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Chaos-Szenario: Londoner Broker simuliert den Zerfall der Euro-Zone

Der weltgrößte Währungs- und Anleihebroker Icap trifft konkrete Vorbereitungen für einen Ausstieg Griechenlands und anderer Staaten aus der Währungsunion. Die Drachme könnte jederzeit wieder gehandelt werden.

Drachme oder Euro? Devisenbroker bereiten sich auf den Ernstfall in Griechenland vor. Quelle: dpa
Drachme oder Euro? Devisenbroker bereiten sich auf den Ernstfall in Griechenland vor. Quelle: dpa

LondonAm größten Finanzplatz Europas ist das Auseinanderbrechen der Euro-Zone längst mehr als eine theoretische Option. Der weltgrößte Währungs- und Anleihebroker Icap trifft bereits konkrete Vorbereitungen für einen Ausstieg Griechenlands und anderer Krisenstaaten aus der Währungsunion.

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"Angesichts der wachsenden Sorgen unserer Kunden über die Zukunft der Euro-Zone haben wir über die weltgrößte Devisenhandels-Plattform EBS die Wiedereinführung der Drachme durchgerechnet", erläuterte ein Icap-Sprecher gestern. Dabei simulierte das Londoner Brokerhaus den Handel zwischen den Währungspaaren Euro/Drachme und Dollar/Drachme. "Wir haben diese Szenarien rund sechs Monate lang getestet", betonte der Sprecher. "Unser Ziel ist es, vorbereitet zu sein, um im Falle eines Falles so schnell wie möglich reagieren zu können. Über die Icap-Plattform wickeln rund 3 000 Großinvestoren aus aller Welt ihre Devisengeschäfte ab.

Nachdem die Diskussion über eine Volksabstimmung in Griechenland Anfang November zu neuem Chaos an den Finanzmärkten führte, greift die Furcht vor einem Ende der Euro-Zone in ihrer heutigen Form immer weiter um sich. In einer Umfrage der britischen Großbank Barclays unter rund 1 000 ihrer Investment-Banking-Kunden gingen rund 50 Prozent der Teilnehmer davon aus, dass im kommenden Jahr mindestens ein Land aus der Währungsunion aussteigen muss. 35 Prozent der Euro-Skeptiker erwarteten, dass Griechenland der einzige Wackelkandidat bleiben wird. Aber immerhin 20 Prozent der Zweifler befürchteten, dass alle fünf Krisenstaaten die Euro-Zone verlassen müssen.

Welche Euro-Regierungen ums Überleben kämpfen

  • Italien

    Mario Montis Regierung aus 17 parteilosen Fachleuten soll nach dem Rücktritt Berlusconis im November 2011 verhindern, dass Italien noch tiefer in die Schuldenkrise abrutscht. Das Land trägt eine Schuldenlast von rund 1,9 Billionen Euro.
    Italien hat mit einer Gesamtverschuldung von rund 120 Prozent der Wirtschaftsleistung nach Griechenland den höchsten Schuldenberg in der Eurozone. Monti versicherte, dass er die beschlossenen Spar- und Reformmaßnahmen umsetzen wolle. Doch der Druck seitens der EU ist groß.
    Rom hat erst vergangene Woche seine Wachstumsprognose gesenkt. Demnach wird die drittgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone in diesem Jahr mit 1,2 Prozent dreimal so stark schrumpfen wie bislang angenommen.

  • Griechenland

    Griechenland wird seit zwei Jahren mit milliardenschweren Hilfspakten gerettet. Im Gegenzug für die Unterstützung durch Europa und den Internationalen Währungsfonds (IWF) muss Athen einen massiven Sparkurs fahren.
    Die Regierung unter Leitung von Lucas Papademos sollte nach dem Rücktritt von Giorgos Papandreou im November 2011 das Vertrauen der Märkte zurückerobern. Sie sollte die maßgeblichen politischen Kräfte in Griechenland bündeln und die Vorgaben der Kreditgeber umsetzen. Funktioniert hat das nur in Maßen. Jetzt hat Papademos für den 6. Mai 2012 Neuwahlen angekündigt. Das Land müsse neue Stabilisierungs- und Reformmaßnahmen ergreifen, so der Präsident.
    Griechenlands Finanzlage hat sich im vergangenen Jahr zwar etwas gebessert, zeigt aber weiter tiefrote Zahlen. Der Fehlbetrag im Staatshaushalt belief sich 2011 auf 9,1 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt (BIP) - das war etwas weniger als die 10,3 Prozent in 2010.

  • Spanien

    Der neue konservative Ministerpräsident Mariano Rajoy hat sein Volk nach den vorgezogenen Neuwahlen im November 2011 auf harte Zeiten eingestimmt. Das krisengeschüttelte Spanien ist im vergangenen Jahr auf den dritten Platz der größten Haushaltssünder im Euro-Raum aufgerückt, wie die Statistikbehörde Eurostat berichtete. Das Haushaltsdefizit sank zwar auf 8,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) nach 9,3 Prozent im Vorjahr, war aber deutlich größer als angestrebt.
    Schlimm sieht es für Spaniens Konjunktur aus, die Wirtschaft stürzte zu Jahresbeginn in die Rezession. Das Sparen wird für die Regierung deshalb noch schwerer. Dennoch will sie das Defizit in diesem Jahr auf 5,3 Prozent drücken. Spanien überholte sogar das Nachbarland Portugal, das Geld aus dem Euro-Krisenfonds erhält und strikt sparen muss.

