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Streitfall des Tages: Wenn der Arzt zum Kaufmann wird

Chefärzte in deutschen Kliniken erhalten von ihrem Arbeitgeber Bonuszahlungen für besondere Sparsamkeit. Ein bedenklicher Trend, warnen Kritiker. Drohen Gesundheitsrisiken, weil Ärzte an ihren Profit denken?

Der Schmu des Tages. Illustration: Tobias Wandres
In der Rubrik "Der Streitfall des Tages" analysiert Handelsblatt Online eine Gaunerei oder ein Ärgernis aus Bereichen des Wirtschaftslebens. Betroffene erhalten konkrete Unterstützung, können ihren Fall öffentlich machen und mit Gleichgesinnten diskutieren. Illustration: Tobias Wandres.


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Der Fall

Die fetten Jahre sind vorbei. Während eine Anstellung als Chefarzt vor nicht all zu langer Zeit noch einer Lizenz zum Gelddrucken glich, haben es junge Mediziner mit Führungsanspruch heute deutlich schwerer. Die meisten der neu berufenen Chefdoktoren müssen inzwischen auf die sogenannte "Privatliquidation" verzichten.

Sie büßen damit das lukrative Privileg ein, zusätzlich zu ihrem Grundgehalt die Honorare für die Behandlung von Privatpatienten mitzunehmen. Eine Maßnahme, die im Extremfall jährliche Einkommenseinbußen im sechsstelligen Bereich nach sich zieht.

Serie "Streitfall des Tages"

Um zumindest einen Teil der Verluste auszugleichen, gehen Kliniken deshalb dazu über, engagierte Newcomer - wie in der freien Wirtschaft – mit Boni für das Erreichen bestimmter finanzieller Ziele zu ködern. Die Parameter werden von der Geschäftsführung des jeweiligen Krankenhauses vorgegeben. Und das bedeutet: Wer viel spart, kann viel verdienen.

Streitfall des Tages Wenn Ärzte Patienten zu Unrecht zahlen lassen

Ärzte stellen oft Rechnungen, die eigentlich die Krankenkasse zahlen müsste. Die Kassen informieren Patienten falsch, etwa bei Hautkrebsuntersuchungen. Wann Patienten zu unrecht zahlen und wie sie sich wehren können.

Streitfall des Tages: Wenn Ärzte Patienten zu  Unrecht zahlen lassen

Die Relevanz

Während Krankenhäuser früher ähnlich wie Hotels bezahlt wurden (nämlich nach der Verweildauer der Patienten), erhalten Spitäler seit einigen Jahren nur noch Fixpreise für stationäre Behandlungen. Ein Leistenbruch bringt den Betrag x, ein neues Hüftgelenk den Betrag y – unabhängig davon, wie lange der Patient im Krankenhaus bleiben muss.

Die Folge: Je länger ein Patient das Klinikbett hüten muss, desto höher ist das Risiko, dass das Krankenhaus mit der Behandlung draufzahlt. Keineswegs eine seltene Konstellation: Ungezählte Häuser in Deutschland arbeiten nicht mehr kostendeckend. Experten warnen bereits vor einem flächendeckenden Kliniksterben.

Wie Ärzte abrechnen

  • Sachleistungsprinzip

    Kassenpatienten erhalten von ihrem Arzt keine Rechnung, sondern haben durch Vorlage ihrer Chipkarte beim Arzt automatisch einen Anspruch auf eine Behandlung nach Kassenstandard.

    An ihr Geld kommen die Ärzte erst durch ein kompliziertes Verfahren: Die Krankenkassen überweisen eine bestimmte Summe an die Kassenärztlichen Vereinigungen, die wiederum verteilen das Geld nach einem – nicht minder komplizierten Schlüssel – auf die einzelnen Vertragsärzte.

    Der Vorteil dieses Verfahrens: Patienten müssen für ihre Behandlung nicht in Vorkasse gehen. Der Nachteil: Kaum ein Versicherter weiß, wie viel (oder wenig) sein Arzt mit ihm verdient.

  • Private Honorare

    Wer Kunde einer privaten Krankenversicherung ist, erhält vom Arzt direkt eine Rechnung und lässt sich die Summe erstatten. Der Vorteil: Die Gesundheitskosten sind (weitgehend) transparent. Der Nachteil: Der Kunde muss seinen Arzt zunächst aus eigener Tasche bezahlen.

  • IGeL

    Nicht alle Leistungen, die Patienten sich wünschen, werden von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt. Einige sind jedoch medizinisch sinnvoll oder zumindest vertretbar, wie etwa eine reisemedizinische Beratung, Raucherentwöhnungskurse oder die Entfernung von Tätowierungen. Patienten, die sich für derartige Behandlungen (sogenannte individuelle Gesundheitsleistungen, kurz IGeL) interessieren, müssen die Kosten privat bestreiten. Allerdings darf der Arzt sein Honorar nicht willkürlich festsetzen. Grundlage ist – wie auch bei anderen privatärztlichen Leistungen – die amtliche Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ).

Im vergangenen Jahr prognostizierte das Forschungsinstitut RWI in seinem „Krankenhaus Rating Report: Bis 2020 könnten etwa zehn Prozent der Häuser aus dem Markt ausscheiden. Angesichts solcher Zahlen ist es nicht verwunderlich, dass Klinikchefs vermehrt dazu übergehen, die Ärzteschaft aufs Sparen einzuschwören.

Wichtigster Anreiz: die neuen Vergütungssysteme. „Seit 1995 hat sich die Verbreitung von Bonusvereinbarungen von etwa fünf Prozent auf inzwischen fast 45 Prozent bei Neuverträgen erhöht“, sagt Jürgen Schoder, Vergütungsexperte des Beratungsunternehmens Kienbaum in Gummersbach. Tendenz steigend.

  • 10.02.2012, 09:41 Uhrgeorge.orwell

    Das sehe ich anders:

    Hier liegt ein eindeutiger Zielkonflikt vor: Sparen vs Qualität. Hierbei wird Sparen immer gewinnen, denn die Qualität ist kaum messbar. Und wer soll sie kontrollieren? Nur die gravierendsten Fälle kommen ans Tageslicht.

    Wer weiß schon wieviele Menschen gestorben sind, weil die Behandlung durch den Arzt, der mittlerweile seit 16 Stunden auf den Beinen ist, "suboptimal" war?

  • 10.02.2012, 09:37 Uhrgeorge.orwell

    Nein! Nicht vor den Ärzten - das sind weit überwiegend hart arbeitende Menschen.

    Gott befreie uns von den nichtsnutzigen, korrupten Politikern!

  • 10.02.2012, 09:35 Uhrgeorge.orwell

    DER MARKT IST FEHLERHAFT

    ein schönes Beispiel warum "der Markt" nicht (!) alles zum Besten der Gesellschaft regelt.

    Ein Marktwirtschaftliches Gesundheitssystem ist pervers, denn Gesundheit bringt keinen Profit - Krankheit hingegen schon.

    Ärtze werden zunehmend in Gewissensnöte gebracht.

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