26. Mai 2012 

Handelsblatt

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Verbraucherschützer warnen: Vorsicht vor undurchsichtigen Tarifrechnern

Vergleichsrechner im Internet sollen Kunden zu den günstigsten Stromtarifen führen. Doch wirklich unabhängig sind die Anbieter meist nicht, kritisieren Verbraucherschützer. Worauf Kunden achten sollen.

Verivox gehört zu den bekanntesten Tarifrechnern, aber Verbraucher sollten sich nicht auf ein einzelnes Portal verlassen. Quelle: dpa
Verivox gehört zu den bekanntesten Tarifrechnern, aber Verbraucher sollten sich nicht auf ein einzelnes Portal verlassen. Quelle: dpa

DüsseldorfEinfach die Postleitzahl und den jährlichen Strom- oder Gasverbrauch eingeben und schon werden die besten Tarife angezeigt. Das erhoffen sich wechselwillige Kunden, wenn sie Tarifrechner wie Verivox, Check24 oder Energieverbraucherportal nutzen. Doch ganz so schnell geht es leider nicht. Denn auf den Seiten der Vergleichsportale sind meist schon einige Filter- und Sortierfunktionen ausgewählt, die das Ergebnis verfälschen. 

„Um im Ranking weit oben zu stehen, versuchen Stromanbieter ihre Tarife durch Rabattaktionen möglichst günstig erscheinen zu lassen“, kritisiert Peter Blenkers, Energieexperte der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Vergünstigungen für die Zahlung per Vorkasse oder Neukundenboni würden einfach vom Preis für das erste Vertragsjahr abgezogen. Viele Tarifrechner unterstützen diese Praxis, indem sie per Standardeinstellung nur Tarife mit solchen Rabatten anzeigen. Dadurch erhalten Verbraucher weniger seriöse Empfehlungen und können die Tarife schlechter vergleichen.

Dies ist nur einer der Mängel, die die Verbraucherzentrale NRW und der Verbraucherzentrale Bundesverband an den Vergleichsportalen kritisieren. Gemeinsam haben sie ein ausführliches Anforderungsprofil für Strom- und Gas-Tarifrechner formuliert, das dem Handelsblatt vorliegt. Darin fordern sie auch, dass Tarifrechner ihre Unabhängigkeit zurückgewinnen und ihre Geschäftspraxis transparenter machen sollen. 

Forderungen der Verbraucherschützer

  • Finanzierung der Tarifrechner

    Die Tarifrechner sollen unabhängig von Energielieferanten sein. Auf den Startseiten sollen sie angeben, wie sie sich finanzieren – etwa über Vermittlungsprovisionen oder Werbung.

  • Exklusive Tarife

    Wenn Energielieferanten über die Portale Tarife anbieten, die nirgends sonst abgeschlossen werden können, soll dies kenntlich gemacht werden.

  • Trügerische Anbieterzahl

    Viele Tarifrechner sind miteinander verbunden. Die Portale tragen zwar unterschiedliche Namen, doch der Verbraucher erhält immer die gleichen Ergebnisse. Diese Verbindungen sollen die Betreiber öffentlich machen.

  • Filterfunktionen

    Verbraucher sollen Filter- und Sortiereinstellungen selbst auswählen können, ohne dass diese bereits auf der Seite voreingestellt sind.

  • Vergleich mit dem Grundversorger

    Nicht immer finden die Tarifrechner bei der Eingabe der Postleitzahl den richtigen Grundversorger. Verbraucher sollen die Möglichkeit bekommen ihren Anbieter für den Vergleich auszuwählen.

  • Individuelle Preisvergleiche

    Für einen persönlichen Vergleich sollen Verbraucher nicht nur den Grundversorger als Referenz wählen können, sondern auch jeden anderen Tarif.

  • Sondertarife isolieren

    Zur besseren Übersicht und Vergleichbarkeit sollen variable Tarife, Heizstromtarife und Sozialtarife separat aufgelistet werden.

  • Formulierung von Preisgarantien

    Bedingungen für eine Preisgarantie sollen von allen Tarifrechnern gleich formuliert werden. Gegebenenfalls sollen Verbraucherverbände die Termini vorgeben.

  • Bedingungen bei Paketangeboten

    Bei festen Strompaketen sollen die Rechner stärker darauf hinweisen, dass bei einem niedrigeren Verbrauch keine Kosten erstattet werden. Verbraucht der Kunde mehr, sind die zusätzlichen Kilowattstunden meist vergleichsweise teuer.

  • Ökostrom-Tarife

    Die Tarifrechner sollen prüfen, ob der angebotene Ökostrom bestimmte Qualitätsanforderungen erfüllt.

