Rohstoffe

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Schieferöl: Die Fracking-Blase

Schiefergas beschert den USA einen Energie-Boom. Nun soll Öl aus alternativen Quellen das Land unabhängig von Energie-Importen machen. Doch einige Experten halten die euphorischen Prognosen für überzogen.

DüsseldorfDie Vorkommen aus Schieferöl werden überschätzt. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Investmentgesellschaft Investec. Demnach kann von einer Unabhängigkeit der USA von Ölimporten keine Rede sein. Die Internationale Energieagentur (IEA) hatte Ende 2012 die USA auf dem Weg vom weltgrößten Energieimporteur zum Selbstversorger gesehen. Den Experten zufolge sollte sich das Land dank der üppigen Vorkommen aus alternativen Quellen bis 2030 vom Importeur zum Exporteur wandeln.

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Schiefergas entfachte in den USA einen Energieboom. Der Grund dafür sind neue Fördermethoden, die bislang unerreichbare Gasquellen erschließen. Bei der „Fracking“ genannten Methode werden unter hohem Druck Wasser, Sand und Chemikalien in poröse Schiefergesteinsformationen gepresst, um darin gebundenes Gas an die Oberfläche befördern zu können. Per Fracking wird nun auch verstärkt Öl gewonnen.

Doch Charles Whall von Investec hält die optimistischen Prognosen für übertrieben. „Die Hoffnung auf eine Unabhängigkeit der USA von Energieimporten ist unrealistisch“, sagt Energieexperte Whall. Denn die Prognosen stützten sich auf zwei überzogene Annahmen: Zum einen müsste die US-Ölproduktion um fünf Millionen Fass Öl pro Tag steigen. Whall hält aber nur einen Zuwachs von zwei Millionen Barrel Öl am Tag für realistisch. Ein Barrel oder Fass Öl entsprich 159 Litern.

Meilensteine der Ölpreisentwicklung

  • Beginne der Ölförderung

    Die ersten gewinnbringenden Erdölbohrungen fanden Mitte des 19. Jahrhunderts statt. In dieser Zeit entstanden auch die ersten Raffinerien. Bis 1864 stieg der Ölpreis auf den Höchststand von 8,06 Dollar pro Barrel (159 Liter); inflationsbereinigt mussten damals im Jahresdurchschnitt 128,17 US-Dollar gezahlt werden. In den folgenden Jahrzehnten blieb der Preis auf einem vergleichsweise niedrigen Level, fiel mitunter sogar, bedingt etwa durch den Erfolg der elektrischen Glühlampe, durch die Öl im privaten Haushalt nicht mehr zur Beleuchtung nötig war.

  • Vollgas mit Benzin

    Mit dem Erfolg des Automobils zu Beginn des 19. Jahrhunderts, speziell in den USA, wo der Ford Modell T zum kommerziellen Massenprodukt wurde – 1929 fuhren insgesamt 23 Millionen Kraftfahrzeuge auf den Straßen –, stieg die Öl-Nachfrage rasant. Der Verbrauch lag 1929 in den Staaten bei 2,58 Millionen Fass pro Tag, 85 Prozent davon für Benzin und Heizöl. Die Preise blieben allerdings weiter unter fünf Dollar pro Fass (nicht inflationsbereinigt), da auch mehr gefördert wurde.

  • Negative Folgen der Weltwirtschaftskrise

    In den 30er Jahren kam die Große Depression, die Unternehmenszusammenbrüche, Massenarbeitslosigkeit, Deflation und einen massiven Rückgang des Handels durch protektionistische Maßnahmen zur Folge hatte. Während der Weltwirtschaftskrise verringerte sich die Nachfrage nach Erdöl und der Preis sank auf ein historisches Tief. 1931 mussten bloß noch 0,65 Dollar pro Barrel gezahlt werden (inflationsbereinigt etwa zehn US-Dollar). So billig sollte das schwarze Gold nie wieder sei.

  • Goldene Zeitalter des billigen Öls

    Nachdem sich die Weltkonjunktur erholt hatte, stieg der Preise für Öl wieder, blieb aber konstant unter fünf Dollar pro Barrel. Für die Jahre zwischen dem Ersten Weltkrieg und der Ölkrise im Herbst 1973 spricht man deshalb vom „goldenen Zeitalter“ des billigen Öls.

