Streitfall des Tages

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Streitfall des Tages: Wenn das Erbe an die Falschen geht

Stiefkinder haben beim Erben nicht das gleiche Recht wie Adoptivkinder. Manchmal kann ein Satz entscheidend sein. Was Hinterbliebene wissen müssen, damit das Erbe kein Grund zur Trauer wird.

Der Schmu des Tages. Illustration: Tobias Wandres
In der Rubrik "Der Streitfall des Tages" analysiert Handelsblatt Online eine Gaunerei oder ein Ärgernis aus Bereichen des Wirtschaftslebens. Betroffene erhalten konkrete Unterstützung, können ihren Fall öffentlich machen und mit Gleichgesinnten diskutieren. Illustration: Tobias Wandres.

Der Fall

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Tanja H. aus einem kleinen Ort in Baden kann es kaum fassen: Ihre Oma, Felicitas H., hatte Ende der 80er ein kleines DM-Vermögen plus einige Äcker, Wiesen, Waldflächen geerbt. Doch sie wurde bald darauf schwer krank und starb.

Vor ihrem Tod hatte sie verfügt, dass ihr Mann Heinz H. Alleinerbe sein sollte. Für ihren Sohn Lothar hatte das Konsequenzen, denn Heinz war nicht sein Vater, und er war nicht adoptiert. Als Stiefkind war er durch dieses Testament enterbt, denn würde sein Stiefvater eines Tages sterben, wäre er nicht erbberechtigt, und mit dem Tod seiner Mutter ging ihr Vermögen an eben diesen über.

Was Erben wissen sollten

  • Wer kann erben?

    Erben können alle, die im Testament bedacht sind. Auch Minderjährige dürfen erben, dann springt aber ein gesetzlicher Vertreter ein. Das sind in der Regel die Eltern. Ohne Testament gilt das gesetzliche Erbrecht.

  • Was passiert, wenn die Erben unbekannt sind?

    Ein Nachlassgericht sichert das Erbe nach pflichtgemäßen Ermessen. Gegenstände können versiegelt und Wertpapiere hinterlegt werden. Das Gericht bestellt einen Nachlasspfleger, der das Vermögen absichert und die Erben ermitteln soll. Der Verwalter haftet bei vorsätzlichen oder fahrlässigen Schäden.

  • Wer erbt, wenn kein Testament besteht?

    In diesem Falle gilt das gesetzliche Erbrecht. Das Gesetz sieht fünf Ordnungen vor: 1. Direkte Abkömmlinge: Ehegatten, eingetragene Lebensgemeinschaften, Kinder, 2. Die Eltern des Verstorbenen, 3. Großeltern und deren Abkömmlinge, 4. Urgroßeltern und deren Abkömmlinge, 5. Ururgroßeltern und deren Abkömmlinge. Jeder Verwandte einer vorherigen Kategorie schließt einen Nachfolger aus. Beispiel: Wenn die Kinder noch leben, gehen die Eltern des Verstorbenen leer aus.

  • Was ist, wenn der rechtmäßige Erbe bereits verstorben ist?

    An die Stelle des Verstorbenen treten seine Abkömmlinge. Beispiel: Ein Verstorbener hat zwei Kinder, von denen eines nicht mehr lebt. An die Stelle des verstorbenen Kindes treten dann seine oder ihre Kinder. 

  • Wie wird das Erbe aufgeteilt?

    Das Erbe wird nach dem Verwandtschaftsgrad aufgeteilt. Beispiel: Wenn der Mann stirbt, erbt seine Frau 50 Prozent. Die beiden Kinder teilen die restlichen 50 Prozent unter sich auf. Bruder und Eltern des Verstorbenen gehen leer aus. Sonderfälle gelten bei einem Ehevertrag mit Gütertrennung.

  • Was regelt das Testament?