  • Rabatte separat anzeigen

    Boni, frei-Kilowattstunden und andere Rabatte sollen nicht in den Preis für das erste Vertragsjahr eingerechnet, sondern extra aufgelistet werden.

  • Online-Tarife

    Mit Online-Tarifen können Verbraucher zwar sparen, bekommen aber auch weniger Service. Darauf sollen die Portale hinweisen.

  • Bindende Angebote

    Bislang sind die Preise, die Stromanbieter an die Tarifrechner melden, nicht bindend. Verbraucher müssen sie immer beim Anbieter nachprüfen. Das sollen die Portalbetreiber ändern, indem sie von den Stromlieferanten eine Selbstverpflichtung fordern, damit die Preise stets aktuell und verbindlich sind.

  • Qualität des Stromanbieters

    Tarifrechner sollen die Seriosität und den Service der Anbieter anhand einer Check-Liste der Verbraucherverbände bewerten.

  • Zusatz-Tools

    Zur besseren Einordnung der Tarife wünschen sich Verbraucherschützer eine Übersicht über die Preisentwicklung der Tarife und einen Vergleich zur durchschnittlichen Preisentwicklungen.

  • Test für Tarifrechner

    Wegen ihrer großen Bedeutung für den Wettbewerb auf den Energiemärkten soll die Qualität zumindest der marktdominierenden Tarifrechner regelmäßig überprüft werden.

Derzeit sei der Markt der Vergleichsrechner zu undurchsichtig: „Die Rechner wollen Transparenz zwischen den Stromanbietern herstellen, bieten aber selbst kaum Einblicke in ihre Geschäftsbeziehung“, kritisiert  Peter Blenkers. Für Aufsehen sorgte jüngst die Zusammenarbeit zwischen Verivox und dem mittlerweile insolventen Strom- und Gaskonzern Teldafax. Nach Berichten des Handelsblatts hatte das Vergleichsportal das Energieunternehmen mit Informationen über Wettbewerber versorgt. Dadurch konnte der Energieanbieter seine Preistabellen so gestalten, dass er in der Trefferliste stets einen Spitzenplatz belegte. Im Gegenzug soll Verivox hohe Vermittlungsprovisionen eingestrichen haben. Der Anbieter selbst bestreitet die Weitergabe der Daten.

Solche Kooperationen zum Nachteil der Kunden wollen die Verbraucherschützer verhindern. Sie fordern deshalb, dass die Tarifrechner öffentlich machen, mit wem sie kooperieren und womit sie ihr Geld verdienen. Wenn sie von Stromanbietern Provisionen für die Vermittlung bekämen, müssten sie das offenlegen.

Teldafax

Vielfach rechnen Stromanbieter ihre Tarife mit Rabatten schön. „Tarife mit Vorkasse oder Kaution sollten Verbraucher von vorne herein ausschließen“, sagt Blenkers. Dafür müssen in den Suchmasken meist die entsprechenden Häkchen entfernt werden. Geht der Kunde in Vorleistung, läuft er beispielsweise Gefahr, sein Geld ohne Gegenleistung zu verlieren, wenn der Stromanbieter pleite geht. Dass dies am hart umkämpften Strommarkt tatsächlich passieren kann, zeigte jüngst der Stromkonzern Teldafax.

Auch bei Tarifen, die Neukunden Bonuszahlungen versprechen, ist Vorsicht geboten. "Die Anbieter kennen Tricks, um die Zahlungen hinauszuzögern“, sagt der Verbraucherschützer. So würden die Boni oftmals erst nach einem weiteren Vertragsjahr gezahlt.

Verbraucher sollten mehrere Tarifrechner nutzen

Um insgesamt ein valides Ergebnis zu bekommen, sollten Wechselwillige nicht auf ein einzelnes Portal vertrauen. Besser ist es, die Ergebnisse von zwei oder drei Plattformen zu vergleichen. Aber auch das ist nicht so einfach, wie es klingt. „Auf dem Markt gibt es eine vierstellige Zahl von Tarifrechnern“, sagt Blenkers, „aber nicht einmal zehn betreiben eine eigene umfassende Datenpflege.“ Die Stromkunden bekommen also auf tausenden Vergleichsseiten immer die gleichen Ergebnisse, nur unter einem anderen Namen.

Zu den Marktführern unter den Tarifrechnern zählen derzeit Verivox, Check24, Toptarif und Energieverbraucherportal.

Bei einem Vergleich der Stiftung Warentest wurde Verivox vor drei Jahren noch klarer Testsieger. „Aus unserer Sicht ist Verivox auch heute noch vorne“, sagt Hubertus Primus, Chefredakteur der Stiftung Warentest. Aber auch er sieht die voreingestellten Suchoptionen kritisch: „Das müssen Verbraucher manuell ändern, damit sie einen sauberen Vergleich haben, der sich nur nach dem Preis pro Kilowattstunde richtet“, sagt er.

