Bei welchen Banken es sich lohnt, neue Aktien zu zeichnen, und worauf Anleger bei den für 2007 geplanten Börsengängen achten sollten.
Privatanleger hatten beim Börsengang (IPO) des Duftstoffherstellers Symrise ein besseres Näschen als die Profis in Frankfurt. "Die Nachfrage war so gut, dass wir jede siebte Aktie Privaten zuteilen konnten", sagt Hermann Prelle, Deutschland-Chef des Investmentbankings der UBS, die Symrise zusammen mit der Deutschen Bank an die Börse brachte. Zeichnen lohnte sich: Privatanleger freuten sich innerhalb von drei Wochen über 15 Prozent Kursplus. Deutsche Investmentfonds dagegen waren, mit Ausnahme der Frankfurter Union Investment, an Symrise nicht interessiert. Der Löwenanteil der Aktien ging deshalb an ausländische Investoren. "Das größte deutsche IPO des Jahres fand leider praktisch ohne deutsche Fonds statt", so Prelle.
Private verstanden die Börsen-Story des von der WirtschaftsWoche zur Zeichnung empfohlenen Unternehmens besser als viele Profis.
Und sie trauten wohl auch den Banken, die Symrise an die Börse brachten.
UBS und Deutsche Bank hatten zuvor mit dem Stahlhändler Klöckner & Co. schon die am besten gelaufene Neuemission des Jahres betreut. Und bei Wacker Chemie, dem zweitgrößten IPO 2006, hatte UBS zusammen mit Morgan Stanley Aktien für knapp eine Viertelmilliarde Euro an Privatanleger verteilt. Mitte Dezember lagen Wacker-Aktien 26 Prozent über dem Startpreis. Wer bereits Mitte Mai verkaufte, realisierte gar 50 Prozent Kursgewinn.
» Welches Unternehmen geht wann an die Börse? Eine Übersicht bietet der Handelsblatt IPO-Kalender.
In der seit 1999 jährlich berechneten Emissionsbanken-Rangliste der WirtschaftsWoche brachten Klöckner und Wacker den Banken die meisten Punkte. Wichtig für die Rangliste ist, für wie viel Millionen Euro Aktien bei einem Börsengang platziert wurden, wie sich die Papiere seit dem Börsenstart entwickelten, wie hoch ein möglicher Zeichnungsgewinn oder -verlust war und wie viele Aktien bei Privatanlegern untergebracht wurden.
Die Punkte aus dem Wacker-Börsengang trugen maßgeblich dazu bei, dass Prelle und seine UBS-Investmentbanker Vorjahressiegerin Deutsche Bank vom Thron stießen.
In der Rangliste fällt die gute Platzierung der besonders in London gut verdrahteten Investmentbanken angelsächsischer Prägung auf. Sie bekommen ihre Mandate vor allem von den ebenfalls international operierenden Private-Equity-Gruppen. "Man kann ein deutsches IPO heute ohne deutsche Investoren machen", erklärt Andreas Bernstorff, Chef des Deutschland-Aktiengeschäfts von Dresdner Kleinwort, "aber an London kommt keiner vorbei."
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Wer wagt sich vor? Die 20 spannendsten Kandidaten für einen Börsengang 2007. Grafik: Wirtschaftswoche
Londoner Hedgefonds sind an die Stelle der unter Mittelabflüssen leidenden und deshalb zurückhaltenden deutschen Fonds getreten. Je nach IPO und Bank gehen 30 bis 50 Prozent der Aktien an Hedgefonds, schätzt Prelle von UBS.
Dass Hedgefonds ihre Aktien schneller auf den Markt werfen als normale Investmentfonds, bestreitet er: "Stabile, langfristige Investoren sind alle Fonds immer nur dann, solange der Kurs nach oben geht."
Weil die Investmentbanken mit Hedgefonds und Londoner Großinvestoren auch weiter Brot-und-Butter-Geschäft machen wollen, hüten sie sich davor, diese durch abstürzende Neuemissionen zu verprellen. UBS, Morgan Stanley, Lehman Brothers und J.P. Morgan leisteten sich 2006 denn auch keinen einzigen Ausreißer nach unten. Die Deutsche Bank hatte nur einen schwächelnden Neuling im Programm und Dresdner Kleinwort zwei, darunter den schlimmsten Börsen-Flop des Jahres, das Softwareunternehmen Magix.