    In vielen Fällen möchte der Erblasser von den gesetzlichen Regelungen abweichen. Ein Einvernehmen mit den Erben ist nicht nötig, die Verfügungen können jederzeit widerrufen werden. Eine Alternative ist ein Erbvertrag, der nicht widerrufen werden kann. Ein solcher Vertrag kann auch zwischen Erblasser und Erbe geschlossen werden.

  • Was ist bei einem Testament zu beachten?

    Ein per Handschrift eigenhändig verfasstes, unterzeichnetes Testament bedarf keine Testierung durch den Notar. Der Text muss eigenhändig verfasst sein, ein Diktat reicht nicht: Die Handschrift muss erkennbar sein. Die Form muss gewahrt sein: Die Unterschrift muss in der Regel unter dem letzten Satz stehen und Vor- und Zunamen enthalten. Ort und Zeit sind anzugeben, machen das Testament bei Fehlen aber nicht ungültig. Nachträgliche Streichungen oder Radierungen sind wirksam. Wichtig: Der letzte Wille sollte keine Zweifel aufkommen lassen.

  • Was steht laut Testament Enterbten zu?

    Jedem rechtmäßigem Erben steht unabhängig vom Inhalt des Testamentes ein Pflichtteil des Nachlasses zu. Anspruch haben die Familie sowie Kinder, Enkel, Eltern und Ehegatte. Entfernte Verwandte wie Geschwister, Onkel oder Neffen gehen leer aus. Die Erben haften für die Ansprüche der Pflichtteilberechtigten.

  • Wann müssen Enterbte auf ihren Pflichtteil verzichten?

    In einigen Fällen von Kriminalität, etwa bei einer Freiheitsstrafe von einem Jahr oder Bedrohung des Lebens der Abkömmlinge. Auch eine Verletzung der Unterhaltspflicht kann zum Verlust des Pflichtteils führen.

„Meine Großmutter kann sich der Tragweite dieses Testaments nicht bewusst gewesen sein“, sagt Tanja H. „Sie liebte meinen Vater über alles.“ Lothar H. tat das einzig Vernünftige in seiner Situation: Er klagte seinen Pflichtteil ein, die Beziehung zu seinem Stiefvater zerbrach daran. Tanja H., die mit ihrer Mutter und deren Mann aufgewachsen war, verlor nach dem Tod der Oma den Kontakt zu ihrem leiblichen Vater Lothar und dem Mann, der in der Kinder- und Jugendzeit ihr Opa Heinz war.

13 Jahre später erhält sie einen Anruf einer Behörde: Sie möge sich um die Bestattung ihres Vaters, Lothar H., kümmern. Der war ebenfalls sehr krank gewesen und starb verarmt. Die Bestattung, die Wohnungsauflösung und alles was damit zusammenhing, hatte Tanja H. rund 6.000 Euro gekostet. Besonders bitter, da ihre Mutter früher den Unterhalt für sie bei ihrem leiblichen Vater hatte einklagen müssen.

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Eineinhalb Jahre nach dem Tod ihres Vaters hört sie vom Tod ihres Großvaters Heinz H., dem Stiefvater ihres Vaters. In der Todesanzeige steht eine neue Familie. Diese erbt jetzt den Rest des Vermögens, der einst von Tanja Hs. Oma stammte. Tanja H. geht leer aus - sie ist als Stiefenkelkind nicht erbberechtigt.

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Die Relevanz

Aus den Zahlen von Destatis aus dem Mikrozensus 2010 lässt sich ableiten, wie viele Patchworkfamilien es in Deutschland gibt: Demnach leben 134.000 Kinder mit einem Elternteil zusammen, der verheiratet ist. 315.000 Kinder wohnen mit einem Elternteil zusammen, der in einer nicht-ehelichen Gemeinschaft lebt. Jan Bittler, Fachanwalt für Erbrecht und Geschäftsführer der Deutschen Vereinigung für Erbrecht und Vermögensnachfolge (DVEV) schätzt aus seiner Erfahrung, dass etwa 15 bis 20 Prozent derer, die anwaltliche Hilfe für die Testamentserstellung holen, Patchworkfamilien sind.

