Wissenswert: Langzeitfolgen des Massenmordes

Wissenswert
Langzeitfolgen des Massenmordes

Der Massenmord an den Juden im Zweiten Weltkrieg hat Langzeitfolgen, die bis heute zu spüren sind, zeigt eine beklemmende Studie am Beispiel Russlands. Je mehr Juden in einer Stadt von Deutschen ermordet wurden, desto schlechter hat sich diese in der Nachkriegszeit entwickelt.

LondonDas Grauen begann nachts um drei am Sonntag, dem 22. Juni 1941. Mehr als drei Millionen deutsche Soldaten griffen die Sowjetunion an. Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion sollte als der "ungeheuerlichste Eroberungs-, Versklavungs- und Vernichtungskrieg" (Ernst Nolte) in die Geschichte eingehen. Hinter der Front machten deutsche Einheiten systematisch Jagd auf russische Juden. Von den fünf Millionen, die in der Sowjetunion lebten, brachten sie bis Kriegsende 2,8 Millionen um. Die Folgen des Völkermords wirken bis heute nach. Das zeigt ein dreiköpfiges amerikanisches Forscherteam in einer jetzt veröffentlichten Arbeit.

Zwischen dem Holocaust sowie der heutigen wirtschaftlichen und politischen Lage russischer Städte und Regionen gibt es einen engen Zusammenhang. Je mehr Juden die Deutschen in einer russischen Stadt ermordet hatten, desto schlechter hat sich diese in der Nachkriegszeit entwickelt.

Als Indikator dafür, wie stark eine Stadt oder ein Landstrich vom Holocaust betroffen war, ziehen die Ökonomen den Anteil der Juden an der Einwohnerzahl vor Kriegsausbruch heran. Die Forscher vergleichen die Nachkriegsentwicklung dieser Städte mit solchen, die nicht von deutschen Truppen besetzt waren. Sie stellen fest: Je mehr Juden in einer Region umgebracht wurden, desto niedriger fallen dort heute das Pro-Kopf-Einkommen und das Lohnniveau aus.

Diese Ergebnisse haben auch dann Bestand, wenn man nur die Städte und Landstriche vergleicht, die von der deutschen Besatzung betroffen waren. Auch hier gilt: Je schlimmer der Holocaust in einer Region war, desto schlechter entwickelte sie sich in der Nachkriegszeit - ein deutliches Indiz dafür, dass der Effekt nicht vom Krieg an sich getrieben wird. Zudem haben sich die Städte erst nach dem Holocaust so verschieden entwickelt. Bis 1941 gibt es keine systematischen Unterschiede.

In den Jahrzehnten nach dem Krieg ist auch die Einwohnerzahl dieser Städte deutlich langsamer gewachsen. Die Größe einer Stadt gilt unter Wirtschaftshistorikern und Ökonomen als ein wichtiger Indikator für ihre wirtschaftliche Potenz. Eine Stadt, in der der Anteil der Juden an allen Einwohnern vor dem Krieg dem Landesdurchschnitt entsprach, wäre 1989 rund 14 Prozent größer gewesen, wenn sie nicht von den Deutschen besetzt worden wäre. "Dieser Effekt geht weit über den direkten Einfluss des Massenmords an den jüdischen Bewohnern auf die Einwohnerzahlen hinaus", schreiben die Forscher.

Die Ökonomen stoßen nicht nur auf wirtschaftliche, sondern auch auf politische Spätfolgen des Holocaust. Je mehr Juden die Deutschen in einer Region ermordeten, desto geringer ist dort nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die Unterstützung für Demokratie und Reformen.

Wie lassen sich diese Langzeitfolgen des Massenmords erklären? Die Wissenschaftler vermuten, dass es vor allem mit der gesellschaftlichen Rolle zu tun hat, die Juden bis zum Zweiten Weltkrieg in der Sowjetunion hatten. "Der Holocaust war ein gewaltiger Schock für die Gesellschaftsstruktur in den besetzten Gebieten", schreiben sie. Insgesamt waren Juden in Russland zwar eine kleine Minderheit, aber sie machten große Teile der Mittelschicht aus. Fast 70 Prozent aller Ärzte und zehn Prozent aller Angestellten waren Juden. Zahlreiche Studien kommen zu dem Schluss: Gerade die bürgerliche Mittelschicht ist ein wichtiger Motor für wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt.

"Social Structure and Development: A Legacy of the Holocaust in Russia", von D. Acemoglu, T. Hassan und J. Robinson, Arbeitspapier (2010)

Kostenloser Download der gesamten Studie.

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