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28.11.2007 
Minengesellschaften im Wilden Westen

Gut geplanter Goldrausch

von N. Timiraos, Wall Street Journal

Auf der Suche nach Gold kehren die Minengesellschaften in den historischen Wilden Westen zurück. Die Fortschritte in der Fördertechnik und Preise von über 800 Dollar je Feinunze machen es möglich. Doch der Versuch, längst stillgelegte Minen wiederzueröffnen, trifft auf einzigartige Herausforderungen.

Der verschlossene Eingang zu einer stillgelegten Goldmine im US-Bundesstaat Oregon. Foto: apLupe

Der verschlossene Eingang zu einer stillgelegten Goldmine im US-Bundesstaat Oregon. Foto: ap

SACRAMENTO. Vor fast 160 Jahren stoßen Bergleute in Grass Valley auf Gold, nicht weit von der Stelle entfernt, an der kurze Zeit vorher der kalifornische Goldrausch begonnen hat. In den Bergwerksorten, die sich an die Ausläufer der Sierra Nevada schmiegen, folgen Boom- und Pleitephasen – bis die Goldpreise nach dem Zweiten Weltkrieg schließlich auf Tiefststände fallen. Eine Goldmine nach der anderen wird dichtgemacht. Zurück bleiben Meilen von Schächten und Tunnelsystemen – und nicht entdecktes Gold.

Nun kommen die Minengesellschaften auf der Suche nach dem Edelmetall in den historischen Wilden Westen zurück. Die Fortschritte in der Fördertechnik und Goldpreise von über 800 Dollar je Feinunze (31,10 Gramm) machen es möglich. Auf das stillgelegte Bergwerk „Idaho-Maryland“ in Grass Valley, immerhin einst die zweitergiebigste Goldmine in Kalifornien, hat nun die kanadische Gesellschaft Emgold Mining ein Auge geworfen. Allerdings bringt das auch den Stadtrat in der malerischen 12 500-Einwohner-Gemeinde vor eine schwere Entscheidung: Wie stark soll sich der Ort von seiner Vergangenheit einholen lassen?

Der Versuch von Emgold, die Idaho-Maryland-Mine wiederzueröffnen, trifft auf einzigartige Herausforderungen. Denn es wäre die erste industrielle Goldmine mitten in einer modernen kalifornischen Stadt. An Grass Valley sind die letzten 50 Jahre, seit die Mine dichtgemacht wurde, nicht spurlos vorbeigegangen. Die Bevölkerung des Gebiets hat sich seit 1950 mehr als verdreifacht. Das bedeutet, dass rund 70 Meilen aufgegebener Schächte unter Industriegebieten, Bürogebäuden und Wohnhäusern liegen. Das örtliche Krankenhaus und der vierspurige Highway 49 befinden sich in Sichtweite der Mine, die anderthalb Meilen vom Ortszentrum entfernt ist. Kurzum: Die Schwerindustrie ist der kalifornischen Öffentlichkeit nicht leicht zu verkaufen, zumal der Bundesstaat sehr strenge Umweltgesetze hat.


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„Es ist eine gewaltige Herausforderung“, sagt Bürgermeister Mark Johnson. Der 47-Jährige leitet ein Blumengeschäft, das seine Familie seit 42 Jahren betreibt. „Die Industrie hat zwar zur Gründung dieser tollen Gemeinde geführt, aber es sind halt mittlerweile sehr viele Menschen nach Grass Valley gekommen.“ Andere Einwohner befürchten, dass der Minenbetrieb die hohe Lebensqualität und die landschaftliche Schönheit beeinträchtigt. Diese Faktoren haben viele Berufstätige sowie Rentner angezogen. „Wir haben bereits eine Goldmine hier, und das ist die Schönheit dieser Gemeinde“, sagt der 57-jährige Software-Ingenieur Ralph Silberstein.

Nach Schließung der Mine hatte Grass Valley auf die Forstwirtschaft gesetzt. Als auch dieser Wirtschaftszweig niedergeht, bringt der High-Tech-Sektor die Wende. Schon 1958 wird die Filmtechnikfirma The Grass Valley Group gegründet und macht den Ort zu einer Art Silicon Valley für Rundfunk- und Videotechnik. Zudem haben die Stadtväter geschickt das Bild der Wildwest-Stadt gepflegt: Alte Ziegelsteinhäuser mit eisernen Fensterläden säumen die Hauptstraße und versetzen die vielen Touristen in die Zeit um 1860. Der stete Besucherstrom hat zudem zu einer blühenden Weinindustrie geführt.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Und noch etwas bereitet den Bürgern Kopfzerbrechen.

