Streitfall des Tages

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Streitfall des Tages: Wenn das Internet zum Pranger wird

Im sozialen Web wird alles kommentiert und bewertet. Das Problem: Häufig sind Einträge frei erfunden oder kommen von der Konkurrenz. Wer unerwartet am Internet-Pranger stehen kann und wie Betroffene um ihren Ruf kämpfen.

Der Schmu des Tages. Illustration: Tobias Wandres
In der Rubrik "Der Streitfall des Tages" analysiert Handelsblatt Online eine Gaunerei oder ein Ärgernis aus Bereichen des Wirtschaftslebens. Betroffene erhalten konkrete Unterstützung, können ihren Fall öffentlich machen und mit Gleichgesinnten diskutieren. Illustration: Tobias Wandres.

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Der Fall


„Wenn mit Dreck geworfen wird, bleibt immer etwas hängen“, sagt der Betreiber einer Interneteinkaufsplattform. Und darum möchte er seinen Namen nicht in der Zeitung lesen. Denn Dreck hat er bereits genügend abbekommen - zu Unrecht, wie er sagt.

Serie "Streitfall des Tages"

Die Geschichte: Vor fast einem Jahr veröffentlichte ein anonymer Nutzer einen Beitrag auf dem Beschwerdeportal Reclabox. Er warf dem Unternehmer vor, gefälschte Markenware zu verkaufen. Der sagte ihm, dass dem nicht so sei, und dass er das mit den Originalrechnungen belegen könne. Daraufhin unterstellte der anonyme Nutzer öffentlich, dass der Onlinehandel gegebenenfalls einige wenige echte Produkte einkaufe, um Rechnungen vorweisen zu können, aber er trotzdem nur Fälschungen verkaufe.

Der Unternehmer schaltete einen Rechtsanwalt ein, der versuchte, mit Reclabox Kontakt aufzunehmen. Denn dort heißt es auf der Homepage, dass Reclabox einzelne Fälle, insbesondere Beschwerden prüft und gegebenenfalls löscht. Das Problem: Reclabox antwortete weder auf Mails, noch auf Anrufe oder Briefe. „Schließlich habe ich die Staatsanwaltschaft informiert“, so Rechtsanwalt Thomas Schwenke. „Das würde mein Mandant nicht zulassen, wenn er wirklich gegen das Markenrecht verstoßen würde“.

Der Streitfall des Tages Wenn Facebook den Ruf ruiniert

Viele Facebook-Nutzer finden sich plötzlich in zweifelhafter Gesellschaft wieder. Freunde können Mitglieder ohne Zustimmung bei Hooligan- Sex- oder Nazi-Gruppen einsortieren. Das kann für Betroffene böse Folgen haben.

Schwenke wollte durch seinen Anruf über die Staatsanwaltschaft an die Daten des anonymen Internetnutzers kommen. Doch die Berliner Staatsanwaltschaft sagte schon bei der Antragstellung im April, dass der Vorgang dauern könne. Bisher hat Schwenke keine Antwort bekommen, die falsche Behauptung steht noch immer im Netz, und sein Mandant wird von Kunden und Bewerbern auf die Geschichte angesprochen.

„Da kann man nicht mehr von einer peinlichen Situation sprechen“, so Schwenke. „Das ist Rufschädigung.“

Soziale Netzwerke Wann twittern den Job kostet

Pikante Twitter-Fotos haben dem US-Abgeordneten Weiner unangenehme Schlagzeilen gebracht. Am Arbeitsplatz kann es noch schlimmer kommen. Unbedachte Sprüche online - schon droht die Kündigung. Von KIRSTEN KRUMREY.

Die Gegenseite

„Wir bearbeiten alle eingehenden Anfragen innerhalb von 48 Stunden, in der Regel ist die Bearbeitungszeit deutlich kürzer“, sagt Peter Webb von Reclabox. Von bisher 10.193 Beschwerden von Verbrauchern über 1.445 Firmen seien 763 auf Wunsch der betroffenen Unternehmen gelöscht worden. „Das entspricht etwa 7,5 Prozent aller Beschwerden“, so Webb. Täglich kommen auf dem Bewertungsportal fünf bis 35 neue Beschwerden von verärgerten Verbrauchern hinzu.

Gelöscht werde Kritik, die falsche Tatsachen behauptet, unsachlich, beleidigend oder verleumderisch ist, sobald das Unternehmen davon Kenntnis genommen und den Fall geprüft hat. Denn „solche Inhalte schaden Reclabox und nehmen den berechtigten Beschwerden einen Teil ihrer Wirkung.“ Unabhängig von der rechtlichen Verpflichtung, sei man bei Reclabox bemüht, solche Inhalte schnell zu identifizieren. „Dabei helfen uns die betroffenen Unternehmen durch Regelverstoß-Meldungen“, sagt Peter Webb.