  • Erste Ölkrise

    In den 70er und 80er Jahren kam der Ölpreis in Bewegung. Als die Organisation der erdölexportierenden Länder (Opec) nach dem Krieg zwischen Israel und den arabischen Nachbarn im Herbst 1973 die Fördermengen drosselte, um politischen Druck auszuüben, vervierfachte sich der Weltölpreis binnen kürzester Zeit. Zum Ende des Jahres 1974 kostete ein Barrel über elf Dollar (inflationsbereinigt fast 55 US-Dollar). Dies bekamen auch Otto-Normal-Bürger zu spüren: In Deutschland blieben sonntags die Autobahnen leer, in den USA bildeten sich Schlangen vor den Tankstellen.

  • Preisexplosion während des Golfkriegs

    Während der zweiten Ölkrise in den Jahren 1979/1980 zog der Ölpreis nach einem kurzfristigen Rückgang weiter an. Ausgelöst wurden dies im Wesentlichen durch Förderungsausfälle und Verunsicherung nach der Islamischen Revolution. Nach dem Angriff Iraks auf Iran und dem Beginn des Ersten Golfkrieg explodierten die Preise regelrecht. Auf dem Höhepunkt im April 1980 kostete ein Barrell 39,50 Dollar (inflationsbereinigt 116,1 Dollar)

  • Niedrigpreise in den 80er und 90er Jahren

    Die 80er und 90er Jahre waren – abgesehen von dem kurzzeitigen Anstieg verursacht durch den Zweiten Golfkrieg – eine Phase niedriger Ölpreise. Die Industriestaaten befanden sich in einer Rezession und suchten aufgrund vorhergehenden Ölkrisen mit besonders hohen Preisen nach alternativen Energiequellen. Weltweit gab es Überkapazitäten. Während der Asienkrise 1997/1998 sank die Nachfrage weiter. Ende des Jahres 1998 wurden 10,65 Dollar pro Barrel verlangt (inflationsbereinigt 15,82 Dollar).

  • Auf zu neuen Höhen

    Nach Überwindung der Krise wuchsen die Weltwirtschaft und damit auch der Ölbedarf schnell. Selbst die Anschläge auf das World Trade Center 2001 sorgten nur für einen kurzen Rücksetzer. Anfang 2008 stieg der Ölpreis im Handelsverlauf erstmals auf die 100 US-Dollar je Barrel der Sorte West Texas Intermediate (WTI). Ein Grund für den Preisanstieg war der Boom des rohstoffhungrigen China, mittlerweile zweitgrößter Verbraucher der Welt.

  • Ölpreis heute

    Die globale Finanzkrise und eine schwächelnde Konjunktur sorgten für einen Nachfragerückgang bei Öl, wodurch die Preise signifikant fielen. Mittlerweile haben sich die Kurse erholt – und peilen neue Hochs an.

Die USA müssten zudem von Treibstoffen auf Ölbasis wie Benzin oder Diesel auf Gas umschwenken, damit das Land zum Selbstversorger werden könnte. Der größte Teil des Energieverbrauchs in den USA entfällt auf den Transportbereich. Doch eine großangelegte Umstellung von Öl auf Gas ist nicht abzusehen. „So eine Transformation wäre langwierig und müsste auch von der Politik eingeleitet und gelenkt werden – und das sehen wir derzeit nicht“, sagt Whall.

Die Umweltfolgen des Fracking sind allerdings kaum erforscht. Kritiker in Deutschland fürchten vor allem um das Trinkwasser. Trotz einer Einigung zwischen Union und FDP hat ein Fracking-Gesetz im Bundesrat praktisch keine Chance – vielen Bundesländern sind die Umweltauflagen nicht streng genug.

In den USA hingegen erlebt das Fracking einen beispiellosen Boom. Der neue Energiereichtum stärkt auch die Wirtschaft. In den Bundesstaaten mit großen alternativen Lagern wie North Dakota, Pennsylvania oder Texas siedeln sich Unternehmen an. Konzerne mit hohem Energieverbrauch eröffnen neue Werke in der Region. Sogar ausländische Firmen verlagern teilweise ihre Produktion. So will der österreichische Stahlreise Voestalpine für rund eine halbe Milliarde Euro ein Werk in den USA aufbauen. Die Vertreter der erdölexportierenden Länder (OPEC) diskutieren bei ihrem Treffen am Freitag auch über die Folgen der US-Energieschwemme für den Ölmarkt.

