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30.06.2008 
Ölpreis

Die Suche nach Schuldigen

von Mathias Eberle und Michael Maisch

Der Ölpreis hat die nächste Rekordmarke geknackt: 143 Dollar je Barrel. Für die Rally gibt es eine Vielzahl von Gründen. Einige sind klar zu identifizieren. Sind die "Spekulanten" Schuld?

Händler auf dem Parkett der International Petroleum Exchange in London. Foto: ReutersLupe

Händler auf dem Parkett der International Petroleum Exchange in London. Foto: Reuters

NEW YORK/LONDON. Der Ölpreis steigt und steigt. Am Montag übersprang er die Marke von 143 Dollar und erreichte einen Rekordwert. Ein Barrel (159 Liter) Leichtöl kostete im elektronischen Handel der New Yorker Börse zeitweise 143,67 Dollar. Experten nannten als Grund vor allem die Dollarschwäche und politische Spannungen. "Der Dollar ist gesunken, und es gibt Nachrichten - vor allem aus dem Mittleren Osten - die den Ölpreis treiben", sagte Rohstoff-Analyst Mark Pervan von der Australian & New Zealand Bank.

Die öffentliche Kritik an "Spekulanten" im Zuge des rekordhohen Ölpreises schwächt sich dagegen ab - aus Mangel an Beweisen. Der US-Kongress hielt innerhalb kurzer Zeit zwar schon mehr als 40 Anhörungen zum Thema ab, um einen Schuldigen am Ölpreis-Schock auszumachen: Doch bisher wurde die Politik in Washington weder bei führenden Konzernen wie Exxon Mobil noch beim weltgrößten Ölkartell Opec fündig. Mit jeder weiteren Anhörung wird deutlicher: Auch die Investoren der Rohstoffmärkte, etwa Pensionsfonds oder Hedge-Fonds, taugen nicht für die Rolle des "Schwarzen Peters".

Zwar ist offensichtlich, dass immer mehr Kapital in die verschiedenen Rohstoffklassen strömt. So verwalten große Fonds derzeit rund 260 Mrd. Dollar in index-basierten Rohstoff-Investments - vor fünf Jahren waren es kaum 15 Mrd. Dollar. Die wachsende Präsenz der Spekulanten sei aber "mehr eine Konsequenz des engen Öl-Marktes als die Ursache", sagt Daniel Yergin, einer der renommiertesten Energieexperten in den USA. Der Chef der Beratungsfirma Cambridge Energy Research wies vor dem US-Kongress kürzlich auf fundamentale wirtschaftliche Faktoren hin, die den Preisanstieg befeuern: die weltweit wachsende Nachfrage nach Öl, Versorgungsengpässe in Ländern wie Nigeria sowie auf die anhaltende Flucht aus dem Dollar, die Anleger ins "schwarze Gold" treibt. Spekulanten könnten zwar für kurzfristige Über- oder Untertreibungen bei Preisen verantwortlich gemacht werden: "Grundsätzliche Trends können sie aber nicht setzen", betont auch Commerzbank-Analystin Barbara Lambrecht.

Selbst einflussreiche US-Politiker wie der New Yorker Senator Charles Schumer vertreten inzwischen die Ansicht, dass man die Preisexplosion schlecht den Spekulanten in die Schuhe schieben kann. Statt dessen, sagt Schumer, solle Amerika besser seinen Ölverbrauch reduzieren und Themen wie Energieeffizienz in Angriff nehmen.

Dennoch halten erste Regulierungsschritte und immer neue Forderungen in den USA Einzug. Ein Entwurf des Senators Joe Lieberman sieht vor, Investoren mit einem Anlagekapital von über 500 Mill. Dollar vom Kauf von Rohstoffen auszuschließen. In der Finanzwirtschaft stoßen derlei Pläne auf Kopfschütteln und Kritik: Rohstoffe gehörten zwingend in ein "umsichtiges, gut diversifiziertes Portfolio, um sich gegen Inflation abzusichern und Schwankungsbreiten zu reduzieren", sagte William Quinn vom Branchenverband CIEBA, der mehr als 115 der größten US-Pensionsfonds vertritt.