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Commerzbank und HypoVereinsbank hatten schon deutlich höhere Ausfallquoten. Am schlimmsten erwischte es die jeweils zwei Kandidaten der kleinen nationalen Emissionshäuser Equinet und VEM.
Unter dem Strich aber war 2006 für Börsengänge ein Jahrgang mit Prädikat: 19 von 35 neuen Werten in den stärker regulierten Börsensegmenten Prime Standard und General Standard lagen Mitte Dezember deutlich über ihrem Ausgabepreis. Vier hielten ihren Wert, zwölf rutschten mehr als zwei Prozent ins Minus.
Erfreulich: Massenwirksame, größere Börsengänge liefen besonders gut.
Privatanleger, die sich bei Spezialwerten eher zurückhalten, profitierten deshalb besonders stark. Von den zehn Unternehmen, die 200 Millionen Euro oder mehr bei Anlegern einsammelten, verloren nur zwei leicht an Wert. Das waren die Biosprit-Aktien Verbio und Crop-Energies. "In dieser Branche hat der gesunkene Ölpreis den Aktien viel Attraktivität genommen", sagt Jörg Seidel, Investmentbanker bei Dresdner Kleinwort, der Verbio an die Börse brachte.
Die übrigen acht Dickschiffe legten um durchschnittlich 49 Prozent zu.
"Größere Emissionen finden bei Anlegern eher Anklang", sagt Seidel.
"Dieser Trend wird sich auch 2007 fortsetzen." Wenn viele an die Börse wollen, haben kleinere Unternehmen Probleme, Investoren überhaupt auf sich aufmerksam zu machen. Ausländische Fonds investieren fast nur in Unternehmen, die es zumindest in den Kleinwerte-Index SDax schaffen, besser noch in den MDax für mittelgroße Aktien, "Unter 100 Millionen Euro Emissionswert wird es schwierig, ausländische Investoren zu motivieren", weiß Dresdner-Aktienchef Bernstorff.
Lesen Sie weiter auf Seite 3: Für Finanzinvestoren ist ein Börsengang nur das Sahnehäubchen.
Wenn die Stapel von Börsenprospekten und Analystenstudien auf den Tischen zu hoch werden, schalten aber auch viele deutsche Fondsmanager ab und konzentrieren sich auf die großen Emissionen. "Ich habe keine Zeit für die siebte Biosprit-Aktie, die noch eben schnell an die Börse will", stöhnt ein Frankfurter Fondsmanager.
Zumal sich der Aufwand oft nicht lohnt, weil viele Nachahm-Unternehmen ihren Börsengang dann doch absagen müssen. "Gerade im zweiten Quartal, als die Aktienindizes alle nach oben geschossen waren, wollten zu viele an die Börse", sagt Klaus Fröhlich, Leiter des deutschsprachigen Aktiengeschäfts von Morgan Stanley. "Bei vielen aber wäre dies nicht vernünftig gewesen."
Nach dem Erfolg von Patrizia Immobilien prüften manche Investmentbanker im Frühjahr bis zu 15 Immobilienunternehmen. Kein einziges von denen schaffte es noch an die Börse.
Allerdings sagten 2006 auch Qualitätswerte den Börsengang ab, weil ihren Eignern der an der Börse zu erzielende Preis zu niedrig erschien.
Prominentester Fall waren Wacker Construction, wo Großaktionärin Lindsay Goldberg & Bessemer (LGB) den Verkauf stoppte. LGB hatte kurz davor Klöckner & Co. sehr günstig anbieten müssen, weil Investoren fürchteten, dass der Stahlmarkt einbrechen würde. Noch ein Unternehmen wollten die Finanzinvestoren nicht unter Wert abgeben. Sie verkauften lieber einige Monate später an ihre Mitaktionäre, die Familie Wacker. Die könnte jetzt 2007 einen zweiten Anlauf auf die Börse wagen.
