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28.07.2007 
Anlagezertifikate

Verschärfte Abgeltungssteuer für Zertifikate-Anleger

von Stefan Mauer

Die kommende Abgeltungssteuer wird den Zertifikatemarkt allen Unkenrufen zum Trotz nicht in die Knie zwingen. Die Produktlandschaft wird allerdings schon bald nicht wieder zu erkennen sein.

Dieser Artikel ist dem kostenlosen Handelsblatt Zertifikate-Newsletter entnommen. Zur Vollansicht bitte anklicken. Illustration: Adja Schwietring.Lupe

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DÜSSELDORF. Ein Stück weit haben sich die Zertifikateanbieter die Suppe auch selber eingebrockt, die sie zurzeit auslöffeln: Kaum waren die ersten Details zur ab 2009 geltenden Abgeltungssteuer auf Kapitalgewinne bekannt, begannen sie ihre Werbekampagnen. Wer vor 2009 Zertifikate kauft, so hieß es, schütze das dort angelegte Geld auch in Zukunft vor Besteuerung – selbst bei einem Wechsel der Vermögensstrategie. Der Gesetzgeber reagierte und machte die Zertifikate vom Gewinner zum Verlierer der Reform.

„Tatsächlich wären Zertifikate deutlich besser geeignet als andere Finanzprodukte, die neuen Steuerregelungen zu umgehen“, meint Jürgen Kurz, Pressesprecher der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Was das Finanzamt so verärgerte, war nämlich eine neue Klasse extrem flexibler Zertifikate, welche die Emittenten auf den Markt werfen wollten. Vor 2009 gekauft hätten sie ihre Vermögensstrategie jederzeit ändern können, ohne jemals auszulaufen – und ohne jemals zu einem steuerpflichtigen Investment zu werden, so lange sie im Depot verbleiben.


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Die Reaktion des Gesetzgebers ist radikal. Anders als für alle übrigen Anlageklassen, die in Deutschland zu haben sind, gibt es für neu gekaufte Zertifikate so gut wie keinen Bestandsschutz. Im Klartext: Alle Zertifikate, die seit dem 15. März 2007 gekauft wurden, werden nach einer kurzen Übergangsfrist nach dem neuen Gesetz besteuert. „Diskriminierung“, zetert das Deutsche Derivate Institut (DDI) und beschwört den Untergang der noch jungen Zertifikateindustrie. Das DDI warnt vor „erheblichen Mittelabflüssen“ und „nachhaltigem Schaden in einem für die Entwicklung des deutschen Finanzplatzes wichtigen Zukunftsmarkt“.

Ganz so schlimm wird es nicht kommen. Richtig ist, dass die neue Regelung die Zertifikatelandschaft gründlich durcheinander wirbeln wird. Mit einem Aus rechnen jedoch so schnell weder Emittenten noch Vermögensverwalter. „Es wird eine Welle geben, das ist sehr wahrscheinlich. Aber keinen großen Umsturz“, schätzt DSW-Sprecher Kurz. Die größten Bewegungen, da sind sich Berater und Emittenten weitgehend einig, wird es nicht im Volumen der gehandelten Zertifikate geben, sondern in den nachgefragten Produktarten.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Welche Zertifikate von der Reform profitieren werden

Überblick: das Wichtigste zur neuen Abgeltungssteuer. Quelle: Handelsblatt ZertifikateNews.Lupe

Überblick: das Wichtigste zur neuen Abgeltungssteuer. Quelle: Handelsblatt ZertifikateNews.

„Die Übergangsregelung besagt, dass neu gekaufte Zertifikate nur bis zum 30. Juni 2009 nach dem alten Steuerrecht gehandelt werden dürfen“, erklärt der Vorsitzende des Derivate Forums, Siegfried Piel. „Das wird für die Übergangszeit dazu führen, dass Zertifikate mit einer kürzeren Laufzeit relativ attraktiver werden. Discount-Zertifikate, die meistens nur 18 Monate laufen, werden daher weiter zulegen können. Bonus-Zertifikate mit längeren Laufzeiten werden eher beeinträchtig werden.”

