Die trüben Konjunkturaussichten begrenzen das Aufwärtspotenzial für die Preise im Metallsektor. Die Preise liegen nur noch um knapp neun Prozent über dem Stand vom Jahresanfang. Gründe dafür: Beträchtliche Bedarfskürzungen in China und Anzeichen für eine Abschwächung der Edelstahlkonjunktur in den USA und Europa.
LONDON. Die Rohstoffmärkte zeichnen kein einheitliches Bild: Während der Optimismus am Ölmarkt nahezu ungebrochen ist, bröckeln die Preise für die Industriemetalle weiter ab. Seit Anfang März ist der LMEX-Gesamtpreisindex der Londoner Metallbörse um etwa ein Sechstel gefallen. In der Rally zuvor, waren die Preise seit Mitte Dezember 2007 um etwa 35 Prozent in die Höhe geschnellt. Überdurchschnittlich waren wegen Versorgungsstörungen die Preise für Kupfer und Aluminium gestiegen.
Inzwischen drücken aber vor allem negative Konjunkturindikatoren auf die Metallpreise. So deutet der letzte OECD Lead Indicators (LI) eindeutig für die nächsten sechs Monate auf eine Abschwächung der Industriekonjunktur der westlichen Welt hin. "Das Wachstum dieser Region könnte in den nächsten sechs Monaten zum Stillstand kommen, möglicherweise sogar Minuswerte aufweisen", warnt Max Layton von Macquarie Research in London.
"Die Positionen der Hausse-Spekulanten an den Metallmärkten sind inzwischen weitgehend aufgelöst", beschreibt Layton die Lage. Bei Zink, Nickel, Blei und neuerdings auch Kupfer gäben die Baisse-Spekulanten, die auf fallende Preise setzen, den Ton an. Ein Indiz dafür sei das "open interest", offene spekulative Positionen bei gleichzeitig sinkenden Preisen. Die Preise des Metallsektors, traditionsgemäß in Dollar, liegen damit nur noch um knapp neun Prozent über dem Stand vom Jahresanfang. Für Investoren aus dem Euro-Raum belief sich der Wertzuwachs seitdem auf lediglich 2,5 Prozent.
"Der Sektor scheint auf den gegenwärtigen Preisen festzusitzen und gelegentlich folgt er dem Auf und Ab des Dollars", meint ein Londoner Metallhändler. Michael Lewis von der Deutschen Bank
in London hält indes unbeirrt an seinen Favoriten für 2008 fest: "Wir setzen weiterhin auf Aluminium und Kupfer, bei Aluminium wegen der wachsenden Nettoimporte Chinas, bei Kupfer wegen der Produktionsprobleme in einer Reihe von Exportländern." Chile, der größte Kupferproduzent der Welt musste im ersten Quartal wegen Produktionsausfällen auf Vorräte zurückgreifen, um seinen Lieferverpflichtungen nachzukommen.
Die Kupfer-Haussiers erwarten, dass China seine stark dezimierten Vorräte schon bald wieder aufstocken wird. "Dazu wird sie (die Chinesen) auch der derzeit verhältnismäßige niedrige Preis am Weltmarkt animieren", meint Michael Khosrowpour von Triland Metals in London. Nach dem Erdbeben sei ferner mit einem höheren Kupferbedarf des Landes für Infrastrukturinvestitionen zu rechnen, meint Eugen Weinberg von der Commerzbank
. Dass die Short-Positionen der Baissiers an der New Yorker Comex jetzt erstmals seit vier Monaten die Long-Positionen der Haussiers übersteigen, spreche jedoch für eine weitere Preiskorrektur.
"Für günstig" hält Weinberg das Preisniveau für Nickel. Das zu zwei Dritteln von der Weltstahlindustrie verbrauchte Legierungsmetall beginne nach einer Halbierung des Preises binnen Jahresfrist für Anleger wieder interessant zu werden. Die hohen Vorräte verzeichneten erstmals seit langem Rückgänge.
Schon die Ankündigung kleinerer Produktionsausfälle eines Nickelbergwerks in Westaustralien reichte dieser Tage, um den Preis binnen eines Tages um sieben Prozent nach in die Höhe zu katapultieren. Deckungskäufe nervös gewordener Baissespekulanten waren dabei ein wichtiger Marktfaktor. Außerdem kauften die Nickelverbraucher wegen des niedrigsten Preises seit zwei Jahren in großem Stil ein. John Reade von UBS
schließt in diesem Umfeld einen kurzfristigen Preisausbruch auf 25 000 Dollar je Tonne nicht aus.
Max Layton von Macquarie ist indes skeptisch. Er fasst nüchtern die "fundamentals" zusammen, die den Preisverfall des Metalls zuletzt sogar noch beschleunigt hätten: beträchtliche Bedarfskürzungen Chinas im Mai und Juni und Anzeichen für eine Abschwächung der Edelstahlkonjunktur in den USA und Europa. Selbst für Kevin Norrish von Barclays Capital, der die stark gestiegenen Industriemetallpreise meist mit optimistischen Prognosen begleitet hat, wäre ein erneuter Anstieg des Nickelpreises "nur von kurzer Dauer".
Auch die Zink- und Bleipreise sind wegen des nun reichlichen Angebots seit Jahresbeginn um 25 Prozent, Zink sogar auf den niedrigsten Stand seit 2005, gefallen. Sollte Zink noch billiger werden, müssten erste Minen schon bald schließen, meint ein Londoner Händler. Layton zufolge ist das Tief noch nicht erreicht: "Selbst wenn sich der Preis in den nächsten Monaten vorübergehend erholen sollte, lassen uns die voraussichtlich noch bis 2009/10 andauernden Überschüsse davon ausgehen, dass der Preis noch nicht den absoluten Tiefstand (rock bottom) erreicht hat."
In relativer Sicherheit können sich dagegen laut Norrish von Barclays
noch die Investoren am Zinnmarkt wähnen. Der binnen Jahresfrist um etwa 50 Prozent gestiegene Preis pendele weitgehend stabil um die Marke von 22 000 Dollar je Tonne. Die Produktion Indonesiens, des bei weitem größten Zinnexporteurs der Welt, sei weit davon entfernt, sich zu normalisieren, während China wegen seines gestiegenen Eigenbedarfs seine traditionelle Rolle als Netto-Exporteur vorläufig nicht wieder aufnehmen werde.