Wie man den Stromanbieter wechselt

  • Anfang

    Wer seinen Stromanbieter wechseln will, sollte zunächst seinen Verbrauch ermitteln: Einfach auf der letzten Rechnung den jährlichen Verbrauch in Kilowattstunden (kWh) ablesen.

  • Die Suche

    Laut dem Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) haben die deutschen Verbraucher derzeit durchschnittlich die Wahl zwischen 85 verschiedenen Stromanbietern.

  • Die Ökostromanbieter

    Eine Alternative sind sogenannte Ökostromanbieter. Der Begriff führt jedoch in die Irre, denn diese Unternehmen versorgen ihre Kunden mitnichten mit Energie, die ausschließlich aus regenerativen Quellen stammt. Der Strom besteht aus dem gleichen Mix wie der von den Kunden herkömmlicher Anbieter. Allerdings verpflichtet sich der Ökostromanbieter, mindestens die gleiche Menge Ökostrom ins Netz einzuspeisen, wie vom Kunden wieder entnommen wird.

  • Der Strommix

    Der gesamte Strom in Deutschland - also auch der sogenannte Ökostrom - bestand im ersten Halbjahr 2011 zu 20,8 Prozent aus regenerativen Quellen wie Windkraft, Solaranlagen und Co. Im ersten Halbjahr 2010 waren es noch 18,3 Prozent. Wichtigste erneuerbare Stromlieferanten sind mit 7,5 Prozent Windkraftanlagen, Biomasse ist auf Platz zwei, Photovoltaik auf dem dritten Platz.

  • Die Auswahl

    Bei der Entscheidung für den richtigen Stromanbieter helfen Vergleichsportale wie tarifvergleich.de und wer-ist-billiger.de. Dort gibt man einfach seinen Jahresvertrag ein und die Suchmaschine zeigt die günstigsten Angebote mit den jeweiligen Konditionen.

  • Die Fallen

    Verbraucherzentralen raten davon ab, einen Vertrag abzuschließen, der den Kunden länger als ein Jahr an den Stromanbieter bindet. Danach solle man auf eine kurze Kündigungsfrist von möglichst einem Monat achten. Die Verbraucherschützer warnen zudem davor, Vorauszahlungen zu leisten oder Strompakete, also den Einkauf einer vorab vereinbarten Strommenge, abzuschließen.

  • Stromausfall

    Einen Stromausfall muss jedoch niemand fürchten - selbst, wenn der neue Anbieter pleite geht, sein Geschäft aufgibt, oder den neuen Vertrag kündigt. Das Gesetz garantiert eine Grundversorgung. Wenn sein vertraglich vereinbarter Anbieter ausfällt, wird der Verbraucher unverzüglich zu dem Grundpreis vom örtlichen Anbieter versorgt.

  • Die Kündigung

    Die Kündigung erledigt der neue Stromanbieter, der dazu die Bevollmächtigung von seinem neuen Kunden braucht. Der alte Stromversorger bestätigt daraufhin die Vertragsauflösung und schickt eine Abschlussrechnung. Ein Wechsel dauert bis zum Ende des nächsten Vertragsmonats.

  • Die Abschlussrechnung

    Wer auf Nummer sicher gehen will, sollte sich von seinem neuen oder alten Anbieter schriftlich mitteilen lassen, ab wann der Wechsel wirkt. An dem Tag sollte man sich den Zählerstand notieren, damit man die Rechnung nachher auch überprüfen kann.

Bislang gibt es noch keinen Tarifrechner, der den Ansprüchen der Verbraucherzentrale NRW und des Verbraucherzentrale Bundesverbands vollständig genügt. Die Verbraucherzentrale NRW nutzt heute für ihren „Energiepreis-Atlas NRW“ aber bereits die Datensammlung des Energieverbraucherportals. Doch auch hier sieht Blenkers noch Verbesserungspotential: „Wir sind noch weit vom Idealzustand entfernt.“ Aber am Markt tut sich was, einige Forderungen der Verbraucherschützer wurden auf dem Portal Mut-zum-Wechseln, einer Schwester der Energieverbraucherportals, immerhin schon umgesetzt.

Um tatsächlich den günstigsten Tarif zu finden, müssen Verbraucher doch ein bisschen Zeit investieren. Doch die Mühe lohnt sich. Viele Kunden nutzen immer noch den Standardtarif ihres Grundversorgers. Diese Tarife sind aber in der Regel die teuersten am Markt. „Die meisten Verbraucher können mit einem Wechsel ihres Strom- oder Gastarifs viel Geld sparen“, sagt Peter Blenkers. Zwar könnten Verbraucher nicht mehrere hundert Euro pro Jahr sparen, etwa 100 Euro seien aber realistisch.