Eine weitere Zertifikateklasse wird von der Steuerreform sogar profitieren. „Privatanleger könnten zum Beispiel stärker auf Garantieprodukte setzen“, sagt Kurz. „Denn die werden steuerlich sogar besser gestellt sein.“ Der Grund dafür ist, dass Garantieprodukte ebenso wie zum Beispiel Zertifikate auf Renten bislang als so genannte „Finanzinnovation“ gelten – und somit deutlich höher besteuert werden als sonstige Anlageprodukte. Die meisten Anleger werden in diesem Bereich sogar weniger Steuern zahlen, wenn sie nach der neuen Regelung abrechnen.

Indexzertifikat sind die großen Verlierer

Einen herben Rückschlag wird aller Voraussicht nach jedoch die Klasse der Indexzertifikate hinnehmen müssen, mit denen der Aufstieg der Branche begann.

Denn im Bereich der passiven Investments wächst seit einiger Zeit ein Gegner heran, mit dem sich die Zertifikatewelt auch ohne eine steuerliche Benachteiligung schwer tut: die Exchange Traded Funds (ETFs). Als an der Börse handelbarer Fonds aufgelegt, versuchen die ETFs die Wertentwicklung von Indizes möglichst genau nachzuvollziehen und verlangen dafür meist deutlich niedrigere Gebühren als ein herkömmlicher Fonds. Der größte Unterschied zu Indexzertifikaten liegt in der Stellung als Sondervermögen: Geht der Emittent pleite, dürfen die Fondsanteile nicht gepfändet werden. Und mit der Steuerreform erhalten die ETFs einen grandiosen Marketingvorteil: Alle vor 2009 gekauften Anteile, die der Anleger länger als ein Jahr im Depot lässt, kann er auf unbegrenzte Zeit steuerfrei verkaufen.

„Wenn die Abgeltungssteuer kommt, sind Indexzertifikate weg vom Fenster“, findet Alexander Greyer von der NordLB Luxemburg drastische Worte für die Entwicklung. Allerdings bietet sein Arbeitgeber auch seit kurzem eine Strategie an, die ausschließlich auf ETFs basiert. Weniger pessimistisch sieht das Stefan Michler, Partner beim unabhängigen Vermögensverwalter Gebser & Partner: „Sicherlich wird im Privatkundenbereich der Einsatz von nicht strukturierten Produkten zurückgehen“, schätzt er. „Aber ich rechne damit, dass sich auch in Zukunft mehr professionelle Händler damit beschäftigen werden, zum Beispiel in Form von Zertifikate-Fonds.“


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Schon heute gibt es mehr als 50 Fonds in Deutschland, die in Zertifikate investieren. „Die Übergangsregeln begünstigen das Instrument des Fonds, hier wird es sicherlich zu Zuflüssen kommen“, sagt Michler. „Aber niemand hindert Privatanleger daran, über den Umweg eines Fonds in Zertifikate zu investieren.“

Sollte es tatsächlich zum Nachfrageboom bei Fonds und Aktien kommen, könnte sich noch ein ganz anderes Problem ergeben: Große Verkauforders könnten die Zertifikatepreise drücken, umgekehrt könnte die große Nachfrage nach Fonds die Aktienpreise künstlich in die Höhe treiben. „Wenn es wirklich zum Nachfrageboom bei Aktien kommt, würde das natürlich die Kurse treiben“, sagt DSW-Sprecher Kurz. „Allerdings werden die Kurse in Deutschland zurzeit zum größten Teil von institutionellen und ausländischen Investoren gemacht. Die sollten professionell genug sein, um eine Orderflut Ende 2008 zu verhindern.“

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Wer sich frühzeitig auf die Änderungen einstellt, kommt besser davon

Überblick: Wichtige Haltefristen im Vergleich. Quelle: Handelsblatt ZertifikateNews.Lupe

Überblick: Wichtige Haltefristen im Vergleich. Quelle: Handelsblatt ZertifikateNews.