  • Slowakei

    Im Streit um die Beteiligung am Euro-Rettungsschirm EFSF hatte Ministerpräsidentin Iveta Radicova im Oktober ihren Rücktritt angekündigt. Im März 2012 gewann die Partei Smer-Sozialdemokratie mit Robert Fico klar die vorgezogene Parlamentswahl. Seit April ist Fico Ministerpräsident.

  • Portugal

    Auch hier brachte die Schuldenkrise einen Regierungswechsel. Die sozialistische Regierung von José Sócrates wurde angesichts der schweren Wirtschaftskrise im Juni 2011 abgewählt. Aber auch die neue liberal-konservative Regierung unter Ministerpräsident Pedro Passos Coelho steht mächtig unter Druck.
    Das Land ist weiterhin ein Sorgenkind der Eurozone.

  • Irland

    In der schweren Wirtschaftskrise setzten die Iren auf eine neue Regierung. Bei der Parlamentswahl im Februar 2011 straften sie die wirtschaftsliberale Regierungspartei Fianna Fail von Premierminister Brian Cowen ab. Neuer Premierminister wurde Enda Kenny. In der neuen Regierung koaliert die konservative Fine Gael mit der linken Labour-Partei.
    Die Regierung will das Staatsdefizit von zwölf Prozent der Wirtschaftsleistung bis 2015 auf unter drei Prozent senken. Dazu sollen unter anderem Staatsbeteiligungen im Wert von zwei Milliarden Euro verkauft werden und im öffentlichen Dienst 25.000 Stellen wegfallen. Irland wurde von der Europäischen Union und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) mit einem 85 Milliarden Euro schweren Rettungspaket vor der Pleite bewahrt und muss im Gegenzug eisern sparen.

  • Niederlande

    Die niederländische Regierung ist im April 2012 zurückgetreten. Am 12. September sollen vorgezogene Neuwahlen stattfinden. Die bisherige Regierung von Ministerpräsident Mark Rutte zerbrach an Verhandlungen über Sparmaßnahmen in Höhe von 14 Milliarden Euro. Die Partei des Rechtspopulisten Geert Wilders kündigte aufgrund der Verhandlungen den Regierungsvertrag auf. Ruttes Koaliton hat ohne Wilders' Partei keine Mehrheit im Parlament.

    Mit dem Sparkurs wollen die Niederlande die Neuverschuldung auf das von der EU vorgeschriebene Niveau von drei Prozent drücken. Die Agentur Moody's behielt vorerst das AAA-Rating des Landes bei, warnt aber vor einer Herabstufung, wenn die Sparziele nicht weiter verfolgt werden.

Auch beim Großbroker Icap will man nicht ausschließen, dass am Ende mehr als ein Euro-Teilnehmer seine alte Währung wieder einführen wird. "Wenn wir den Handel mit der Drachme simulieren, heißt das, dass wir auch jede andere neue Devise handeln können, wir wollen schließlich für alle Eventualitäten gewappnet sein", machte der Icap-Sprecher klar.

In der vergangenen Woche hatte bereits die britische Finanzaufsicht Financial Services Authority alle Banken in der Londoner City aufgefordert, Vorkehrungen für einen ungeordneten Ausstieg eines oder mehrerer Mitglieder aus der Währungsunion zu treffen. "Als Aufseher ist uns sehr daran gelegen, dass die Institute auch von chaotischen Konsequenzen aus der Krise in der Euro-Zone nicht überrascht werden", betonte Andrew Bailey, verantwortlich für die Bankenaufsicht beim britischen Regulierer. Gutes Risikomanagement heiße, sich auch auf unwahrscheinliche, aber sehr ernste Szenarien vorzubereiten.

Das sieht die internationale Beratungsgesellschaft Accenture ähnlich: "Der Euro wurde in mehreren Stufen über Jahre hinweg eingeführt, der Austritt eines Mitglieds wird sich vermutlich an einem einzigen Wochenende abspielen", warnt Accenture in einer aktuellen Studie.

20 Handelsblatt-Redakteure recherchierten eine Woche in Griechenland. Sie erlebten ein Volk zwischen Wut, Verzweiflung und Hoffnung.

  • 01.12.2011, 10:56 UhrAnonymer Benutzer: debiecht

    Griechenland sollte austreten.lieber ein ende mit schrecken,als schrecken ohne ende. es würden auf dauer alle pleite gehen.

  • 30.11.2011, 17:20 UhrAnonymer Benutzer: Eurobonds

    Auch unsere Regierung sollte sich mal - wie die Londoner
    EBS-Plattform mit dem Szenario EUROENDE für marode Staaten beschäftigen, aber wahrscheinlich tun sie dies längst.

    Hier wäre einmal angebracht, Karten auf den Tisch, wie dann real die Auswirkungen auf uns wären. - Da im umge-
    kehrten Fall damals die Umstellung auf den EURO ja auch
    ohne Horror-Szenario möglich war!!!

  • 30.11.2011, 11:13 UhrAnonymer Benutzer: Humanist

    Na also, wer sagt´s denn: Und es wird eine gute Drachme, Lira, Pesete etc. und den Ländern wird wieder bewußt, daß sonst niemand als die eigene Währung unter einer maßlosen Schuldenpolitik und verpassten Maßnahmen zur Verbesserung der Wirtschafts-, auch der Exportstruktur, leidet und sich als sensibler Indikator auch unmittelbar meldet.
    Aus der Schweiz haben jetzt reiche Griechen davor gewarnt, ihrem Lande irgend eine Unterstützung zu gewähren: Das haben sie selbst schon versucht, Papandreou hat das aber nicht gewollt: Er nähme nur Unterstützungszahlungen von Barroso an, dazu sei er ja schließlich in die EU gegangen und nicht wegen Platon und Aristoteles und so.

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