"Finanzinvestoren verhandeln bei Börsengängen hart, aber professionell um den Preis", sagt Prelle von UBS. Sie überreizen ihr Blatt eher selten. Die Heuschrecken haben ihren Gewinn oft schon vor dem IPO gemacht. Ein Börsengang ist nur das Sahnehäubchen auf der ohnehin schon üppigen Rendite. Außerdem will Private Equity auch später noch Geschäfte machen, zum Beispiel weitere Kandidaten an die Börse bringen. Abgestürzte Neuemissionen sind dafür keine gute Werbung.
Gut 20 Prozent der neuen Aktien 2006, unter ihnen die beiden Spitzenreiter Klöckner und Demag Cranes, kamen von Finanzinvestoren. 2007 wird rund ein Drittel der Börsenneulinge von Private Equity auf den Markt gebracht, schätzt Seidel von der Dresdner Bank. In den Startlöchern steht zum Beispiel Finanzinvestor Terra Firma mit dem Wohnungsportfolio Deutsche Annington. Die überraschend hohe Bewertung des Immobilienunternehmens Gagfah dürfte weitere Heuschrecken auf den Geschmack gebracht haben. Neben Wohnungen hat Private Equity auch Industrie-Kandidaten wie Klöckner Pentaplast, Carl Zeiss Vision oder Gerresheimer in der Pipeline.
Lesen Sie weiter auf Seite 4: Wie schafft es eine Bank, dass die eigenen Börsenkandidaten Anleger nicht enttäuschen?
Wie schafft es eine Bank, dass die eigenen Börsenkandidaten Anleger nicht enttäuschen? "Wir sortieren nicht geeignete Kandidaten rigoros aus", behauptet UBS-Investmentbanker Prelle. Zwei größere Unternehmen habe die Bank in 2006 abgelehnt. "Uns gefielen die Motive nicht, die hinter dem Börsengang standen."
Wenn Eigentümer nur Kasse machen, weil ihre Branche gerade an der Börse in Mode ist, das Unternehmen aber eigentlich kein Kapital braucht, sollten Banken die Bremse ziehen. Dasselbe gilt dann, wenn der Kandidat den Eindruck vermittelt, er halte Informationen zurück. Wer gegenüber seiner Bank mauert, könnte dies später auch gegenüber den Aktionären tun. Das Problem: Kaum eine Bank gibt gern Geschäft verloren. Irgendjemand findet sich immer, der auch schwache Unternehmen durchboxt. Kandidaten werden an im IPO-Geschäft weniger etablierte Banken durchgereicht. "Manche abgelehnte Kandidaten sieht man dann später doch noch an der Börse", sagt Fröhlich von Morgan Stanley. "Dann hat eben ein Wettbewerber das IPO mehr schlecht als recht durchgezogen." Der Schließsystem-Experte Primion oder Aleo Solar etwa waren eindeutig nicht börsenreif und wurden Anlegern 2006 viel zu teuer verkauft.
Kandidaten sorgfältig auszusuchen und vorzubereiten reicht aber noch nicht für einen guten Börsengang. Banker brauchen Fingerspitzengefühl. "Um eine stabile Aktionärsstruktur zu bekommen, muss man einen harten Kern von Investoren gut bedienen", sagt Fröhlich.
Die wichtigsten Investoren müssen gerade so viele Aktien bekommen, dass sie an der Börse nachkaufen. Nach einer Mini-Zuteilung mag sich kaum jemand viel Arbeit mit einer Aktie machen. "Privatanleger, die viel gezeichnet und bekommen haben, kaufen nach dem Börsengang eher zu, alle mit einem kleineren Ticket sind eher auf der Verkäuferseite", sagt Dresdner-Manager Bernstorff.
Vorstände wollen sich nicht von einer Aktionärsgruppe abhängig machen.
Viele haben deshalb die als verlässlich geltenden Privataktionäre wieder entdeckt. "Unternehmen teilen Privatanlegern mehr Aktien zu, als es ihrem Anteil an der Nachfrage entspricht", so Bernstorff.
Die Zeiten, in denen Anleger sechs Konten bei verschiedenen Banken eröffnen und über jedes Depot fünf Zeichnungsaufträge abfeuern mussten, nur um ein paar Aktien zu ergattern, scheinen endgültig vorbei.