In London haben die ersten Regulierungsschritte bereits einen Proteststurm ausgelöst. So wurde die US-Terminbörse Intercontinental Exchange (ICE) angewiesen, Obergrenzen für den Handel mit Öl-Futures einzuführen, die an der Londoner Tochter ICE Futures notiert werden. Die US-Politik sieht den Londoner ICE-Ableger als Hochburg der Ölspekulation, weil dort rund 15 Prozent des Umsatzes mit Terminkontrakten auf die Leichtölsorte West Texas Intermediate (WTI) gemacht werden. WTI-Futures sind neben der Nordseeölsorte Brent der wichtigste Preismaßstab am Ölmarkt. Mit Einführung der Limits müssen Londons Händler die selben Einschränkungen beachten wie ihre Kollegen an der New Yorker Terminbörse Nymex, dem Marktführer für WTI-Terminkontrakte.

Die Verwaltung der City of London spricht bereits von "einer Art amerikanischem Imperialismus". Banker befürchten, dass durch die ICE ein Präzedenzfall geschaffen wird und die deutlich strengeren US-Börsenregeln durch die Hintertür Einzug auch am Finanzplatz London halten. "Die britische Finanzaufsischt FSA kann es sich nicht leisten, dass US-Behörden in ihren Einflussbereich hineinregieren", warnt ein Investmentbanker.

Die Briten sehen dabei ihre jüngsten Errungenschaften auf dem Spiel: London hat New York in den vergangenen Jahren als internationales Finanzzentrum überholt. Ein Grund dafür war die liberalere Regulierung auf der Insel.

Auf dem 19. Welt-Erdölkongress am Montag in Madrid bestritt BP-Chef Tony Hayward, dass es eine "spekulative Blase" auf den Ölmärkten gebe, die den Preis künstlich hoch treibe. Die wichtigste Ursache des Preisanstiegs sei der weltweit steigende Ölverbrauch. Dieser gehe vor allem auf das wirtschaftliche Wachstum in aufsteigenden Industriestaaten wie China und Indien zurück.

Die Vertreter mehrerer Regierungen widersprachen dieser Darstellung. Die Verteuerung des Rohöls habe "eine klare spekulative Komponente", sagte der spanische Industrieminister Miguel Sebastián. Europa benötige eine tiefgreifende Reform der Energiemärkte. Auch der EU-Energiekommissar Andris Piebalgs plädierte für mehr Transparenz auf den Märkten. Damit sollten die Sicherheit und das Vertrauen von Anlegern und Verbrauchern gestärkt werden.

Der Energieminister von Katar, Abdullah al-Attijah, betonte: "Es gibt keinen Mangel an Öl." Zahlreiche Tanks seien voll mit Rohöl, das nicht verkauft werde, sagte er der Deutschen Presse-Agentur dpa auf der Madrider Konferenz. Auf den Ölmärkten gebe es "seltsame Fluktuationen". Möglicherweise spielten auch Spekulanten eine Rolle. Dagegen meinte der Chef von Royal Dutch Shell, Jeroen van der Veer, das Steigen der Preise sei ein komplexes Phänomen, für das man nicht allein die Finanzmärkte verantwortlich machen könne.

Der spanische König Juan Carlos hatte den 19. Welt-Erdölkongress mit einem Aufruf zu einem verstärkten Rückgriff auf "saubere" Formen der Energie eröffnet. "Die Welt verlangt nach einem neuen Modell der Energieversorgung", sagte der Monarch. Das neue System müsse "effizient, transparent und umweltfreundlich" sein.

An dem Treffen in der spanischen Hauptstadt nehmen mehr als 3 000 Delegierte aus über 50 Ländern teil. Dazu gehören Minister aus erdölproduzierenden Ländern, Vertreter internationaler Organisationen und die Chefs großer Mineralölkonzerne. Das Treffen ist vor allem für Experten der Branche bestimmt. Konkrete Beschlüsse werden nicht gefasst.

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