktober setzt das Zertifikat die Dax-Investition schlicht aus, der letzte Indexstand Ende Juli wird bis zur erneuten Investition imNovember eingefroren. Das Ergebnis: Bis heute erzielte der Oldie unter den Strategie-Zertifikaten eine Rendite von im Schnitt einem Prozent pro Jahr. Dies mutet mager an, relativiert sich doch mit Blick auf den Dax, der seit November 2000 knapp zwei Prozent pro Jahr abgab.

DaxPlus Seasonal Strategy (WKN: ABN8ML)

Der Anspruch: Wie bei seinem Vorgänger: In starken Börsenmonaten soll das ABN-Amro-Papier in den Dax investiert sein, in den schwachen außen vor bleiben. Emission im Juni 2005.

Die Funktionsweise: Das Zertifikat bildet die Kursentwicklung des Dax ab, pausiert allerdings nicht wie sein Vorgängerprodukt "Best Season" zwischen August und Oktober mit der Indexinvestition, sondern nur in den Monaten August und September. Der Index Dax Seasonal Strategy wird von der Deutschen Börse berechnet. Das Ergebnis: In den letzten drei Jahren wirkten die alten Mechanismen nicht: Das Zertifikat kletterte zwar um annualisiert 8,4 Prozent pro Jahr, doch der Dax schaffte im gleichen Zeitraum 10,6 Prozent pro Jahr. Nur noch gut zwei Wochen sind die Saisonzertifikate in den Dax investiert, bevor die nächste Pause ansteht.

Börsenindikator Deutschland (WKN: ML0BDM)

Der Anspruch: Im Dax investiert sein, wenn wichtige Indikatoren steigende Kurse signalisieren und ansonsten verzinst im Geldmarkt sein. Das Zertifikat von Merrill Lynch wurde im November 2006 zu 100 Euro emittiert.

Die Funktionsweise: Ein Vier-Fragen- Modell: Hat die EZB zuletzt die Zinsen gesenkt? Ist die Inflationsrate heute niedriger als vor einem Jahr? Ist der USDollar zum Euro heute stärker als vor einem Jahr? Befindetmansich in der starken Börsenphase zwischen November und April? Für jede Ja-Antwort auf diese Frage gibt es einen Punkt. Bei null oder einem Punkt wird in den Geldmarkt investiert, bei zwei Punkten die laufende Strategie beibehalten, bei drei oder vier Punkten in den Dax investiert. Das Ergebnis: Reichlich unspektakulär: Das Zertifikat war bislang nur einmal kurz zu Jahresbeginn im Dax investiert und notiert heute quasi unverändert mit 101 Euro zur Ausgabe im November 2006. Im gleichen Zeitraum gab der Dax leicht um ein Prozent nach. Immerhin konnte der Indikator über ein Geldmarktinvestment die Finanzkrise umschiffen, und mit aktuell null von vier möglichen Indikator-Punkten ist eine erneute Investition in den Dax nicht in Sicht.

Deutschland Balance (WKN: 647964)

Der Anspruch: Das im August 2002 zu 50 Euro emittierte Zertifikat der Commerzbank setzt auf einen defensiven Mix aus 70 Prozent Anleihen, 20 Prozent Dax und 10 Prozent Nemax 50.

Die Funktionsweise: Jährlich im August werden die drei Korbbestandteile wieder in ihrer Ursprungsgewichtung 70/20/10 neuzusammen gesetzt. Dieses Rebalancing sorgt für ein langfristig antizyklisches Anlegen, da schlecht gelaufene Bestandteile wieder höher und gut gelaufene niedrig gewichtet werden. Das Ergebnis: Für den defensiven Mix steht mit 4,7 Prozent Rendite pro Jahr nach Gebühren ein akzeptables Ergebnis in den Büchern. Der maximale Verlust von zuvor erreichten Höchstkursen betrug lediglich zehn Prozenz. Der Dax schaffte im gleichen Zeitraum zwar knapp neun Prozent, war jedoch weitaus kräftigeren Schwankungen ausgesetzt.

Vermögensbildungszertifikat Balanced (WKN: GS0ZZ2)

Der Anspruch: Ein ausgewogener Investitionsmix in Aktien, Anleihen, Rohstoffen. Emittiert wurde das Zertifikat von Goldman Sachs im September 2006.