Fallstricke

  • Erbfolge

    Ohne Testament gilt die gesetzliche Erbfolge. „Stirbt ein Ehepartner, erbt der überlebende Partner“, erklärt Thomas Diehn, Geschäftsführer der Bundesnotarkammer. „Gibt es Kinder – egal, ob ehelich oder unehelich – erben diese ebenfalls.“ Dann bekommt der Ehepartner 50 Prozent und die Kinder teilen sich die verbleibenden 50 Prozent zu gleichen Teilen. Bestand beim Erbfall Gütertrennung, hätten die dritte Ehefrau und die beiden Kinder je ein Drittel geerbt. Gibt es weder Ehepartner noch Kinder, erben die Eltern des Verstorbenen. Sie sind übrigens auch Erben, wenn der Verstorbene verheiratet war, aber keine Kinder hatte. „Ohne gültiges Testament kann es dann zu ungewollten Erbengemeinschaften kommen“, so Diehn. „Die Eltern müssen sich dann mit ihrer Schwiegertochter oder ihrem Schwiegersohn einigen – nicht immer eine einfache Konstellation.“ Das lässt sich durch eine intelligente Nachlassplanung vermeiden.

  • Teurer Erbschein

    Liegt ein Testament vor, muss kein Erbschein beim Nachlassgericht erstellt werden. Dieser Erbschein ist übrigens deutlich teurer als ein Testament beim Notar. Wer einen Nachlass über 200.000 Euro regelt, zahlt beim Notar 424 Euro für ein Testament. Der Erbschein kostet mindestens 714 Euro, die mit einer notariellen Urkunde gespart werden können.

  • Verschwundener letzter Wille

    Erben müssen wissen, dass es ein Testament gibt und wo sie es finden. Wer sein Testament beim Notar oder Amtsgericht hinterlegt, kann dies im „zentralen Testamentsregister“ (ZTR) registrieren lassen. Die Registrierung kostet einmalig 15 beziehungsweise 18 Euro. „Es soll vor allem gewährleisten, dass ein Testament im Erbfall auch schnell gefunden wird“, sagt Diehn.

  • Berliner Testament

    Wählen Eheleute ein Berliner Testament, dann setzen sie sich gegenseitig als Alleinerben ein. Sind beide tot, erben die Kinder zu gleichen Teilen. Wichtig: Der überlebende Elternteil kann diese Quote nicht verändern. Es sei denn, es gibt eine entsprechende Klausel, die dies erlaubt. Auch ein neues Testament des länger Lebenden gilt nicht – das Berliner Testament geht immer vor.

  • Erbengemeinschaft

    In vielen Fällen kommt es zu den so unbeliebten Erbengemeinschaften. Drei Geschwister erben beispielsweise gemeinsam ein Miethaus, das Haus der Eltern und ein Barvermögen. Das lässt sich durch Testamente steuern beziehungsweise intelligent aufteilen.

„Das Gesetz ist, was die familiären Konstellationen anbelangt, noch von 1900“, weiß Andreas Frieser, Fachanwalt für Erbrecht, aus der Kanzlei Redeker Sellner Dahs in Bonn. Er ist außerdem Vorsitzender im Gesetzgebungsausschuss Erbrecht im Deutschen Anwaltverein. „Anfang des letzten Jahrhunderts gab es noch nicht so viele Patchworkfamilien wie heute, das Gesetz geht hier an unserer soziologischen Realität vorbei.

“ Und das bedeutet für alle Familien, die nicht dem klassischen Vater-Mutter-Kind-Schema entsprechen, dass sie ein Testament benötigen, um die gesetzliche Erbfolge auszuschalten, und denen ihr Vermögen vererben zu können, die sie erreichen wollen.

  • 26.03.2012, 12:08 UhrGSN

    ...eine feine Einstellung ist das... ...bleibt nur zu hoffen, daß letztendlcih die "öffentliche Hand" nicht zukünftig "in den Genuß" kommt, "ausgesorgt zu haben"...

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