  • 01.06.2013, 22:07 Uhrhafnersp

    @Gast

    Wie lange auch immer an Fracking herumgebastelt wurde, der Fracking-"Boom" (Goldgräberstimmung) besteht seit 3-4 Jahren, zufällig im Zuge des großen monetär-gesteuerten "Aufschwungs" des Obama-Regimes. Andere Autoren, insbesondere Siggi40 haben es expliziter beschrieben, warum die Entscheidung eher bald zu erwarten ist, ob dieser "Boom" nachhaltig ist, in Kürze: die Insider laufen gerade schon davon (und: warum wird das Gas via existierender Eisenbahn wegtransportiert und nicht via Gaspipelines? Lohnt sich deren Bau etwa nicht).

    Die Gasversorgung Deutschlands und Europas ist nicht alleine von Rußland abhängig, es gibt andere Importwege und große Teile werden u.a. auch von "Europa" selbst, insbesondere den Niederlande und Norwegen (glaube ich) bestritten. Außerdem ist die Abhängigkeit gegenseitig - Rußland ist vom Geldfluß abhängig. Seine Wirtschaft kann schwer getroffen werden, wenn dieser auch nur kurz versiegt.

    Katar verschifft schon via LNG und, soviel ich weiß, existieren in Deutchland schon LNG Terminals (und falls ich mich hier irre: Deutschland ist an das europäische Netz angeschlossen, man kann auch von anderswo LNG einspeisen). Die Gaspipeline aus Katar wäre natürlich die wesentlich billige Lösung und das Ziel (von angloamerikanische und katarischer Seite) ist hier nicht, eine Konkurrenz zu Gasprom aufzubauen, sondern das wesentlich aufwendiger zu fördernde russische Gas durch das billigere katarische möglichst ganz zu verdrängen (nicht aber durch iranisches, was die alternative Pipeline durch Syrien wäre).

    Daß Rußland und Gasprom alles sponsern was gegen ihre Gasinteressen steht ist sehr wahrscheinlich und keineswegs so verwerflich, wie Sie offenbar denken. Die Anglo-amerikanischen Energiekonzerne (sprich Ölkonzerne) machen das seit Jahrzehnten genauso und keinen regt in diesem Fall auf.
    Deshalb sollte man sich auf keinerlei Propaganda verlassen sondern WARTEN. Wenn die Ebbe kommt, dann zeigt sich, wer nackt geschwommen ist (sagte schon Buffet).

  • 01.06.2013, 17:11 UhrSiggi40.de

    Die USA hoffen auf ein Comeback und einen Aufschwung durch die Schiefergasproduktion. Aber auch hier eine Fata-Morgana.

    Amerikas Schiefergas-Boom droht ein jähes Ende.
    Brisanter noch ist aber dieser Vorwurf von Rogers: "Die zu erwartenden Einnahmen von Schieferfirmen wurden ähnlich wie die hypothekenbesicherten Derivate vor der Finanzkrise 2008 gebündelt und mit der fragwürdigen Besicherung an Fonds verkauft." Die Fracking-Hype wird also ganz massiv von der Wall-Street befeuert. Sieh mal an, schon wieder heiße Luft. Die Investmentbankster habe Mühe, den brodelnden Dampfkessel „über 600 Billionen $ Derivate“ unter Kontrolle zu halten, da ist schon wieder das nächste Finanzbetrugsmodell im Anmarsch.

    Eines der weltweit größten Fracker/Schiefergasunternehmen Chesapeake Energy leitete 2012 den Verkauf von Anlagen im Wert von schätzungsweise knapp sieben Milliarden Dollar ein, um seine drückende Schuldenlast von mehr als elf Milliarden zu reduzieren.

    Zweifel gibt es aber nicht nur an der Profitabilität der Schieferfirmen und an der Haltbarkeit des aktuellen Booms.
    Investmentbanken selbst beginnen den Segen des Booms für die Konjunktur anzuzweifeln.

    Dass die von vielen Beobachtern versprochene Renaissance der amerikanischen Industrie im Sog niedrigerer Energiepreise noch nicht eingetreten ist, das belegen auch die Exportzahlen der USA. Der Anteil der USA an den weltweiten Exporten hätte bei einer solchen Renaissance zunehmen müssen. Das wird aber laut den Zahlen der OECD nicht belegt.
    http://www.manager-magazin.de/unternehmen/artikel/0,2828,899442,00.html

  • 31.05.2013, 21:19 UhrPoldi 0824

    @bjarki

    So auch jetzt, die USA gewinnt Europa verliert. Zoegern kostet den Kopf.

    Wobei oder was verliert Europa?
    Löst sich das Öl und Gas in Wohlgefallen auf? Verstehe ich nicht.
    Das mit dem Kopf kosten, kenne ich aus der Geschichte. Da wurde mit Brunnenvergiftern so verfahren.
    Das meinten Sie wohl.

    Schönen Abend noch.

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