Die Funktionsweise: Das Zertifikat setzt sich zu je 45 Prozent aus dem Euro Stoxx 50 inklusive Dividenden und dem iBoxx Rentenindex für Euro- Staatsanleihen inklusive Zinsen sowie zu zehn Prozent aus dem Rohstoffindex GSCI Total Return zusammen. Jährlich im Augustwird die Ursprungsgewichtung wieder hergestellt (Rebalancing). Das Ergebnis: Ein leichtes Minus von einem Prozent ist unspektakulär. Ein Blick auf die Kursentwicklungen der Indizes illustriert jedoch die Bedeutung der Rohstoff-Beimischung: Ein Plus von 98 Prozent für den Rohstoff-Anteil seit Auflage eskomptierte die Verluste, die im Aktienmarkt durch die Finanzkrise und für den Anleihenteil in Folge steigender Zinsen anfielen. Vorerst aus steuerlichen Gründen uninteressant, dürften die Konstruktion für Anleger ab Januar 2009 wieder interessant werden, da alle Zinsen und Dividenden an Anleger fließen.

Long/Short MACD Zertifikat auf Dax ( WKN: 590909)

Der Anspruch: Das Zertifikat der Dresdner Bank wurde im November 2002 zu 100 Euro emittiert. Es soll im Dax investiert sein, wenn der Markt läuft und auf fallende Kurse spekulieren, wenn ein Indikator sinkende Kurse vorhersagt.

Die Funktionsweise: Wie bei dem Best Strategy Timing Zertifikat, nur setzt das System bei einem Indikator für fallende Kurse nicht einfach die Investition verzinst aus, sondern spekuliert auf fallende Dax-Kurse. Das Ergebnis: Die vermeintlicheWeiterentwicklung entpuppte sich als Desaster: Minus 2,3 Prozent Rendite erzielten Anleger mit dem Zertifikat seit Auflage, der Dax kletterte seit Novemver 2002 hingegen um im Schnitt 12 Prozent pro Jahr.

Europa Saison Index (WKN: HV1A2N)

Das Zertifikat der HVB folgte im Februar 2006 einem bereits neun Monate zuvor emittierten Bonuszertifikat auf den Saison-Index. Der Anspruch: In den saisonal starken Monaten in den Euro Stoxx 50 investiert sein und ansonsten in einer verzinsten Cash-Anlage.

Die Funktionsweise: Zwischen Oktober und Juli investiert das Zertifikat in den Euro Stoxx 50 Index und pausiert mit der Indexinvestition in den historisch schwachen Börsenmonaten August und September. Das Ergebnis: Mit annualisiert minus 4,7 Prozent Rendite pro Jahr blieb das Zertifikat leicht vor dem Euro Stoxx 50 (-5,4 Prozent p.a. im gleichen Zeitraum). Auffällig ist die faire Konstruktion: Pro Jahr fallen 0,5 Prozent Managementgebühren an, allerdings gehen alle Dividenden während der Investitionsphase an Anleger, und während der Pause erhalten Anleger die Einlage mit dem Geldmarktsatz verzinst.

Relative Stärke Dax-Index (WKN: TB00RS)

Der Anspruch: Das im Mai 2006 emittierte Zertifikat von HSBC Trinkaus & Burkhardt bildet die Kursentwicklung der drei Dax-Werte mit der höchsten relativenStärke ab. Ist die relative Stärke aller Dax-Aktien zusammen zu niedrig, wechselt das Zertifikat in Bargeld, um Baisse-Phasen zu umschiffen.

Die Funktionsweise: In einem Ranking wird die relative Stärke der Dax- Aktien ermittelt, indem ihre Kursentwicklung mit der des Index verglichen wird. Aktien mit hoher relativer Stärke haben laut Rückrechnungen gute Chancen, die relative Stärke über einen längeren Zeitraum beizubehalten. Das Ergebnis: Seit Januar ist das Zertifikat in Cash und ersparte Anlegern damit Verluste. Eine Rendite von 4,7 Prozent p.a. seit Auflage ist akzeptabel, der Dax schaffte im gleichen Zeitraum nur 3,9 Prozent p.a.. Positiv: Für eine Gebühr von 1,7 Prozent p.a. schreibt HSBC alle Zinsen und Dividenden gut.

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