Was viele Bürger freut, bereitet Experten allerdings zunehmend Sorge: Die Milliardensummen aus dem Ölgeschäft sind äußerst gefährliche Preistreiber. Die Verbraucherpreise kletterten im Juli dieses Jahres zum Vormonat um 0,9 Prozent. Die Teuerung ist auf Kurs, in diesem Jahr die Zielmarke der Notenbank von acht Prozent zu übertreffen. Die Währungshüter haben klargemacht, dass sie alles tun werden, um die Inflation im Zaum zu halten. Entweder erhöhen sie die Zinsen – oder sie werten den Rubel durch Dollarverkäufe auf. Dennoch lauert die Inflationsgefahr konstant: Noch nie ist so viel Geld ins Land geflossen – in diesem Jahr alleine 67 Milliarden Dollar.
Allein die täglichen Einnahmen aus dem Ölgeschäft belaufen sich auf rund 600 Millionen Dollar. Die Währungsreserven des Landes stehen bei über 400 Milliarden Dollar, im Stabilisierungsfonds, der die Überschüsse aus dem Verkauf von Öl und Gas auffängt, haben sich 120 Milliarden Dollar angesammelt. Das macht Appetit: Wegen der anstehenden Parlaments- und Präsidentschaftswahlen hat die Regierung bereits die Ausgaben angekurbelt.
Als Mahner betätigt sich derzeit Alexej Leonidowitsch Kudrin. Er ist Russlands Finanzminister. Wenn Kudrin im großen Konferenzsaal seines Ministeriums unweit des Luxuskaufhauses Gum am Kopfende des Tisches Platz nimmt, schauen gleich mehrere Dutzend seiner Vorgänger aus gerahmten Porträts auf ihn herab. Der Minister mit der leisen, ruhigen Stimme und dem Aussehen eines Sparkassenpräsidenten weiß, dass sich die Bilanz seiner sieben Jahre im Amt im Gegensatz zu der einer Reihe seiner Vorgänger sehen lassen kann. Also wagt er Worte der Kritik in Richtung seiner Kabinettskollegen: „Der starke Rubel ist keine Idee der Zentralbank“, erklärte er vergangene Woche, sondern sei Ergebnis exzessiver Ausgaben. „Ein Land, das solche Umsätze aus dem Verkauf von Öl und Gas hat und beginnt, sie auszugeben, hat bereits die Holländische Krankheit.“
Die „Dutch Disease“ – seit in den 60er-Jahren die Niederlande dank der Entwicklung ihrer Öl- und Gasvorkommen in den „Genuss“ von Rohstoffexporten kamen, gelten die nachfolgenden volkswirtschaftlichen Verwerfungen als ein abschreckendes Modell: Der Außenhandelsüberschuss stärkt die Währung und macht einheimische Produkte auf dem Weltmarkt teurer. Nicht nur das: Weil Importe immer billiger werden, kommen die heimischen Angebote unter starken Konkurrenzdruck.
Dabei ist doch gerade dies das Ziel, dem sich die Regierung unter Wladimir Putin verschrieben hat: die Wirtschaft auf eine breitere Grundlage zu stellen. Die Welt soll nicht nur Öl und Gas aus Russland abnehmen, sondern auch russische Software oder Flugzeuge. Selbst ohne den starken Rubel haben es russische Produkte aber schwer, konkurrenzfähig zu sein: Die Arbeitsproduktivität steigt bei weitem nicht so schnell wie die Löhne. Der sogenannte Big-Mac-Index, den der „Economist“ errechnet und der mit Hilfe des Preises für das weltweit gefragte Fleischbrötchen die Kaufkraft einer Währung im Vergleich zum Dollar darstellt, sagt dem Rubel sogar noch ein erhebliches Potenzial voraus: Die russische Währung ist demnach um 41 Prozent unterbewertet.
Längst ist der Rubel zum „Petro-Rubel“ geworden. „Seit Beginn des Jahres entwickelt sich der Währungskurs immer stärker in Abhängigkeit des Ölpreises“, beobachtet Christopher Weafer, Chefstratege bei der Alfa-Bank. Das zeige vor allem eines: Als 2006 alle Restriktionen zum Handel mit der russischen Währung fielen, haben sich große internationale Banken eingedeckt. Für ihre Händler ist der Rubel vor allem eine volatile „Ölwährung“.
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