Öl wird nach Einschätzung der Internationalen Energieagentur noch knapper werden. In ihrer Mittelfristprognose warnt die Organisation: Die damit einhergehenden hohen Preise drohen die Weltwirtschaft ähnlich stark wie in den Ölkrisen in den Siebzigern und Achtzigern zu belasten.
MADRID. Auch zahlreiche Vertreter der Ölförderstaaten und der Energiebranche warnten auf dem Weltölkongress in Madrid vor einer zu langsamen Reaktion der Ölproduzenten auf die steigende Nachfrage. "Wir erleben eindeutig einen dritten Ölschock", sagte IEA-Direktor Nobuo Tanaka am Dienstag in Madrid. "Die hohen Ölpreise beginnen das internationale Wirtschaftswachstum zu schwächen." Der Anteil der Ölausgaben an der Wirtschaftsleistung habe bald die Spitzenwerte der frühen 80er-Jahre erreicht. Doch die Reaktionsmöglichkeiten seien heute beschränkter. Die Energieeffizienz sei bereits deutlich höher und neue Ölquellen immer schwerer zu erschließen.
Die IEA-Forscher hatten vor der Revision ihrer Mittelfristprognose damit gerechnet, dass sie die Nachfrageprognose nach unten korrigieren würden. Sie waren aber laut Tanaka schockiert, wie stark sie das auch auf der Angebotsseite tun mussten. Die Nachfrage sehen sie nun von 2008 bis 2012 nur noch um gut sechs Prozent auf 92,4 Mill. Barrel (je 159 Liter) am Tag steigen. Das sind 3,4 Mill. Barrel weniger als die IEA vor einem Jahr erwartete. Seither haben sich die Rohölpreise allerdings auch verdoppelt. Trotz dieses Anreizes sieht die IEA die globale Produktionskapazität langsamer steigen, nämlich um fünf Prozent auf 95 Mill. Barrel am Tag. Das ist eine Abwärtskorrektur von 2,7 Mill. Barrel.
Da die Produktion außerhalb der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) so gut wie stagniert, wird das Wachstum aus dem Kartell kommen müssen, das rund 40 Prozent des Weltmarktes abdeckt. Das wird laut IEA dazu führen, dass die freie Kapazität in der Opec von knapp fünf Prozent der Weltnachfrage 2009 bis 2013 auf nur ein Prozent schrumpft. Störungen wie Kriege, Terrorangriffe oder Stürme könnten dann schnell zu echten Engpässen führen.
Vor diesem Hintergrund sieht IEA-Ölexperte Lawrence Eagles die jüngsten Ölpreissprünge als fundamental nachvollziehbar an. Die Preise hätten steigen müssen, um Ungleichgewichte am Ölmarkt auszugleichen, sagte er. Ein maßgeblicher Einfluss von Spekulanten sei nicht nachzuweisen.
Darüber herrschte in Madrid sowieso große Einigkeit. "Die Preise sagen uns, dass das Ölangebot nicht ausreichend auf die steigende Nachfrage reagiert", sagte BP
-Chef Tony Hayward. Die Produzenten täten sich schwer, den sinkenden Ausstoß reifer Ölfelder mit neuen Quellen zu kompensieren. "Der Markt ist heute viel enger, als wir vor fünf Jahren erwartet hätten", sagte Shell
-Chef Jeroen van der Veer. Die Reaktion der Autofahrer auf die steigenden Preise sei relativ langsam. Auf der Angebotsseite würden neue Projekte immer teurer und zeitaufwendiger.
In der Tat sind Verschiebungen und Verzögerungen bei der Erschließung großer Ölfelder eine Hauptursache für die sinkende Angebotsprognose der IEA. Großprojekte hätten in der Industrie im Schnitt mit Verzögerungen von zwölf bis 15 Monaten zu kämpfen, sagte Eagles. Die Kosten vervielfachten sich teilweise. Prominentestes Beispiel ist das gigantische kasachische Ölfeld Kashagan, dessen Produktionsstart gerade erneut um zwei Jahre auf 2013 verschoben wurde. Bei der Unterzeichnung der Verträge 2000 hatte Konsortialführer Eni
einen Produktionsbeginn 2005 mit 1,5 Mill. Barrel am Tag angekündigt.
Die Hoffnungen der Ölkonsumenten liegen nun auf Saudi-Arabien. Der größte Ölproduzent besitzt auch die größten Reserven und hat angekündigt, ein neues Feld mit einer Kapazität von 2,5 Mill. Barrel am Tag rasch zu erschließen. Insgesamt werde die Opec ihre Kapazitäten bis 2012 um vier Mill. Barrel am Tag erhöhen, kündigte der Präsident der Organisation, Chakib Khelil, in Madrid an.
