Sprechen wir doch einmal darüber, wo zusätzliches Öl und Gas in den nächsten Jahren herkommen könnte. Russland bedrängt derzeit die westlichen Ölkonzerne. Ist das für Sie noch ein guter Standort?
Wir haben zwei erfolgreiche Joint-Ventures in Russland, mit denen wir sehr zufrieden sind. Ich glaube, langfristig wird Russland die Balance finden zwischen steuerlicher Belastung und langfristigen Investitionen. Wir können uns gut vorstellen, dort in weitere Projekte zu investieren.
Zum Beispiel?
Wir sind an verschiedenen Projekten dran. Konkreter kann ich im Moment leider nicht sein.
Dort bekommen Sie aber nur Minderheitsbeteiligungen.
Das ist in vielen Ländern der Welt nicht anders. Wir sind vielfach der Betreiber von Ölfeldern, halten aber nur 25 oder 30 Prozent der Kapitalanteile. Das ist für uns kein Problem. Wichtig ist, dass die Rahmenbedingungen stabil bleiben. Wenn man für 40 Jahre investiert, will man nicht, dass nach drei oder vier Jahren die Steuern oder andere gesetzliche Bestimmungen geändert werden. Man sieht immer wieder, dass die Investitionen sofort zurückgehen, wenn so etwas passiert.
Die Regierungen lernen also nicht dazu?
Es ist halt oft so, dass die Politik und die Wirtschaft nicht den gleichen Zeithorizont haben. Wir kennen das aus unserer mehr als 100-jährigen Geschichte. Es gibt einige Länder, in denen wir in der Vergangenheit verstaatlicht wurden, insofern ist dies nichts Neues für uns. Die Öl- und Gasindustrie verändert sich immer dann, wenn es rasche Preisbewegungen gibt.
Diesmal sind die Probleme der Ölmultis aber struktureller Art. Sind Konzerne wie Shell nicht prächtige Dinosaurier, die den Keim ihres Verderbens bereits in sich tragen?
Shell ist gute 100 Jahre alt und hat schon alles mögliche erlebt: Weltkriege, Rezessionen, tiefe und hohe Ölpreise, Nationalisierungen, technische Herausforderungen. Wir haben 100 Jahre gut überlebt und werden auch die nächsten hundert gut überleben.
Hat Shell mittelfristig eine Chance gegen staatliche Firmen, wie die russische Gazprom?
Ich glaube, man muss Partnerschaften eingehen. In mehr als 20 Ländern machen wir das, und es werden noch mehr werden. Dazu müssen wir sicherstellen, dass sich Shell von anderen Konkurrenten abhebt. Das wird über Technologie und Know-how laufen. Zielgröße ist aber, langfristig über 60 Prozent unseres Cash-flows in Gebieten zu erwirtschaften, wo unser Risiko tief bis sehr tief eingeschätzt wird. Sprich: konventionelle und unkonventionelle Ressourcen in OECD-Ländern.
Die größten Reserven liegen allerdings außerhalb davon, zum Beispiel im Irak. Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass von dort bald mehr Öl auf den Weltmarkt fließt?
Es ist nur eine Frage der Zeit, wann wieder mehr irakisches Öl in den Markt kommt. Der wichtigste Faktor ist im Augenblick noch die Sicherheit der Menschen, die dort arbeiten müssen. Es gibt aber auch noch einige offene Fragen auf rechtlichem und fiskalischem Gebiet. Shell hat sechs verschiedene Projekte im Irak laufen. Wir haben eine starke historische Verbindung zu dem Land.
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