„Es ist schwer vorstellbar, dass die Touristen weiterhin kommen, wenn riesige Lastwagen durch die Stadt donnern“, sagt David Browstein. Er leitet ein Aktionsbündnis gegen das Goldminen-Projekt. Denn es ist gerade ein paar Jahre her, seit die letzten Altlasten der stillgelegten Mine beseitigt worden sind.

Neben dem verstärkten Verkehr bereitet die Sorge um das Grundwasser den Bürgern das meiste Kopfzerbrechen. Schließlich muss Emgold 700 Millionen Gallonen Wasser (2,65 Millionen Kubikmeter) aus den stillgelegten Schächten pumpen. Die Wasserfrage ist auch nach Ansicht der kalifornischen Landesverwaltung die entscheidende rechtliche Hürde, vor der Emgold steht.

Die Minengesellschaft will sich um all diese Frage kümmern und im kommenden Sommer einen Umweltbericht vorlegen, wenn im Stadtrat die öffentlichen Anhörungen zu dem Projekt beginnen.

Emgold-Betriebschef Dave Watkinson sieht es so: Grass Valley ist landesweit so etwas wie ein Pilotprojekt für die Branche. Kalifornien hat die drittgrößte Minenindustrie der USA, sieht man von Kohle und Treibstoffen einmal ab. Dabei handelt es sich vorwiegend um Sand, Kies und andere Grundstoffe. Die Goldproduktion fiel im vergangenen Jahr um 50 Prozent auf einen Wert von 19,6 Millionen Dollar. Das ist nur ein Bruchteil der gesamten Minenproduktion von 4,6 Milliarden Dollar.

Die Bergleute förderten von 1862 bis 1956 in „Idaho-Maryland“ rund 2,4 Millionen Feinunzen Gold. Dieser Wert wurde lediglich von der Mine „Empire“ in Grass Valley übertroffen, die es auf 5,8 Millionen Feinunzen brachte. „Empire“ ist heute ein Naturschutzgebiet.

Emgold-Manager Watkinson greift ökologische Aspekte auf, indem er von „intelligentem Wachstum“ spricht. Anders als bei anderen Projekten, die im amerikanischen Westen in der Vorplanung seien, könnte ein existentes Bergwerk durch die erneute Erz-Förderung sogar gesäubert werden. „Man nimmt eine historische Industriestätte, wo die Leute sogar zu Fuß oder mit dem Rad zur Arbeit kommen können“, wirbt er für das Vorhaben. Emgold verspricht, dass die moderne Technik einen behutsamen Abbau ermöglicht – auch wenn die Bergleute täglich 30 bis 45 Tonnen Erz fördern sollen, weit mehr als die Tagesförderung von 1,5 Tonnen, als die Mine geschlossen wurde. Zudem hat Emgold eine Methode entwickelt, mit dem sich aus dem Produktionsabfall keramische Fliesen herstellen lassen.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Auch Emgold setzt auf die Job-Karte.

Das Projekt genießt die Unterstützung der meisten Geschäftsleute. Die örtliche Handelskammer freut sich schon auf 400 neue Jobs und eine zusätzliche Lohnsumme von 22 Millionen Dollar durch die Goldmine.

Auf die Job-Karte setzt auch Emgold. „So rosig, wie einige Leute die Lage hier in Grass Valley darstellen, ist es auch wieder nicht“, sagt Betriebschef Watkinson. Schließlich seien viele Rentner der geburtenstarken Jahrgänge hierher gezogen und hätten die Immobilienpreise in die Höhe getrieben. Bürgermeister Johnson räumt ein, dass die Stadt Schwierigkeiten hat, Jobs für jüngere Arbeiter anzubieten. Er sagt: „Wenn sie sich nach einem gut bezahlten Job umsehen, ziehen sie hier weg.“ Gleichwohl hat sich der Bürgermeister noch nicht dazu durchgerungen, ob er einen neuen Goldrausch nun gut oder schlecht finden soll.


Eine Frage der Alternativen

Große Mode: Gold ist unter Anlegern seit gut fünf Jahren wieder sehr begehrt. Der Beginn des jüngsten Goldrauschs an den Märkten fällt mit dem Aktiencrash zu Beginn des Jahrzehnts zusammen. Zuvor war das Edelmetall 20 Jahre lang zumindest als Investment ein Ladenhüter mit einer lausigen Wertentwicklung.

Kleiner Markt: Seit dem Platzen der Aktienblase vor gut fünf Jahren empfehlen Befürworter Gold als sicheren Hafen für Anleger, als Inflationsschutz und sagen zudem noch eine grandiose Wertentwicklung voraus. Die Goldpreisentwicklung (s. Grafik) mahnt aber zur Vorsicht. Viele Anlagealternativen waren da wertbeständiger. Zudem ist der Markt sehr eng: 2006 kauften Anleger weltweit für insgesamt 13 Milliarden Dollar Gold.

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