Zudem werde die Gemeinschaft auf Reclabox redaktionell betreut - „das ist ein schmaler Grat, denn die einen Nutzer möchten gerne strengere Regelungen, während andere bereits von Zensur sprechen“, so Webb. Warum im Fall des betroffenen Onlinehändlers bisher niemand reagiert hat, will das Unternehmen prüfen.

Twitter-Rausschmiss

  • Wenn man fürs Twittern den Job verliert

    Comedian Gilbert Gottfried war 10 Jahre lang die Stimme der Aflac Ente, dem Werbestar der größten japanischen Versicherung Aflac. In über 30 Werbefilmen hatte er potenziellen Kunden immer wieder den Namen des Unternehmens vorgequakt - bis er auf Twitter Witze über den Tsunami in Japan machte. Gottfried schrieb: "Japaner sind wirklich fortschrittlich. Sie gehen nicht zum Strand, der Strand kommt zu ihnen." Damit hatte es sich ausgeschnattert, Aflac schmiss Gottfried raus.

  • "Ein Job, den ich hassen werde"

    Connor Riley verlor ihren Job, bevor es überhaupt richtig losging. Der Technologie-Riese Cisco hatte ihr einen Job angeboten, auf Twitter schrieb sie dazu: "Cisco hat mir gerade einen Job angeboten. Jetzt muss ich abwägen zwischen einem fetten Gehaltscheck und einem Job, den ich hassen werde." Pech für Riley: Ein Cisco-Mitarbeiter sah ihren Eintrag - das Unternehmen nahm ihr die Entscheidung ab.

  • Sexuelle Übergriffe sind niemals witzig

    Nir Rosen war Jura-Stipendiat an der Universität New York. Nach den sexuellen Übergriffen auf die Fernsehjournalistin Lara Logan auf dem Tahrir-Platz in Ägypten twitterte er: "Lara Logan musste unbedingt Anderson ausstechen. Wo war nur ihr Freund McChrystal?". Auch Anderson Cooper war während der Proteste in Ägypten angegriffen worden, Stanley McChrystal war bis Sommer 2010 General der US Army und ISAF-Kommandeur in Afghanistan. Rosen entschuldigte sich umfassend für seine unsensiblen Äußerungen und legte schon einen Tag nach seinem Twitter-Eintrag sein Stipendium nieder.


  • Glee-Star plaudert zu viel

    Nicole Crowther war Nebendarstellerin in der amerikanischen Musicalserie Glee. Auch privat wollte sie ihre Fans offenbar unterhalten - und verriet auf Twitter, wer in einer noch nicht ausgestrahlten Folge König und Königin des Abschlussballs werden würde. Über Twitter folgte dann auch der Rausschmiss: Brad Falchuk, der Produzent der Sendung, antwortete ihr: "Ich hoffe du bist auch dafür ausgebildet, außerhalb der Unterhaltungsbranche zu arbeiten."

  • Moderator wettert gegen gleichgeschlechtliche Ehe

    Damian Goddard arbeitete mehr als zehn Jahre lang als Moderator für den kanadischen TV-Sender Sportsnet, bis er sich auf Twitter schwulenfeindlich äußerte. Hockeyagent Todd Reynolds hatte zuvor einen Rangers-Stürmer öffentlich dafür kritisiert, die gleichgeschlechtliche Ehe zu unterstützen. Goddard legte nach: "Todd Reynolds hat meine volle Unterstützung und ich befürworte genauso die traditionelle und WAHRE Bedeutung von Ehe." Goddards Arbeitgeber Sportsnet befürwortete diese Äußerung allerdings überhaupt nicht - und schmiss ihn raus.

  • Eine unlustige Comedian

    Catherine Deveny arbeitete mehrere Jahre als Kolumnistin für die australische Zeitung "The Age". Diesen Job verlor sie jedoch, nachdem sie auf Twitter eine Preisverleihung kommentierte. Unter anderem schrieb sie, sie hoffe der 11-jährige Kinderstar Bindi Irwin würde flachgelegt. Auch über ihren Comedykollegen Rove McManus äußerte sie sich unsensibel: Sie hoffe, seine Freundin sterbe nicht auch, twitterte sie und bezog sich damit auf McManus`erste Frau Belinda Emmett, die 2006 an Brustkrebs gestorben war. Die Zeitung beendete daraufhin die Zusammenarbeit.