Auch für den Privatanleger gilt: Wer sich frühzeitig auf die neue Situation einstellt, kann deutlich besser davon kommen als derjenige, der bis zum letzten Augenblick abwartet. Dabei gilt es drei wichtige Daten im Auge zu behalten. Den größten Vorteil bieten Zertifikate, die bis zum 14. März 2007 gekauft wurden. Sie werden auf unbegrenzte Zeit nach der alten Gesetzgebung behandelt – und somit meist nicht besteuert, wenn sie länger als ein Jahr im Depot liegen. Das zweite wichtige Datum ist der 30. Juni 2008. Alle bis dahin gekauften Zertifikate können – mit Ausnahme von Finanzinnovationen – bis zum 30. Juni 2009 steuerfrei verkauft werden, wenn der Anleger sie länger als ein Jahr hält. Drittes Datum ist der 1. Januar 2009: Die Steuerreform tritt in Kraft, alle ab hier gekauften Anlageformen sind wieder gleich gestellt.

Attraktive Produkte für die Übergangszeit

Für die Übergangszeit lohnen sich also vor allem Produkte mit relativ kurzen Laufzeiten. Dazu gehören besonders die schon jetzt beliebten Discounter. Wer hier noch steuerfrei einsteigen möchte, sollte darauf achten, dass das Zertifikat vor dem 30. Juni 2009 ausläuft und früh genug kaufen, dass er es mindestens ein Jahr im Depot liegen lassen kann.

Anleger, die besonderen Wert auf Sicherheit legen, können von der Steuerreform sogar profitieren. Denn Garantieprodukte werden durch die Reform meist besser gestellt – ebenso wie alle übrigen „Finanzinnovationen“. Bisher musste man sie völlig unabhängig von der Haltedauer mit dem persönlichen Steuersatz versteuern. Wer hier von der meist günstigeren Abgeltungssteuer profitieren will, muss sich über den Einstiegszeitpunkt keine Gedanken mehr machen. Hier zählt lediglich das Datum der Veräußerung: Alle ab dem 1. Januar 2009 verkauften Papiere fallen unter die neue Regelung, eine Übergangsfrist gibt es in diesem Fall nicht. „Anleger können in diesem Segment also bereits jetzt ihre Investitionsentscheidung nach Anlagezielen treffen und nicht nach steuerlichen Aspekten“, unterstreicht Siegfried Piel die Vorteile.

Neuer Schub in neuen Segmenten

Während die Zertifikatelobby weiter Sturm läuft gegen die Benachteiligung beim Bestandsschutz, arbeiten die Emittenten bereits an neuen Produkten für die Zeit nach der Reform. „Ich rechne damit, dass ab 2009 ein Markt für Zertifikate mit kurzen Laufzeiten unter einem Jahr entsteht“, sagte Petra Becher, Derivate-Spezialistin der UBS, dem Handelsblatt. „Bisher mussten kurzfristige Anlagen gewaltige Sonderrenditen erzielen, damit sie Anlegern trotz Spekulationssteuer einen Mehrwert bieten. Das ändert sich jetzt.“

Außerdem scheint ausgemacht, dass Garantieprodukte und Zertifikate-Fonds besonders bei Privatanlegern weiter zulegen werden. „Der große Schritt vom Sparbuch in den Investmentmarkt findet über Garantieprodukte statt“, erklärt Finanzberater Michler. Jürgen Kurz fügt hinzu: „Die Deutschen lieben Garantieprodukte, obwohl sie für die Garantie bezahlen müssen.“ Die Fonds werden vor allem davon profitieren, dass sie Umschichtungen deutlich verbilligen. Denn investiert der Anleger auf eigene Faust in Zertifikate, fällt bei jedem Verkauf die Abgeltungssteuer an. Umschichtungen im Depot werden somit teurer. Der Fonds zahlt im Falle einer Umschichtung nichts. Erst, wenn der Anleger seine Anteile verkauft, wird einmalig die Steuer fällig.


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