  • Cricket-Spieler mal ganz privat

    Gabriella Pasqualotto war Cheerleader für Cricket Teams in der indischen Premier League. In einem Blog verriet sie jedoch wenig schmeichelhafte Details über die Spieler - etwa wie sie nach den Spielen auf Partys mit den Cheerleadern flirteten - und nannte sogar Namen. Pasqualotto flog auf, und verlor ihren Job.

  • Ex-Baseball-Profi mit rassistischen Tweets

    Der frühere Baseball-Spieler Mike Bacsik ließ sich während eines Basketballspiels zwischen den Dallas Mavericks und den San Antonio Spurs zu einem rassistischen Kommentar hinreißen. Bacsik gilt als Fan der Mavericks, doch das Spiel lief nicht nach seinen Vorstellungen. Er schrieb: "Glückwunsch an all die dreckigen Mexikaner in San Antonio." Bacsik entschuldigte sich am nächsten Tag, seinen Job beim einem Sportradiosender verlor er trotzdem.

  • Wer sich mit Stars anlegt...

    Kellner Jon-Barrett Ingels verlor seinen Job, nachdem er sich über Fernsehstar Jane Adams beschwert hatte. Die Schauspielerin, bekannt aus der US-amerikanischen Serie "Hung" hatte im Restaurant eine Rechnung über 13,44 Dollar nicht bezahlt. Ingels twitterte darüber, sodass ihr Agent zurückkam und die Rechnung beglich. Doch Ingels legte nach und beschwerte sich auf Twitter, dass er kein Trinkgeld bekommen habe. Daraufhin kam die Schauspielerin persönlich noch einmal zurück und gab ihm drei Dollar Trinkgeld - beschwerte sich aber auch beim Management.

  • CNN-Reporterin sympathisiert mit Hisbollah-Scheich

    Der amerikanische Fernsehsender CNN schmiss seine Chefkorrespondentin für Nahostthemen Octavia Nasr raus, nachdem sie getwittert hatte, sie sei traurig über den Tod des Scheichs Mohammed Hussein Fadlallah. Fadlallah war der Führer der militanten Hisbollah im Libanon. Laut der Nachrichtenagentur gilt er AP als überzeugter Anti-Amerikaner und soll für den Tod von mindestens 260 Amerikanern verantwortlich sein. Nasr entschuldigte sich zwar, ihren Job bekam sie aber nicht zurück.

  • Football-Star twittert zum Tod Osama bin Ladens

    NFL-Football-Star Rashard Mendenhall zog nach dem Tod Osama bin Ladens gleich mit mehreren Tweets Kritik auf sich. Unter anderem schrieb er: "Was für ein Mensch feiert den Tod? Es ist schon unglaublich, wie Menschen einen Mann hassen können, den sie noch nie haben sprechen hören. Wir haben nur eine Seite gehört..." Sein Team distanzierte sich deutlich von Mendenhalls Äußerungen und denkt über Konsequenzen nach.

  • Baseball-Trainer fliegt gleich zweimal raus

    Baseball-Trainer Ozzie Guillen wurde er in einem Spiel seiner Mannschaft, den Chicago White Sox, gegen die New York Yankees wegen Meckerns vom Platz verwiesen. Nur eine Minute später begann er, genau darüber zu twittern: Er nannte den Rauswurf "erbärmlich" und den Schiri einen "knallharten Burschen". Daraufhin wurde er für zwei weitere Spiele gesperrt.

  • Marketing-Experte macht einen peinlichen Fehler

    Scott Bartosiewicz kannte sich mit Twitter eigentlich gut aus, schließlich arbeitete er als Social Media Strategist für eine große amerikanische Marketingfirma, die sich auf neue Medien spezialisiert hat. Trotzdem passierte ihm ein peinlicher Fehler: Bartosiewicz dachte, er wäre in seinen privaten Account eingeloggt und schrieb "Es ist schon merkwürdig, dass Detroit als Autostadt bekannt ist und trotzdem niemand weiß, wie man verdammt nochmal Auto fährt." Tatsächlich hatte er jedoch vom Account eines wichtigen Firmenkunden getwittert - dem Autoriesen Chrysler. Bartosiewicz wurde gefeuert, Chryler verlängerte den Vertrag mit der Marketingfirma nicht.

  • 14.07.2011, 11:23 UhrNachdenker

    Schönen Dank auch an die Staatsanwaltschaft!
    Mit was sind diese Sesselfurzer denn so ausgelastet?

    Die deutsche Justiz ist auch so kein Vorzeigeobjekt.
    Ich kenne einen Fall in einem Autoforum, wo jemand einen massiven Betrug seitens seiner Autowerkstatt beschrieb. Aber die hat es mit juristischen Mitteln geschafft, den Eintrag löschen zu lassen. Bei Profibetrügern scheint die Justiz oft gern mitzumachen.

    Ich sag nur, Bananenrepublik!

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